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Das Rettungswesen in der Kritik: «Priorität hat der Patient»

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Beat Baumgartner und Gabriela Zürcher (Foto: Anita Moser)


In Teilen der Bevölkerung im Saanenland ist ein latentes Unbehagen gegenüber dem Rettungswesen spürbar. Früher sei alles besser gewesen. Jetzt seien zu wenige Ambulanzen vor Ort und die Wartezeiten zu lang, kurz: das Rettungswesen sei nicht «Gstaad like». Beat Baumgartner, stellvertretender Leiter des Rettungsdienstes der STS AG, und Gabriela Zürcher, Leiterin Administration, nehmen zu den Vorwürfen Stellung.


Im Anschluss an ein Skirennen an der Huble kam es am Samstag, 23. Januar zu einem Unfall. Die Meldung, dass keine Ambulanz verfügbar gewesen sei, sorgte für Diskussionen und Kritik. Die Situation sei bedenklich, so die Stimmen aus dem Umfeld des organisierenden Skiclubs («Anzeiger von Saanen» vom 26. Januar). Der Anrufer, der die Notfallnummer 144 gewählt hatte, schildert auf Anfrage des «Anzeigers von Saanen» die Situation so: «Nachdem ich über die Art der Verletzung Auskunft gegeben hatte, wurde mir mitgeteilt, dass im Moment keine Ambulanz verfügbar sei. Es dauere länger, bis eine vor Ort sei, ob wir den Patienten selber ins Spital bringen könnten. Wenn nicht, sollten wir uns wieder melden.» Man habe dann den Verletzten – er hatte eine Schlüsselbeinverletzung – mit dem Privatauto ins Spital gefahren.
Für Rettungssanitäter Beat Baumgartner ist die Sachlage keine ungewöhnliche. Er hält fest, dass die kantonale Sanitätsnotrufzentrale SNZ autonom handelt und alle bodengebundenen Rettungsdienste koordinert. «Die SNZ versucht immer, die bestmögliche Lösung zu finden. Wäre der Patient schwerer verletzt gewesen, hätte sie vermutlich den Helikopter angefordert», betont der stellvertretende Leiter des Rettungsdienstes der STS AG im Interview mit dem «Anzeiger von Saanen».

Beat Baumgartner, wie viele Ambulanzen sind an welchen Standorten stationiert?
Beat Baumgartner (BB): Tagsüber sind in unserem Einzugsgebiet sechs Ambulanzen im Einsatz. Während der Hauptsaison ist eine im Spital Saanen und eine im Spital Zweisimmen stationiert, die restlichen in Thun und Gesigen.

Und während der Zwischensaison?
BB: Während der Zwischensaison steht für beide Standorte eine Ambulanz rund um die Uhr bereit. Zudem steht für das Obersimmental-Saanenland praktisch das ganze Jahr über ein Firstresponder zur Verfügung.

Was ist ein First­responder?
BB: Ein Firstresponder ist ein diplomierter Rettungssanitäter, der mit einem Ersteinsatzfahrzeug (mit Sondersignal), das ausgerüstet ist mit allen medizinischen Hilfsmitteln – ähnlich wie ein Ambulanzfahrzeug – zur Verfügung steht. Allerdings können damit keine Personen transportiert werden.

Nachdem die STS AG das Rettungswesen im Januar 2007 übernommen hat, sah das Konzept vor, dass in den Spitälern Saanen und Zweisimmen tagsüber je zwei Ambulanzen und nachts je eine Ambulanz stationiert sind – plus einem Pikettfahrzeug für beide Regionen. Das Konzept wurde aber offenbar nicht wie geplant umgesetzt.
BB: Zu Beginn unserer Tätigkeit wurde klar festgehalten, dass wir nach einer Versuchsphase die Dienste den Bedürfnissen in der Region anpassen. Die knappen Ressourcen müssen über das gesamte Einsatzgebiet optimal eingesetzt werden. Je zwei Ambulanzfahrzeuge und zwei Teams rund um die Uhr an beiden Standorten würden schlicht nicht den Bedürfnissen entsprechen. Nicht zuletzt ist dies auch eine Frage der Kosten. Ich kann Ihnen aber versichern, dass im Saanenland und im Obersimmental mit dem Rettungsdienst der STS AG, den beiden Heliunternehmungen und den Notfallärzten eine gute und lückenlose Versorgung angeboten wird. Diesen Winter beispielsweise gab es gemäss unseren Auswertungen keinen einzigen Engpass, auch nicht, als ein Unfall zwischen St. Stephan und Lenk fünf Verletzte forderte.

