Ruedi Hählen ist ausgebildeter Wanderleiter SBV
10.08.2010 Gstaad, Natur, Tourismus, Saanenland, SportRuedi Hählen ist der erste im Saanenland, der die Ausbildung des Schweizer Bergführerverbandes zum Wanderleiter absolviert hat. Hählen nahm an der 18-monatigen Ausbildung teil.
Bei einer Wanderung gibt es so vieles zu entdecken, aber leider auch so vieles, das man übersieht. So macht es Sinn, jemanden mitzunehmen, der die wundersamen Überraschungen der Natur schon kennt, der weiss, wo die Murmeltiere sind und die Gämsen, die Blumen mit Namen benennen und etwas erzählen kann über die Geschichten jener Berge, auf denen man gerade wandelt. Auch deswegen gibt es Wanderleiter. Ruedi Hählen ist der erste aus dem Saanenland, der die Ausbildung beim Schweizer Bergführerverband absolviert hat. Im Obersimmental sind Alex Jenzer aus Zweisimmen und Martin Kohler aus St. Stephan ausgebildete Wanderleiter SBV. «Eigentlich hiess es während unserer Ausbildung immer, wir wären die ersten Abgänger mit eidgenössischem Fachausweis», berichtet Ruedi Hählen, «aber nun wurden wir doch erst noch vertröstet. Leider sind die Bestimmungen in den Kantonen noch nicht einheitlich. Noch ist der Wanderleiter kein geschützter Berufsstand.» Für Ruedi Hählen stellt dies allerdings kein besonderes Problem dar. «Ich bin schon immer leidenschaftlicher Bergwanderer. Nun wollte ich mal in die Tiefe gehen, schauen, was dahintersteckt.» Als junger Schulbub sei er schon gerne gewandert, aber da sei es eben mehr um das Gemeinschaftserlebnis gegangen. «Man hat sich getroffen, ist mit den Freunden auf einen Gipfel hinauf und hat eine Woche lang davon gezehrt. Später bemerkst du dann immer mehr. Entdeckst Gämsen, Murmeltiere, besondere Pflanzen. Du merkst, wie sich die Natur in den Jahreszeiten verändert. Wandern in den Bergen ist für mich wie ein Puzzle, das sich nach und nach zusammensetzt. Ich wollte es nun vervollständigen.» Einen kommerziellen Hintergedanken habe er nicht gehabt, doch nun sei er fast ein wenig überfahren worden von den vielen Anfragen. Es macht ihm Spass, Gästen das Saanenland und die Region zu zeigen. Wenn er die Freude in ihren Augen sieht, wenn sie auf einem Gipfel stehen, sei das ein besonderes Gefühl. Aber es melden sich auch Einheimische bei Hählen, um eine geführte Wanderung mitzumachen.
Entertainment ist gefragt
Ein guter Wanderleiter muss mehr als nur bergkundig sein – Entertainmentqualitäten sind gefragt. «Niemand will dir einfach nur hinterher laufen», sagt Ruedi Hählen. Man müsse die Leute auch unterhalten und etwas erzählen zu den Pflanzen, den Tieren, man müsse Felsen und Steine bestimmen und auch mal eine Anekdote zum Besten geben können. «Je näher die Wanderung an der Zivilisation ist, um so mehr muss man auch Geschichtliches und Kulturelles zu berichten wissen. Themen wie Chaletbauweise, Kuhglocken oder sogar Wilhelm Tell werden von den Gästen immer wieder angeschnitten, stellt der Geschäftsmann, der auch Hüttenwart der Grubenberghütte ist, fest. Wie viel er in der Ausbildung gelernt habe, sei ihm erst jetzt bewusst geworden. «Toll, wenn man plötzlich weiss, wie die Alpen vor Jahrmillionen entstanden sind und die verschiedenen Gesteinsarten sowie deren Geschichte benennen kann.» Die Wanderleiter werden unter anderem auch in den Fächern Betriebsführung, Marketing, Tourismus und Psychologie, Schnee- und Lawinenkunde sowie Meteorologie ausgebildet. «Die Ausbildung war nicht einfach so ein Spaziergang ins Glück. Wir mussten viel lernen und als Aspiranten im Sommer und Winter je acht Wanderungen mit Gästen führen. Beim ersten Mal hatte ich da schon einen etwas erhöhten Pulsschlag», gibt Hählen schmunzelnd zu. Die Ausbildung sei jedoch eine absolute Bereicherung für ihn gewesen, die sich in jedem Fall gelohnt habe. Nun sei er im «Stand-by-Modus», wenn ein Anruf komme, könne er sich recht flexibel eine Tour überlegen. «Es macht Spass, die Wünsche der Gäste mit einzubeziehen», sagt er. Der Fantasie sind fast keine Grenzen gesetzt. Ob eine Tour mit Fondue am Abend und Abstieg im Mondschein, eine Wanderung bei Sonnenauf- oder -untergang oder mehrtägige Hütte-zu-Hütte-Touren, Ruedi Hählen fällt da so einiges ein.
Schneeschuhwandern wird unterschätzt
Im Gegensatz zum Bergführer dürfen Wanderleiter ihre Gäste nur auf rot-weiss markierten Wanderwegen bis Schwierigkeitsgrad T3 («anspruchsvolles Bergwandern») führen. «Als Bergführer muss man beispielsweise hervorragend Felsklettern können, das würde ich mir nicht zutrauen», sagt Hählen. «So war die Ausbildung zum Wanderleiter eine schöne Alternative.» Im Winter kann der Wanderleiter mit seinen Gästen Schneeschuhwandern. «Schneeschuhwandern boomt. Und die Gefahren werden oft unterschätzt. Viele glauben, nur Skitourenfahrer begäben sich in Gefahr, aber wer einen Hang mit Schneeschuhen quert, kann genauso in eine Lawine kommen», sagt Hählen. Daher mache es Sinn, professionelle Wanderleiter oder Bergführer für eine Tour zu buchen. So ist die Wanderung nicht nur sicherer, sondern mitunter sogar unterhaltsamer.

