Gepflegte Klassiker und hörenswerte Zeitgenossen

  08.02.2010 Event, Saanen, Kultur, Gstaad


David Pia (Violoncello) und Sergey Kuznetsov (Piano) boten am Freitagnachmittag ein spannendes Konzert im Kapälli Gstaad.(Foto: Miguel Bueno)

David Pia, Violoncello, und Sergey Kuznetsov, Piano, gaben am vergangenen Freitagnachmittag mit Werken von Ludwig van Beethoven, Robert Schumann und Dimitri Schostakowitch ein spannendes Konzert im Kapälli Gstaad. Am Abendkonzert in der Kirche Saanen überraschte die Sinfonia Varsovia unter der Leitung von Grzegorz Nowak mit der «klassischen» Symphonie von Sergej Prokofiev. Ein Genuss war die Ausdruckskraft der Pianistin Plamena Mangova während ihres Mozart-Klavierkonzerts, und Begeisterungsstürme löste Johannes Moser aus, der mit seiner Interpretation eines Camille-Saint-Saëns-Violoncello-Konzerts den achten Tag der Sommets Musicaux de Gstaad krönte.


Im Zeichen des Cellos und des Klaviers stand Tag acht der diesjährigen Sommets Musicaux. Vier Ausnahmekünstler, zwei davon aufstrebend, die anderen beiden schon etabliert und hoch ausgezeichnet, gestalteten das Nachmittags- und das Abendkonzert vom vergangenen Freitag. Heiter, fröhlich und spannend war der Grundtenor der gewählten Werke – bereichernd für Publikum und Solisten. Zweimal gab es sowohl Klassisches als auch Zeitgenössisches zu hören – und an beiden Konzerten wurde wieder einmal der Beweis erbracht, dass Bekanntes immer wieder hörenswert ist und Zeitgenössisches nicht immer kompliziert sein muss. Ein spannender Schostakovitch in der Kapelle am Nachmittag, äusserst ambitioniert gespielt vom jungen Schweizer David Pia, und ein überraschend fröhlicher Prokofiev, exzellent vorgetragen am Abend von der Sinfonia Varsovia, begeisterten und unterhielten das Publikum genauso wie etwa das anspruchsvolle, klassische Saint-Saëns-Konzert von Johannes Moser und die ausdrucksstarke Interpretation Mozarts von Plamena Mangova.

David Pia: «Abenteuer Violoncello» im Kapälli
Aussergewöhnliches wurde am Nachmittag im bis auf den letzten Platz besetzten Gstaader Kapälli vom aufstrebenden Cellisten David Pia und dem Pianisten Sergey Kuznetsov geboten. Pia demonstrierte nämlich eindrücklich, dass das Violoncello «Abenteuer» für ihn bedeutet. Natürlich ist das im positiven Sinne gemeint, denn Pia spielt sein Instrument nicht einfach. Er schliesst die Augen bis zum Ende des Satzes, verschmilzt mit dem Instrument und «erlebt» die Musik gemeinsam mit seinem wundervollen alten Cello aus dem Jahre 1697, das ihm die Stiftung Pirolo Basel zur Verfügung stellte. Im Moskauer Pianisten Sergey Kuznetsov, der seinerseits durch ein beachtliches technisches Können und viel Einfühlungsvermögen zum Erfolg des Konzerts beitrug, hat er augenscheinlich den richtigen Partner gefunden. Die beiden kennen sich seit 2004 und bilden seit 2005 ein festes Duo, was man am wunderbaren Zuspiel und der Einigkeit, mit welcher die beiden konzertieren, durchaus bemerkte.

Keine Angst vor Schostakovitch
Mit der Sonate für Violoncello und Piano Nr. 4, op. 102 von Ludwig van Beethoven, auch «Freie Sonate» genannt, eröffneten die beiden ihr Konzert. Die zwei Sätze, aufgeteilt in fünf Untersätze, wurden herrlich fliessend in einem Stück gespielt, so wie es sein soll. Die Höhen und Tiefen, zwischen abstrakter Heftigkeit und eher lieblichen Passagen, wurden von beiden fein herausgespielt. Auch das Zusammenspiel bei den fünf Stücken «im Volkston», op. 102, von Robert Schumann bereitete den beiden jungen Künstlern sichtlich Freude. Einerseits einfach und fröhlich, aber auch zart und schmerzvoll, dann wieder als kontrastreicher Dialog zwischen Violoncello und Piano, boten sie dem Publikum zauberhafte Momente. Die übliche Herausforderung, die die Kompositionen von Dimitri Schostakovitch oftmals für Künstler und Publikum darstellen, waren in der anschliessend gespielten Sonate für Violoncello und Piano, op. 40, nicht zu befürchten. Der Komponist bietet zwar im zweiten Satz die übliche rigorose Heftigkeit, der erste ist aber ungewöhnlicherweise fast lyrisch und der letzte sogar ein wenig beschwingt und zart. Ein Genuss, zumal die drei Sätze von David Pia ambitioniert vorgetragen wurden, sodass das Publikum mit Spannung zuhörte.

