«Zufriedene Gäste bedingen zufriedene Einheimische»
| Donnerstag, 18. Februar 2010
«Wir müssen uns zurückbesinnen auf unsere Werte und auf die Kernkompetenz als Tourismus- und Ferienregion. Ins Zentrum rücken muss der Gast – mit Rücksicht auf die Bedürfnisse der Einheimischen», sagt Tourismusdirektor Roger Seifritz.
Die Region stehe an einem Scheideweg. «Wir müssen uns zurückbesinnen auf unsere Werte und auf unsere Kernkompetenz als Tourismus- und Ferienregion.» Wieder ins Zentrum rücken müssten der Gast und die touristische Entwicklung – mit Rücksicht auf die Bedürfnisse der Einheimischen, denn «zufriedene Gäste bedingen vorab zufriedene Einheimische», so Seifritz.
Die Region stehe vor grossen Herausforderungen, betont Roger Seifritz und spricht von einer Krise der Werte, von einer Sinnkrise. «Unser Kapital ist der über Jahrzehnte gewachsene Konsens zwischen den Einheimischen und den Gästen, zwischen dem Gewerbe, der Landwirtschaft und dem Tourismus. Dieser Konsens geht aber mehr und mehr verloren.» Das schnelle Geld stehe zu oft im Vordergrund, und ein grosser Teil der einheimischen Bevölkerung fühle sich in den Hintergrund gedrängt, beklage den Ausverkauf der Heimat und sei frustriert. «Die Boden- und Immobilienpreise steigen ins Astronomische, Einheimische können sich das Wohnen in der Region kaum mehr leisten, Landwirtschaftsbetriebe und Dorfläden verschwinden und Boutique reiht sich an Boutique», so Seifritz. Die Wohnungsnot schlage sich auch negativ auf die Rekrutierung von qualitativ guten Mitarbeitern nieder. «Viele gute Mitarbeiter verlassen das Saanenland wieder oder kommen erst gar nicht, weil sie keine passende Wohnung finden. Und davon sind alle Branchen betroffen», so Seifritz.Hier müsse man Gegensteuer geben. «Lebendige Dörfer, gelebte Werte und Traditionen gehören mit zum Kapital unserer Destination», betont der Tourismusdirektor und zieht einen Vergleich zum geplanten Resort in Andermatt vom ägyptischen Investor Samih Sawiris: «Sawiris investiert eine Milliarde Schweizer Franken in einen künstlichen Resort. Es wird eine Top-Infrastruktur – aber es bleibt ein seelenloser Resort. Unser Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Mitbewerbern ist, dass die Destination eine Seele hat.»
Der Gast im Mittelpunkt
Im Interesse einer nachhaltigen Entwicklung müsse die Destination die Bedürfnisse des Gastes und die touristische Entwicklung wieder ins Zentrum stellen und nicht die Interessen einzelner Branchen wie beispielsweise der Bauwirtschaft. Vor diesem Hintergrund hat Gstaad Saanenland die Leitlinien aus dem Jahr 2003 grundlegend überarbeitet. «Chancen auf Erfolg haben wir jedoch nur, wenn die Strategie breit abgestützt ist», so Seifritz. «Deshalb haben wir bei der Ausarbeitung des Leitbildes eng mit den Dorfvorständen, mit den Vertretern der drei politischen Gemeinden, dem Hotelierverein, dem Gewerbeverein und der landwirtschaftlichen Vereinigung zusammengearbeitet.»
Fokus auf Ganzjahrestourismus
Ein grosses Problem sei das ständig schlechter werdende Verhältnis zwischen Hotelbetten und Zweitwohnungen. «Als Folge davon haben wir extreme Spitzen während weniger Wochen im Jahr und in der Zwischensaison sind die Dörfer fast ausgestorben – zumindest Saanen und Gstaad.» Gemäss den neuen Leitlinien will sich GST künftig noch aktiver dafür einsetzen, zusätzliche bewirtschaftete Betten, sprich Hotelbetten, anzusiedeln. «Die bewirtschafteten Betten bringen Auslastung auch in der problematischen Zwischen- und Nebensaison», begründet Seifritz und spricht damit ein weiteres Ziel an: die Weiterentwicklung Richtung Ganzjahrestourismus. Handlungsansätze, um dieses Ziel zu erreichen, sehen die Tourismusverantwortlichen unter anderem in der Förderung von Angeboten und Events, die konkrete Wertschöpfung während der Saisonrandzeiten bringen, oder die Unterstützung von Investitionsprojekten wie zum Beispiel das geplante Kulturzentrum «Les Arts Gstaad».
«Come up – slow down»
Genuss vermitteln und Stress und Hektik vermeiden – dies bleibt die Handlungsmaxime von GST und auf dieses Gästesegment ausgerichtet ist auch das Angebot. Auch der demografischen Entwicklung will GST Rechnung tragen und beispielsweise das Marketing intensivieren beim stetig wachsenden Segment 50plus und älter sowie neue Märkte erschliessen wie etwa im Lifestyle- und Gesundheitstourismus.
Wahrung der Privatschulen
Aktiv einsetzen will sich GST für den Fortbestand der Privatschulen, allen voran das Institut Le Rosey. «Die Privatschulen sind unsere Rückversicherung. Sie haben dank ihren weitverzweigten Netzwerken einen wesentlichen Anteil an der touristischen Entwicklung unserer Region», betont Roger Seifritz.
