Kolumne: Jet-Ski
03.03.2008 Leserbeitrag
Von Sigi Amstutz
Der allerneuste Hochgeschwindigkeits-Ski? Ein sensationeller, UV-Strahlen absorbierender Skianzug? Oder eine bisher unbekannte Fahrtechnik, die aufs Saisonende lanciert werden soll? Nein, nichts von alledem. «Jet-Ski» sind Wassertöffs. Und diese dürften schon bald auf Schweizer Seen herumlärmen, wenn es nach dem Bundesamt für Verkehr (BAV) ginge. Da schiesst ein solcher Töff mit 60 km/h heran, legt knatternd und röhrend eine Kurve hin, Wasser kracht gegen die Ufer, schreckt Mensch und Tier auf – und schon tanzt das Ding im aufwirbelnden Wasserstaub davon. «Jet-Ski!» Und – so das BAV – diese Töffs dürfen sich jetzt Sportboote nennen, da deren Leistung keiner Grenze unterliegt. Kurz: Fahrten auf bestimmten Wasserflächen sind erlaubt, 1 Std. nach Sonnenaufgang bis 2 Std. vor Sonnenuntergang. Bei klarer Sicht. Schöne Aussichten.
Übrigens: Die Wassertöffs haben einen Fäkalientank. Dieser darf – man staune – einen direkten Abfluss haben, der jedoch während der Fahrt mit einem Ventil verschlossen bleibt; denn die Fäkalien sollen an Land deponiert werden, das ist doch klar. Ach wirklich? Gut möglich, dass dem sensiblen Wassertöffler Kopfhörer mitgeliefert werden, damit er den eigenen Lärm nicht zu hören bekommt. Wie wärs mit Berieselungs- und Bedudelungsmusik? Die anderen, psychisch robusteren Fahrer werden bestimmt Gefallen finden an ihrem selbstverursachten Krach. Denn: Wer ungehindert Lärm machen darf, hat Macht über seine Mitmenschen, die sich zwar nach Ruhe sehnen, aber ohnmächtig sind. Akustische Gewalt. Ein Diktator namens H. hat vor siebzig Jahren gesagt: «Ohne Lautsprecher keine Herrschaft!» Jeder Mensch entscheidet selber, ob Geräusche für ihn Lärm sind oder nicht. Für mich ist es so: Wenn ich einsehe, dass ein Lärm einfach unvermeidlich ist, wenn er z.B. durch notwendige Arbeit oder durch viele friedliche Menschen entsteht (Sportveranstaltungen, Feste, Demonstrationen, Rockkonzerte usw.), dann kann ich damit positiv umgehen. Wenn aber Erholungsgebiete von Einzelnen rücksichtslos beschallt werden, dann hört meine Akzeptanz auf. Ich werde ärgerlich, ja, der ohrenbetäubende Schall übertönt mein klares Bewusstsein, ich bin nahe dabei, meine Selbstbeherrschung zu verlieren. Lärm macht verletzlich, erzeugt Stress, versetzt mich in einen Alarmzustand. Forscher behaupten, dass ein Embryo schon drei Monate vor der Geburt hört und dass sein Innenohr zu diesem Zeitpunkt bereits voll entwickelt sei. Ohropax für lärmbedrohte Ungeborene? Zurück zum Wassertöff. Noch muss die neue Verordnung des BAV in die Vernehmlassung. Die Kantone und Gemeinden haben das letzte Wort. Sollten die Wassertöffs, was zu hoffen ist, auf Schweizer Seen verboten werden, gingen bestimmt keine Arbeitsplätze verloren. Dafür gewännen Menschen das, was Georg Trakl in einem Gedicht unvergleichbar schön ausdrückt: «Stille wohnt in blauen Räumen einen langen Nachmittag.»