Kirche Saanen: Plamena Mangova – Ausdrucksstärke und Dynamik
In einer gänzlich gefüllten Saaner Kirche fand das Abendkonzert statt. Und jeder, der sich an diesem Abend in der Kirche einen Platz gesichert hatte, wurde reichlich belohnt. Eröffnet wurde das Konzert mit Wolfgang Amadeus Mozarts Klavierkonzert Nr. 9, KV 271, auch «Jeunehomme» genannt. Die Sinfonie ist die letzte von Mozarts Salzburger Solokonzerten und man sagt, dass keine dem Pianisten so die Möglichkeit der Selbstdarstellung gibt wie diese. Über drei Sätze durften die Zuhörer Bekanntschaft mit der faszinierenden Plamena Mangova machen, die diese Möglichkeit mehr als eindrücklich nutzte. Ihr klares, ausdrucksvolles, strahlendes und zugleich kraftvolles Spiel, aber auch ihre erstaunlichen technischen Fähigkeiten liessen sie sowohl die schnellen, heftigen, vor Fröhlichkeit sprühenden Phasen im ersten Satz als auch die langsamen, eher schmerzvollen im zweiten oder das übermütige Auf und Ab der Gefühle im dritten Satz herrlich wiedergeben. Ein Genuss fürs Ohr von der ersten bis zur letzten Note.

Sinfonia Varsovia: Erstaunlich leichte Fröhlichkeit mit Prokofiev
Mit Sergej Prokofievs wohl bekanntester Symphonie Nr. 1, op. 25, auch «die Klassische» genannt, verzauberte die Sinfonia Varsovia unter der Leitung von Grzegorz Nowak das Publikum. Unerwartet für manch einen freilich, denn auch dieser Komponist zählt sonst zu den eher «Schwierigen». Prokofiev hat hier, inspiriert von Haydn und Mozart, versucht, für einmal eine Symphonie im klassischen Stil zu schaffen. Dies ist wohl der Grund, warum die vier Sätze eher fröhlich, beschwingt und unterhaltend daherkommen. Friedlich lehnte sich denn auch das Publikum zurück und genoss die hervorragende Darbietung des bekannten Orchesters – nicht ahnend, dass ihm die Krönung des Tages noch bevorstehen würde

Johannes Moser: Krönung des Konzert-Tages
Er wurde mit dem Klassik-Echo als Interpret des Jahres für seine Einspielung «Brahms and his Contemporaries Vol. 1» ausgezeichnet. Mit diesem Wissen im Hinterkopf konnte man sich schon vorstellen, dass vom Cellisten Johannes Moser Besonderes zu erwarten war. Auch die Tatsache, dass Moser zwar ein grosser Liebhaber der Kammermusik ist, sich aber auch für die Verbreitung der heutigen Musik einsetzt, liess Spannendes erwarten. Diejenigen, die seine aktuelle CD kennen, wussten vielleicht, wie seine Interpretation von Camille Saint-Saëns Violoncello-Konzert Nr. 1, op. 33 klingt. Alle anderen waren mehr als überrascht. Die langen, gewundenen, leidenschaftlichen Phasen im ersten Satz spielte er mit Ausdruck und technischer Perfektion, wie man sie wohl selten sieht. Die melancholischen Stimmungsschwankungen im zweiten Satz, aber auch die einfachen, beschaulichen Passagen im dritten, die fast ein wenig «Saloncharakter» haben, spielte er leicht und mit viel Gespür für die verlangte Stimmung, aber stets mit Ehrgeiz – und seinem ganz eigenen, modernen Touch. Dies unterstrich er noch mit lockerem Auftreten. Keine Starallüren, kein Leidensblick, kein Abtauchen. Bewusste Freude am Spiel – mit dem er, nebenbei bemerkt, nicht die geringsten Schwierigkeiten zu haben scheint, liessen das Publikum seine Interpretation doppelt gerne aufnehmen. Mit Beifallstürmen belohnte dieses den ausgezeichneten Künstler und wollte ihn kaum von der Bühne lassen.

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