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Saaner Richter auf Jobsuche

Haenni_Gammeter Die Auflösung des Saaner Gerichts 2011 veranlasste Peter Hänni und Hansueli Gammeter, sich um kantonale Richterstellen zu bewerben. Das Amthaus Saanen, das unter Denkmalschutz steht, wird saniert.


Ab 2011 gibt es in Saanen kein Gericht mehr. Die beiden bisherigen Gerichtspräsidenten Peter Hänni und Hansueli Gammeter (Foto) haben sich um kantonale Richterstellen beworben. Damit kommen einige markante Veränderungen auf sie zu.  Das Amthaus Saanen, das unter Denkmalschutz steht, wird saniert, der Gerichtssaal zu einem Sitzungszimmer oder Gantlokal umfunktioniert.
Die beiden Saaner Gerichtspräsidenten Peter Hänni und Hansueli Gammeter werden nach der Zusammenlegung der kantonalen Gerichte ab dem 1. Januar 2011 nicht mehr in Saanen arbeiten können. Sie haben sich um Richterstellen in Thun beworben – «Mit allen erforderlichen Unterlagen. Auch Richter müssen einen Strafregisterauszug vorweisen», sagt Hänni. Über 100 Bewerbungen sind eingegangen, doch nur rund 60 Stellen sind zu vergeben – ungefähr gleich viele wie vor der Zusammenlegung der Ämter. «Um Kosten zu sparen, bleibt die Anzahl Richter seit längerem unverändert, obwohl der Arbeitsumfang immer grösser wird», konstatiert Hänni.

Bringt die Zentralisierung tat­sächlich einen Kostenvorteil?
Ohnehin sind weder Gammeter noch Hänni davon überzeugt, dass die Zentralisierung die vom Kanton erhofften Vorteile bringt: «Ein regionales Gericht ist mit den einheimischen Gegebenheiten vertraut. Beispielsweise bei Verkehrsunfällen ist es von grosser Wichtigkeit, dass man die Verhältnisse genau kennt. Wenn wir künftig in Thun arbeiten, sind wir für das ganze Oberland zuständig – da können nur schon Tatortbegehungen zu aufwändigen Aktionen werden.» Da stellt sich die Frage, ob schlussendlich tatsächlich Kosten gespart werden können. Besonders auch in Bezug auf das angestellte Personal sieht Hänni in diesem Punkt schwarz: «Statt Praktikanten sind an den kantonalen Gerichten Gerichtsschreiber angestellt, und auch die Arbeit, die hier unsere Lehrlinge erledigen, fällt dort auf normales Kanzleipersonal zurück. Dessen Löhne sind mindestens doppelt so hoch.» Die Städte profitieren von der Zentralisierung, doch die Randregionen verlieren an Attraktivität und Vernetztheit – darin stimmen Hänni und Gammeter überein.

Die kantonalen Richter sind spezialisierter als die regionalen
Ein weiterer grosser Unterschied zum bisherigen Beschäftigungsfeld ist die starke Spezialisierung der kantonalen Richter auf bestimmte juristische Bereiche. Wenn Hänni und Gammeter bis anhin alle zivil- und strafrechtlichen Fälle untereinander aufgeteilt hatten, ist es möglich, dass sie in Zukunft nur noch Scheidungen oder nur noch Verkehrsdelikte zu behandeln haben.
Hänni hat sich für den zivilrechtlichen Bereich beworben. «Im Strafrecht sind wir inzwischen nicht mehr flexibel genug, um Strafen auszusprechen, die für mich glaubwürdig sind. Beispielsweise im Bereich Drogenhandel oder selbst bei Sexualdelikten waren früher Strafen im Rahmen von mehreren Jahren Gefängnis die Regel, heute kann man in den meisten Fällen nur noch bedingte Strafen verhängen.» Zudem seien zivilrechtliche Fälle juristisch auch interessanter, so Hänni: «Insbesondere in den  Bereichen Familienrecht, Vormundschaft, Eheschutz usw. sind oft schnelle Eingriffe und Entscheidungen nötig.»
Gammeter dagegen, der bisher in erster Linie zivilrechtliche Fälle behandelt hat, möchte in die Strafrechtsabteilung wechseln: «Ich will keine Scheidungen mehr durchführen. Juristisch ähneln sich die Fälle immer – es geht um Geld und elterliches Sorgerecht –, aber sie beanspruchen einen sehr. Es sind oft verbissene Streitfälle mit viel Emotionalität.»
Zwar schrumpft mit der Spezialisierung die Bandbreite des Aufgabenbereichs, doch dass die juristischen Vorgänge effizienter erledigt werden können, bestätigen die Saaner Richter. «An einem Regionalgericht muss man sich immer wieder in Fälle einarbeiten, die jahrelang nicht vorgekommen sind. Dies bedeutet manchmal einen erheblichen Aufwand.»