Wie ist das Rettungswesen organisiert – oder anders gefragt, wer bietet die Ambulanz auf?
Gabriela Zürcher (GZ): Aufgeboten werden wir via Notrufnummer 144. Ist die Ambulanz aus Saanen bereits im Einsatz, wird die Ambulanz aus Zweisimmen aufgeboten. Sind beide ausgerückt, wird ab Gesigen eine weitere Ambulanz losgeschickt. Wird sie nicht benötigt, fährt sie wieder zurück, sobald eine der beiden anderen zurück beim Stützpunkt ist. Bei Bedarf können aber auch mehrere Ambulanzen aufgeboten werden, zum Beispiel waren am vorletzten Donnerstag gleich vier Fahrzeuge in der Region Saanenland-Obersimmental unterwegs.

Immer wieder ein Thema ist der Schichtwechsel am Morgen. Wie läuft der genau ab?
BB: Arbeitsbeginn für unsere Teams ist Gesigen. Jeweils am Morgen fährt ein Team – ein Rettungssanitäter und ein Transporthelfer – in Gesigen los. Die Ambulanz mit dem Team, das in Saanen 24 Stunden Dienst geleistet hat, fährt in Saanen erst los, wenn die Ablösung im Obersimmental angekommen ist. Das heisst, der Wechsel findet zwischen Zweisimmen und Saanen statt.

Und wenn während des Wechsels ein Unfall passiert?
GZ: Dann übernimmt diejenige Equipe, die näher am Einsatzort ist.

Im Kanton Bern gilt die Regel 80/30. Das heisst, 80 Prozent der Bevölkerung müssen innerhalb von 30 Minuten erreichbar sein. Im Saanenland hört man oft die Kritik, dass lange – zu lange – auf die Ambulanz gewartet werden muss.
GZ: Im Saanenland haben wir im Durchschnitt die gleiche Erreichbarkeit wie in der Region Thun. Im Schnitt waren wir im vergangenen Jahr in weniger als 15 Minuten nach Eingang des Alarms vor Ort – die Verlegungsfahrten miteinbezogen. Für Verlegungen werden in der Regel keine Ambulanzfahrzeuge von den beiden Stützpunkten Saanen und Zweisimmen abgezogen, Verlegungen werden von Gesigen aus gemacht, da sie mehrheitlich planbar und nicht dringlich sind.
BB: Es gibt ganz wenige Patienten, die mehr als 30 Minuten warten müssen. Die Gründe dafür sind unterschiedlich: sehr abgelegene Einsatzorte oder schwierige Strassenverhältnisse – im Winter müssen wir manchmal Schneeketten montieren. Und wenn der Helikopter wegen schlechtem Wetter nicht fliegen kann, kann es vereinzelt auch zu längeren Wartezeiten kommen.
GZ: Wir rechnen die Zeit von der Alarmierung der Ambulanz bis zu deren Eintreffen und nicht ab dem Zeitpunkt des Unfalls. Man vergisst gerne, dass oft auch Zeit verstreicht bis zur Alarmierung – manchmal wird erst der Hausarzt oder der Notfallarzt gerufen und dieser alarmiert dann den Rettungsdienst. Auf die Zeit vor der Alarmierung haben wir keinen Einfluss.

Kommen wir zurück auf den Fall vom 23. Januar. Verstehen Sie die negativen Reaktionen auf den Umstand, dass keine Ambulanz verfügbar war?
BB: Konkret Stellung zum Fall nehmen kann ich nicht, da der Alarm ja nicht bis zu uns gekommen ist. Ich kann die Frage nur allgemein beantworten: Priorität hat ganz klar und immer der Patient. Es ist nie angenehm, wenn man warten muss und dazu noch Schmerzen hat oder friert. Kommt es zu Engpässen – und die können vorkommen – müssen wir wie alle anderen auch Prioritäten setzen. Sind alle Fahrzeuge im Einsatz, wird nach Dringlichkeit und Verfügbarkeit «selektioniert» und nach den bestmöglichen Lösungen gesucht. Es gibt die Dringlichkeitsstufen 1 bis 3. D1 heisst sehr dringlich und kann lebensbedrohlich bedeuten, D2 ist zum Beispiel eine Fraktur und D3 sind in der Regel Verlegungsfahrten. Je nach Schweregrad oder eben Dringlichkeit werden Helikopter, Ambulanzfahrzeug oder auch mal ein Taxi aufgeboten.

