Kolumne: Aber, aber!

  27.05.2008 Leserbeitrag

Von Sigi Amstutz
Vielleicht erinnern Sie sich noch an das, was am Freitag, 11. April los war: Solidaritätskundgebung für Bundesrätin Widmer-Schlumpf auf dem Bundeshausplatz in Bern. 10 000 Menschen sollen es gewesen sein – aber vielleicht gehören ja kritische Menschen nicht zum so genannten «Volk». Und was bringt die «Sonntags-Zeitung» zwei Tage später auf ihrer Frontseite? Ein Grossbild von Hakan Yakin, sichtlich mitgenommen sieht er aus, bleich. YB hat nämlich gegen GC verloren, der Meisterschaftstitel ist in Gefahr, eine ernste sportliche Bedrohung liegt vor …. Von der Demo aber kaum ein Wort, dafür – auf Seite 3 – ein (einseitiger) Kommentar von Christoph Blocher zur Demo. Wie das tönt, beschreibe ich nicht. Als Abonnent der «Sonntags-Zeitung» denke ich: aber, aber! Setze mich hin, schreibe dem Chefredaktor einen geharnischten Brief, werfe ihm eine miserable journalistische Leistung vor. Unerwartet und zu meiner Freude kommt einige Tage später eine Antwort, deren Schluss lautet: «Tatsächlich haben wir bei dieser Thematik die Perspektive der Demo-Teilnehmer nicht berücksichtigt – dem Ärger oder der Wut vieler Bürger über die SVP keinen Ausdruck verliehen. Das ist im Nachhinein gesehen ein Manko.» Unterzeichnet von einem Herrn namens Andreas Durisch, Mitglied der Chefredaktion. Warum ich das erzähle? Etwas verschweigen, sich zu einem Ereignis nicht äussern, es nicht erwähnen, kann sehr politisch sein.

Sich einer Äusserung enthalten kann gleich viel bedeuten wie ein Geschehnis gutheissen oder zumindest tolerieren. Wenn Anita Moser als Chefredaktorin des «Anzeigers von Saanen» den Eindruck hat, sie müsse Stellung nehmen zu dem üblen Kesseltreiben gegen Bundesrätin Widmer-Schlumpf, dann soll, dann muss sie es tun, ob das nun manchen Leuten passt oder nicht. Immerhin hat der ehemalige, hoch geachtete und mehrmals wiedergewählte Bundesrat H.P. Tschudi gesagt, die Jagd gegen Frau Widmer-Schlumpf sei der grösste schweizerische Politskandal seit dem Zweiten Weltkrieg. In seinem – für mich zu langen – Leserbrief vom 23. Mai findet Walter Raaflaub, Schönried, die Redaktion müsste sich logischerweise auch zu anderen innenpolitischen Themen äussern, oder, wenn es denn unbedingt sein müsse, halt einen Leserbrief schreiben. Ein solches Ansinnen finde ich – gelinde gesagt – schulmeisterlich und lächerlich. Zudem unterstellt Walter Raaflaub der neuen Bundesrätin «verräterische» Absprachen. Frage: Was ist wohl gravierender, eine Bundesrätin «Verräterin» oder «Wildsau » zu nennen? Für mich steht fest: Anwürfe dieser Art widern mich an, ganz egal, wer sie von sich gibt, ein Arzt oder ein «Pfarrbruder». Journalismus, das habe ich mittlerweile herausgefunden, ist ein schwieriges und komplexes Metier. Immer ist er selektiv, immer wird er die Tatsachen interpretieren, gewichten, werten, beurteilen. Das soll und darf er. Aber: Ein Urteil über einen Menschen ist für mich nur dann glaubwürdig, wenn es fair ist. Jeder verbale Tiefschlag, jede Herabsetzung und Beleidigung lehne ich strikt ab. Und wenn ein Leserbrief dann noch mit einer unverhohlenen Drohung – Abonnementskündigung – verbunden ist, dann denke ich an das, was der Philosoph Arthur Schopenhauer gesagt hat: «Drohungen sind untrügliche Zeichen der eigenen Schwäche.»


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