«Wir sind verantwortlich für das, was wir tun; aber auch für das, was wir nicht tun.» Analog zu diesem Zitat von Voltaire und im Wissen, dass zufriedene Gäste vorab zufriedene Einheimische bedingen, hofft Roger Seifritz, dass die Bevölkerung bereit sein wird, konsequent zusammen in die strategisch richtige Richtung zu ziehen. Ein erster Schritt dazu folgt am 16. März, dann kommt das neue Leitbild «wofür steht GST» vor die Generalversammlung des GST.
Von Anita Moser
























Herr Seifritz hat mit seiner Analyse der Situation völlig recht. Nur ein sehr kleiner Teil der "Einheimischen" profitieren von den wirtschaftlichen Vorteilen die das Saanenland zu bieten haben. Die Preisentwicklung der hiesig ansässigen Firmen, welche nur noch als halsabschneiderisch bezeichnet werden kann, helfen dem Normalverdiener nicht, sich im Saanenland niederlassen zu können mit der Aussicht auf mittelmässigen Wohlstand. Die meisten Arbeitnehmer sind gezwungen ihren Wohnsitz ins Simmental oder das Pays d'Enhaute zu verlegen um den sich immer weiter steigenden Immobilienpreisen zu entkommen. Und in der Promenade wird der Einheimische umsonst gesucht, der ist auf dem Weg nach Thun oder Bern zum Einkauf der seinem Portemonnaie entspricht. Es stimmt Herr Seifritz, das Wohl des Gastes muss in dieser Region die zentrale Rolle spielen, aber vor lauter Profitgier ist der Einheimische schon vor einiger Zeit vergessen gegangen. Und die Gemeinde tut hier herzlich wenig um Gegensteuer zu geben. Ein Umdenken tut dringend not, vielleicht wäre das einmal ein Thema bei der nächsten Kaffeerunde der gewichtigen Herren im Charlie's.
Kommentiert von: Rouven Kupferschmid | 19. Februar 10 um 09:51 Uhr
Lieber Herr Seifritz,
Sie werden mir immer sympathischer...Mit Ihrem Artikel treffen Sie genau den Kern der Sache.
Der Ausverkauf des Saanenlands ist in vollem Gange. Verkaufswillige, Baugewerbe und Immobilienagenturen streichen dicke Gewinne ein, währenddem der Durchschnitts - Einheimische das Nachsehen hat.
Die Saaner sind im Begriff ihre Seele, ihre Identität, ihre Traditionen zu veräussern und eigentlich bräuchte es sofort ein Gesetz, das die Saaner vor den Saanern schützt...Denn, wer steht am Anfang des Ausverkaufs? Leider fast immer ein Einheimischer, zu verlockend ist die Aussicht auf das schnell verdiente Geld. Was dereinst aus ihren Nachkommen oder ihrer Heimat wird, das interessiert diese Menschen nicht...
Kommentiert von: Frau Holle | 21. Februar 10 um 19:08 Uhr
Antwort auf Rouven Kupferschmid - nicht unbedingt ein Saanenlandgeschlecht und Frau Holle - unter nickname schreiben sehr mutig.
Sie regen sich auf über das Saanenland. Nehmen Sie zur Kentniss dass zum grössten Teil die (Zuahagschlingete) das Zepter in Gstaad führen. Die alteingesessenen Einheimischen welche Gstaad mit grossem Einsatz aufgebaut haben und Dank denen hunderte von arbeitenden nicht Saanenländer hier ihr Leben verdienen und profitieren haben heute leider nichts mehr zu sagen.
Normalerweise bestimmt jeder einzelne über sein Eigentum dass er erarbeitet hat aber in unserer Neidgeselschaft scheint das nicht mehr möglich zu sein.
Er soll nur noch bezahlen. Moskau grüsst.
Kommentiert von: Trachsel Roland | 22. Februar 10 um 09:35 Uhr
Danke für Ihren Rundumschlag, Herr Trachsel. Mutig von Ihnen unter Ihrem eigenen Namen Stellung zu beziehen...es erklärt zumindest, warum Sie sich dermassen betroffen und angesprochen fühlen durch unsere kritischen Bemerkungen. Haben nicht Sie Ihr Haus an einen gewissen Herr Al Howashi verkauft? Die Alteingesessenen und die "Zuehagschlingete" lassen grüssen... Ich persönlich decke Sie mit einer gehörigen Portion Neuschnee zu...
Kommentiert von: Frau Holle | 22. Februar 10 um 19:18 Uhr
@ Herr Trachsel
Nein, kein Saanengeschlecht, sehe aber auch nicht was dass mit dieser Diskussion zu tun hat. Interessant dass Sie Moskau erwähnen, wird doch das Saanenland zweifelsohne oligarchisch geführt (Das perfekte Anschauungsexemplar wie Politik und Wirtschaft miteinander im Bett liegen), aber das muss nichts Negatives bedeuten. Und Ihre Aussage dass das Saanenland nur noch von Zugewanderten geführt wird, ist schlicht und einfach nicht wahr. Das Saanenland steht an einem Scheideweg und ich wünsche ihm und seinen Einwohnern, dass die richtigen Entscheidungen getroffen werden damit nach der Zufriedenheit des Einheimischen wieder die Gastfreundschaft und Offenheit herrscht, die das Saanenland neben seiner einzigartigen und wunderschönen Geographie zu einem kleinen Diamanten der Tourismusdestinationen gemacht hat. Was Sie angeht Herr Trachsel so scheint mir, dass Sie einer derjenigen "Einheimischen" sind, denen die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung nicht allzu schlecht getan hat.
Kommentiert von: Rouven Kupferschmid | 25. Februar 10 um 10:10 Uhr