«Die Umstrukturierung birgt auch eine neue Herausforderung»
Die Richter werden neu nicht mehr vom Volk, sondern vom Grossrat gewählt – auch dies ein Aspekt der Justizreform –, und dieser wird in der Junisession über die rund 60 zu besetzenden Stellen entscheiden. Bevor diese Entscheidung nicht getroffen ist, können die beiden Saaner Richter keine konkreten Zukunftspläne machen. Als Kriterien für eine Anstellung gelten die üblichen Bestimmungen: Man muss Fürsprecher oder Notar sein und über langjährige Erfahrung verfügen. In dieser Hinsicht haben Hänni und Gammeter auf jeden Fall gute Chancen, gewählt zu werden. Was allerdings noch dazu kommt, ist die Anforderung eines Zusatzabschlusses in forensischen Studien, über den keiner der beiden verfügt. «Diese Weiterbildung fokussiert auf praktische Arbeit in den Bereichen Verhandlungen und Urteilsfällung – eigentlich sollen wir das lernen, was wir in den letzten 20 Jahren tagtäglich gemacht haben.» Dennoch haben beide bei der Bewerbung erklärt, die Weiterbildung wenn nötig nachzuholen. Was sie machen würden, wenn sie keine kantonale Richterstelle erhalten würden, wissen die beiden noch nicht. Was aber feststeht: Sollten Gammeter und Hänni nach Thun gewählt werden, würden sie den Draht zum Saanenland nach Möglichkeit aufrecht zu erhalten versuchen. Nach Thun zu pendeln, käme nur für Gammeter in Frage. Da die Stellen kantonal verteilt werden, kann den Bewerbern aber nicht garantiert werden, dass sie bei einer Anstellung an ihren Wunsch-Arbeitsort versetzt werden. Ausser Thun kommen auch Bern, Biel und Burgdorf in Frage.
Doch die Umstrukturierung hat auch ihre positiven Seiten: «Sie birgt auch eine neue Herausforderung, eine Abwechslung zum eingespielten Alltag», sagt Gammeter, und Hänni pflichtet ihm bei: «Ein Wechsel ist an sich schon positiv. Ob gewisse Dinge danach tatsächlich besser werden, wird sich zeigen.»

Das Amthaus Saanen wird saniert
Doch nicht nur den Saaner Richtern stehen Veränderungen bevor – auch das Gerichtsgebäude wird umfunktioniert. «Es wird auf jeden Fall ein kantonales Behördengebäude bleiben», erklärt Hänni. «Das Regierungsstatthalteramt bleibt ebenfalls hier stationiert.» Da das Amt­haus Saanen von der kantonalen Denkmalpflege zum geschützten Gebäude erklärt wurde, soll es möglichst intakt bleiben. Im 2011 ist allerdings eine umfassende Sanierung vorgesehen, wie Regierungsstatthalter Michael Teuscher gegenüber dem «Anzeiger von Saanen» bestätigte: «Diverse infrastrukturelle Arbeiten an Wasser- und Stromleitungen sowie an der Gebäudehülle sollen vorgenommen werden. Ausserdem wird ein Lift eingebaut, damit das Gebäude die Anforderungen eines behindertengerechten Zugangs erfüllt.» Der Gerichtssaal soll indes im Status quo erhalten bleiben und in ein Sitzungszimmer oder Gantlokal umfunktioniert werden.

von Nicole Maron


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