Vorbeugen ist elementar
12.04.2010 Gemeinde, Obersimmental, Natur, Saanenland, Gstaad«Schäden verhindern ist günstiger als Schäden zu beheben», betont Christoph Lienert (links) von der bernischen Gebäudeversicherung und appelliert an die Eigenverantwortung der Hausbesitzer.
Hagel, Überschwemmungen, Stürme. Seit 1999 haben verschiedene Naturereignisse Millionen von Franken an Schäden verursacht. Allein vom Hochwasser im August 2005 waren im Kanton Bern 6432 Gebäude betroffen, die Schadenssumme belief sich auf 310 Millionen Franken. «Blieben die Feuerschäden in den vergangenen Jahren konstant bei durchschnittlich 55 Millionen Franken im Jahr, haben sich die Elementarschäden von ehemals 15 bis 20 Millionen Franken pro Jahr auf heute durchschnittlich 85 Millionen Franken vervielfacht», informierte Christoph Lienert, Mitglied der Geschäftsleitung der bernischen Gebäudeversicherung GVB am Donnerstagabend vor rund 80 Interessierten. Gründe für das steigende Risiko hoher Schadenssummen seien u.a. die Klimaerwärmung, die Zunahme extremer Wettersituationen, teurere Bausubstanzen, intensivere Gebäudenutzung und fehlendes Risikobewusstsein, sprich Bausünden. «Räume, die früher bloss als Keller genutzt wurden, sind heute oftmals als Zimmer ausgebaut und entsprechend möbliert. Dringt Wasser ein, sind die Schäden deshalb höher», erläuterte Lienert. Und zu den Bausünden meinte er: «Es wurde in den vergangenen Jahren in Gebieten gebaut, wo man nie hätte bauen sollen. Früher hat man der Natur mehr Rechnung getragen.»
Die laufenden Prämien würden die Kosten für Entschädigungen, den Brandschutz und die Administration längst nicht mehr decken und der Fehlbetrag müsse jeweils aus dem Anlagevermögen finanziert werden, so Lienert. «In den nächsten zehn Jahren fehlen 500 bis 600 Millionen Franken.»
Prävention verstärken und Kosten sparen
Die Gebäudeversicherung wolle auch in Zukunft optimale Versicherung zu tiefstmöglichen Preisen anbieten, deshalb greife eine Prämienerhöhung zu kurz, so Lienert. Es gebe keine Veranlassung zu glauben, dass die Naturereignisse weniger würden, deshalb werde die Gebäudeversicherung des Kantons Bern noch stärker auf Prävention setzen und, wo möglich, Kosten sparen.
Auch von der Revision des Gebäudeversicherungsgesetzes versprechen sich die Verantwortlichen Vorteile für den Kunden und die GBV. «Mit dem neuen Gesetz soll zum Beispiel ein in der Vergangenheit häufig umstrittener Fall sauber geregelt werden: der Gebäudewasserschaden», erläuterte Lienert. Im Moment existiere eine Deckungslücke für Gebäudeschäden, die durch Grundwasser oder Kanalisationsrückstau nach einem Elementarereignis entstehen. Diese soll durch die Gesetzesrevision geschlossen werden.
Gefahrenkarten in Planung einbeziehen
Im Auftrag des Bundesrates sollen für die Schweiz bis Ende 2011 flächendeckend Gefahrenkarten bestehen. «Im Kanton Bern sind wir damit schon sehr weit und im Saanenland und im Obersimmental bestehen sie bereits», informierte Damian Stoffel, Leiter im Bereich Hochwasserschutz. Der Wasserbauingenieur appellierte vor allem an die Planer, die Gefahrenkarten bereits in die Planung miteinzubeziehen. Während in der roten Zone ein Bauverbot gilt, ist Bauen in der blauen Zone durchaus möglich – wenn auch mit Auflagen. Wer in der gelben Zone bauen will, dem wird empfohlen, gewisse Vorsichtsmassnahmen zu treffen, wie z.B. Türen oder Lichtschächte abzudichten usw.
Mit eindrücklichen Bildern zeigte Damian Stoffel auf, welche Hochwasserschutzprojekte in der Region bereits umgesetzt wurden oder noch werden. Noch in Planung sind im Obersimmental und Saanenland zehn Projekte mit einer Bausumme von insgesamt 20 Millionen Franken. Darunter ist auch ein Hochwasserschutzprojekt in Feutersoey. Dank einem Geschiebesammler soll der Tschärzisbach künftig keine so grossen Schäden mehr anrichten können wie in der Vergangenheit. «Wir gehen davon aus, dass sich die Gefahrensituation mit den getroffenen Massnahmen sehr verändern wird und die blaue Gefahrenzone im Siedlungsgebiet eliminiert werden kann», so Stoffel.
Prävention wird belohnt
Wer freiwillig Massnahmen ergreift, die helfen, Überschwemmungsschäden zu mindern oder zu verhindern, wird von der Gebäudeversicherung finanziell unterstützt. Eine eigens dafür gegründete Stiftung bezahlt bis zu 20 Prozent oder maximal 5000 Franken an die Kosten. Wer von den Motivationsbeiträgen profitieren will, kann ein Gesuch einreichen. An Beispielen zeigte Stefan Orecchio, Elementarschadenexperte der GVB, auf, wie solche Massnahmen aussehen können. Diese reichen von baulich fixen Objektschutzmassnahmen bis zu mobilen Abdichtungen, die man bei Hochwassergefahr rechtzeitig anbringt. Orecchio empfahl auch, Heizung, Waschmaschine oder andere Geräte in «Gefahrenzonen» nicht direkt auf den Boden zu stellen, sondern auf ein Podest. «Mit kleinen Massnahmen können allenfalls grosse Schäden verhindert werden.»
Agieren statt reagieren
Auch Christian Brand, Kommandant der Feuerwehr Saanen, animierte unter dem Motto «Vorbeugen ist besser als heilen» die Gebäudebesitzer zur Selbsthilfe, wenn zum Beispiel ein Gewitter aufzieht. «Beschafft Material wie Sandsäcke, PVC-Folien, Schalttafeln, kleine Pumpen usw.» Und er bat auch um Zusammenarbeit mit der Feuerwehr: «Sie sind die Fachpersonen in Ihrer Umgebung. Machen Sie uns auf Gefahren aufmerksam», so Brand. Und last but not least bat er, nicht wegen «jedem Tropfen» die Feuerwehr zu rufen, respektive bei einem Grossereignis die Nummer 118 nicht noch unnötig zu belasten, sondern nötigenfalls direkt im Feuerwehrmagazin – gilt nur für die Gemeinde Saanen – anzurufen (Tel. 033 744 30 29).
von Anita Moser

