Leserbrief: Spitalstandort als Nagelprobe für die Zusammenarbeit
29.11.2007 Gesundheitswesen, Saanenmöser, Obersimmental, Leserbriefe, SaanenWie zu erwarten, schlägt die Nachricht eines Spitalneubaus in Saanenmöser hohe Wellen. Ernst Hodel, Gemeinderatspräsident Zweisimmen 1990-1997, tut seinen Missmut über den Entscheid kund und appelliert an eine bessere Zusammenarbeit der Regionen Saanenland und Obersimmental.
Von Ernst Hodel
In der letzten Woche veröffentlichte der Verwaltungsrat der Spital Thun-Simmental- Saanenland AG (STS) seinen Entscheid zur Frage «Standort des neuen Akutspitals im westlichen Oberland». Die vorgelegte Variante an der äussersten Gemeindegrenze von Saanen, unattraktiv hinter dem Saanersloch-Parkplatz gelegen, ist nicht mehr als eine Notlösung. Ausser dem Umstand, dass diese Landfläche noch ganz knapp in der Gemeinde Saanen liegt, gibt es (auch für Saaner!) keinen einzigen Grund, der dafür spricht! Der Neubau soll 20 Millionen kosten. Das ist reine Augenwischerei. Jedermann weiss, dass zu diesem Preis bestenfalls ein (einfacheres)
Nobelchalet zu erbauen ist!
Egal ob in Saanen, Saanenmöser oder in
Zweisimmen neu gebaut wird, muss mit Kosten von mindestens einer
Million Franken pro Spitalbett gerechnet werden. Dazu kommen (nur in
Saanenmöser) hohe Kosten für Landkauf, Erschliessung, Strassenanschluss
und für die zusätzlichen Baukosten wegen der Hanglage. Nicht zu
vergessen sind alle Spital-Zusatzdienstleistungen, die zwangsläufig in
Saanenmöser angesiedelt werden müssen. Weiter sei die Frage erlaubt,
wer den Umbau des bestehenden Spitals Zweisimmen zum Zentrum für
Langzeitpflege finanziert? Die Spital STS AG und der Spitalverband
Obersimmental verfügen in Zweisimmen über genügend eigenes und
kostenloses, in allen Bereichen voll erschlossenes und ebenes Bauland
direkt an der Hauptstrasse. In Saanenmöser ist die verkehrsmässige
Anbindung an die Hauptstrasse nur mit einer millionenschweren
Brückenverbindung von Talseite zu Talseite zu realisieren. In Zweisimmen kann zudem auf bestehende, gut funktionierende Strukturen
aufgebaut werden (Arztpraxen, REGA-Basis, Rettungsdienste,
Alterspflege, Spitex, Apotheken, Dienstleistungen, Anschluss ans
bestehende Fernwärmenetz, Wohnangebot, usw.). Auch die aktuellen
Behandlungszahlen sprechen eine deutliche Sprache zu Gunsten von
Zweisimmen (2276 Patienten) gegenüber 1223 in Saanen.
Ein Akutspital in Saanenmöser (mit aktuell etwa 120 ständigen
Haushalten) wird diesen Ort nachhaltig verändern. Zur Sicherstellung
des Spitaldienstes wird im Laufe der Jahre ein grosser Raumbedarf für
Wohnungen und Dienstleistungen entstehen. Saanenmöser wird sich vom
reinen Tourismusort zum vom Spitalbetrieb geprägten Zentrum wandeln.
Werden die spitalbedingten Umtriebe und Immissionen bei
Rettungseinsätzen mit Ambulanzen, Helis und der Zusatzverkehr von
Einheimischen und von den Hotel- und Chaletgästen mitgetragen?
Aus all diesen Gründen ist es schlicht nicht nachvollziehbar, wie der
sechsköpfige STS-Verwaltungsrat – ohne jemals beteiligte
Gemeindevertreter konsultiert zu haben – zum Standort Saanenmöser
gekommen ist. Die Überzeugungskraft und das mustergültige Lobbying des
Saaner Gemeinderatspräsidenten und STS-Verwaltungsrats Res Hurni hat
Wirkung gezeigt. Die fünf anderen VR-Mitglieder, inklusive dem
«Obersimmentaler Vertreter», Albert Sommer, Lenk, sind den Verlockungen
aus Saanen offensichtlich kritiklos erlegen. Im Grossen Rat ist das
Vorgehen des STS-Verwaltungsrates umgehend gerügt worden.
Was mich darüber hinaus mit grosser Sorge erfüllt, ist schleichende
Aushöhlung und Abwanderung aus dem Simmental. Seit jeher in zwei
Amtsbezirke gegliedert, führt die vom Kanton «verordnete» dezentrale
Zentralisierung zu gravierenden Folgen. Das Tal wird gleichsam von zwei
Seiten amputiert. Das Niedersimmental sieht seine Institutionen
Richtung Thunersee und Frutigen abwandern. Aus dem Obersimmental findet
der Auszug Richtung Saanenland statt. Dieser Exodus hat mit dem
Spitalentscheid einen neuen Höhepunkt erfahren und wird sich in dessen
Folge weiter verschärfen. Dabei müssten doch eigentlich in einem
funktionierenden Staatswesen die Stärkeren gelegentlich auch auf
Schwächere Rücksicht nehmen. Eine ausgewogene und vertrauenswürdige
Zusammenarbeit über den Saanenmöserpass hinweg, wie sie in Einzelfällen
(Beispiel Nationalratswahlen) gelebt wird, wäre das Rezept für eine
beidseitige nachhaltige Prosperität. Die Frage des Spitalstandorts wird
zur bedeutsamsten Nagelprobe. Geschätzte Saaner/innen: «Stecket den
Zuun nicht zu wiit». Ein Einrenken in der Spitalfrage wäre ein Akt des
Grossmuts und die Basis für die eine vertrauensvolle weitere
Zusammenarbeit im Bezirk. Darum: Zurück an den Start! Es ist eine
zweite gewissenhafte und von einer neutralen Instanz begleitete Prüfung
aller kurzfristigen Vorteile und Nachteile und der längerfristigen
überregionalen Auswirkungen auszuarbeiten. Dass die lokalen Behörden in
diesen Prozess einzubeziehen sind, versteht sich von selbst. Wenn man
dann zum eindeutigen Schluss kommt, dass das neue Akutspital
tatsächlich in Saanenmöser zu stehen kommen soll, werden auch die
Obersimmentaler zustimmen. Im Moment ist Saanenmöser weder der einzige
mögliche noch der beste Standort!
ERNST HODEL, ST. STEPHAN,
GEMEINDRATSPRÄSIDENT ZWEISIMMEN 1990–1997
* * *
P.S. Dass die Redaktion des «Anzeigers von Saanen» mir als Teilzeit-Mitarbeiter die Gelegenheit zur Publikation eines Leserbriefs in dieser heiklen Angelegenheit gibt, ist nicht selbstverständlich und spricht für die offene Auslegung der Meinungsäusserungsfreiheit des Organs. Danke!