Das heisst, es kann sein, dass ich die Notrufnummer wähle und man schickt mir ein Taxi?
BB: Grundsätzlich nicht. Der Pistenpatrouilleur hat aber die Möglichkeit ein Taxi zu organisieren, wenn es sich um einen Bagatellunfall handelt – zum Beispiel um eine Verstauchung – unabhängig davon, ob eine Ambulanz zur Verfügung steht oder nicht. Mit drei Taxiunternehmungen bestehen diesbezügliche Vereinbarungen. Schlussendlich bestimmt aber der Patient. Besteht er trotz geringfügiger Verletzung auf einer Ambulanz, muss er bei Engpässen allenfalls Wartezeiten in Kauf nehmen. Ist die Verletzung schwerwiegender und die Ambulanz nicht innerhalb einer nützlichen Frist verfügbar, wird der Helikopter aufgeboten. 

Wer entscheidet über die Dringlichkeit?
BB: Geht der Anruf bei der Notrufnummer 144 ein, wird die Triage dort gemacht aufgrund von Befragungen. Passiert der Unfall auf der Skipiste, selektioniert der Pistenpatrouilleur: entweder er bringt den Patienten mit dem Rettungsschlitten ins Tal, wo er vom Rettungssanitäter versorgt und mit der Ambulanz  ins nächstgelegene Spital gebracht wird, oder er bietet bei Bedarf direkt den Heli auf. Bei Bagatellunfällen kann es aber auch wie erwähnt vorkommen, dass ein Taxi den Patienten an der Talstation abholt und ihn ins Spital oder auf Wunsch zum Arzt fährt. 

Wie viele Einsätze haben Sie im Schnitt pro Jahr?
GZ: Im vergangenen Jahr zählten wir an den beiden Stützpunkten Saanen und Zweisimmen zusammen 1212 Einsätze, 25 Prozent (308 Fälle) Dringlichkeitsstufe 1; 39 Prozent (469 Fälle) D2 und 36 Prozent (435 Fälle) D3. Am meisten Einsätze verzeichnen wir zwischen Mitte Dezember und Ende März.  

Arbeiten Sie auch mit dem Spital in Château-d’Oex zusammen?
GZ: Es besteht keine offizielle Vereinbarung, aber selbstverständlich arbeiten wir bei Bedarf – zum Beispiel bei einem schweren Verkehrsunfall mit mehreren Verletzten zwischen Château-d’Oex und Saanen – zusammen. Auf Wunsch des Patienten wird selbstverständlich das Spital Château-d’Oex angefahren.

Ein Vorwurf, der immer wieder zu hören ist, ist die fehlende Ortskenntnis Ihrer Mitarbeiter.
GZ: Der Vorwurf war vielleicht zu Beginn ab und an gerechtfertigt, nun aber nicht mehr. Viele, die hier Dienst leisten, wohnen zum Teil schon länger im Saanenland oder im Obersimmental und mehrere Teilzeitmitarbeiter sind aus der Gegend. Es ist für uns extrem wichtig, dass die Equipen, die hier Dienst tun, die Gegend kennen. Genauso wichtig ist aber auch eine korrekte und genaue Meldung.
BB: Wir haben ein gutes Einvernehmen mit unseren Partnerorganisationen wie: Pistenpatrouilleure, Ärzte, Feuerwehr und Polizei. Zusammen haben wir vieles optimieren können, wir haben zum Beispiel Zufahrten zu den einzelnen Skiliften, den ortsansässigen Ärzten und Bergbahnen standardisiert und auf unseren Karten eingetragen. Wir haben eine 3-fach-Absicherung: das GPS, eine umfangreiche Kartenmappe und die Suchmaschinen im Computer.

Verschiedentlich hört man auch Kritik an Einsätzen.
BB: Dazu kann ich nur sagen: Unsere Rettungssanitäter sind Vollprofis in der Rettungsmedizin. Wir dürfen auf ein gut ausgebildetes, stabiles Team zählen, wir verzeichnen nur eine geringe Fluktuation. 

Eine letzte Frage: bekommen Sie aus anderen Regionen dieselbe Kritik zu hören?
GZ: Nein, in anderen Regionen spüren wir dieses Unbehagen gegenüber dem Rettungsdienst nicht. Auch nicht in genauso oder weiter verzweigten Gebieten wie zum Beispiel im Eriz oder im Diemtigtal.
BB: Wie bereits erwähnt, der Patient steht immer an erster Stelle. Kritik nehmen wir ernst und bei Fragen stehen wir gerne zur Verfügung.


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