Vor über 90 Jahren, im Februar 1919, wurde die Wirtschaftliche Genossenschaft Turbach gegründet. «Ernst Frautschi, im Turbach aufgewachsen und dort später wieder an der Gesamtschule tätig, hat das mühsame Lastentragen nach dem Lebensmitteleinkauf in Gstaad am eigenen Leib erfahren», heisst es dazu in der Jubiläumsschrift von 1994. Auf seine Initiative hin haben sich am 17. Februar 1919 neun Personen versammelt, «um die Vermittlung der notwendigsten Lebensmittel auf genossenschaftlicher Basis zu prüfen. Sie kamen überein, in die Tat umzusetzen, was längst allgemeines Bedürfnis war.» Damit legte die frisch gegründete Genossenschaft den Grundstein für den Laden und die Milchannahmestelle, die auch fast hundert Jahre später noch betrieben werden.
Ein folgenschweres Unwetter
Der erste Standort des Geschäftshauses mit Remise lag im Talboden, nahe der Fangbrücke. Am 20. Juli 1948 hat ein verheerendes Unwetter grossen Schaden angerichtet und der Genossenschaft einen katastrophalen Rückschlag beschert. Der Ungestüme, wie der Turbach im Volksmund genannt wird, schoss mit solcher Wucht ins Tal, dass er bis zur Bissenbrücke, welche er beschädigte, alle Brücken wegriss. «Sägerei und Konsumremise mit Milchannahmeeinrichtung wurden völlig zerstört, Postablage und Ladenlokal mit Ladenstöcken und vielen Waren fortgeschwemmt.» Post und Laden wurden vorübergehend im Schulhaus untergebracht, eine leihweise vom Konsumverband zur Verfügung gestellte Baracke diente als Wohnung und in einer Remise auf dem Schulhausplatz wurden Futtermittel und Fuhrpark untergebracht.
Das Unwetter gab den Ausschlag, die Strasse weg vom Bach auf die Sonnseite zu verlegen, trotz grosser finanzieller Lasten. Die Wirtschaftliche Genossenschaft Turbach konnte im Dorf Land kaufen und Post, Laden und Wohnung konnten im November 1949 bezogen werden, die Remise mit dem Milchlokal im Jahr darauf.
«Eine Bergbäuert hilft sich selbst»
So titelten die «Emmentaler Nachrichten» am Freitag, 15. September 1950. Und dies gilt auch heute noch, über 60 Jahre später. Bis 1975 hat die Genossenschaft den Laden selber geführt, vor 36 Jahren haben ihn Susi und Martin Humm in Pacht übernommen. Im Juni gehen die beiden in den Ruhestand. Für die Genossenschaft Anlass, sich Gedanken über die Zukunft zu machen. «Für uns waren zwei Aspekte ausschlaggebend», erklärt Ueli Bach, Präsident der Genossenschaft. «Einerseits ist das Haus in einem schlechten Zustand, andererseits wünschen diverse Leute aus der Talschaft eine gewisse Weiterentwicklung der Bäuert.» Man habe der Mitgliederversammlung mehrere Varianten vorgelegt, sie habe sich dann einstimmig für das umfangreichste und grösstmögliche Projekt entschieden.
Ein Zeichen setzen für die Zukunft und hoffen auf die Solidarität
Beschlossen wurden der Abbruch der bestehenden Gebäude mit dem Ladenlokal und der Milchannahmestelle sowie der Neubau eines Mehrfamilienhauses mit vier Wohnungen und eines Wohn- und Geschäftshauses mit Geschäfts-/Ladenlokal im Erdgeschoss. Bewohnern und Genossenschaftern sei bewusst, dass eine gewisse minimale Infrastruktur lebensnotwendig sei für eine Talschaft, erklärt Ueli Bach. Dazu gehören der Laden, die Schule, die Postautolinie, das Restaurant. «Mit dem Projekt wollen wir in erster Linie den Laden erhalten und in zweiter Linie Wohnraum schaffen für (einheimische) Familien», so Bach. Blauäugig sind die Turbacher jedoch nicht, sie sind sich auch der Nachteile der Lage ihrer Talschaft bewusst. «Die Distanz und damit verbunden die langen Arbeitswege, die Breite der Strasse, der Winter», zählt Bach auf. «Aber es gibt auch viele positive Aspekte – die Natur, der Zusammenhalt, die Ruhe. Und darauf legen wir den Fokus. Mit unserem Projekt wollen wir ein Zeichen setzen für die Zukunft und hoffen im Gegenzug natürlich auf die Solidarität der (Stimm-)Bürger der Gemeinde Saanen.» Konkret erwarten die Turbacher, dass «die übrige Bevölkerung» ihr Engagement respektiert und mithilft, für die Talschaft wichtige Infrastrukturen wie die Schule oder die Postautolinie zu tragen, respektive zu erhalten.
Auf die Solidarität im Tal selber kann die Genossenschaft schon jetzt zählen. «Wir haben versucht, das Maximum aus der Parzelle herauszuholen», erklärt Bach. Auf rund 2,5 Millionen Franken sind die Kosten veranschlagt. «Die Finanzierung ist eine grosse Herausforderung.» Um der Abwanderung im Tal die Stirn zu bieten, seien die Genossenschafter bereit, auch persönliche Opfer zu bringen. «Viele stecken privates Geld in das Projekt», so Bach. «Das ist in der heutigen Zeit keineswegs selbstverständlich.» Und wie schon anno 1919 wird auch beim Neubau viel Eigenleistung von den Genossenschaftern – gegen eine angemessene Entschädigung – erbracht. «Damit können wir einerseits die Baukosten reduzieren, andererseits gibt es eine emotionale Bindung an das Projekt», weiss der Genossenschaftspräsident.
Milchsammelstelle verlagert
Mit dem Neubau verschwindet die Milchsammelstelle aus dem Dorf. Am ehemaligen Standort im Talboden wird eine neue Sammelstelle gebaut, voraussichtlich ab 12. Mai wird sie in Betrieb sein. «Die Milchlieferanten haben sich entschlossen, die Milchsammelstelle mitten im Dorf zu Gunsten des Neubauprojektes aufzugeben und den Raum freizugeben für mehr Wohnraum», informiert Christoph Bach, Vizepräsident der Genossenschaft, und nennt einen weiteren Vorteil: Mit der Verlegung der Milchannahmestelle verschwinden auch die Lärmemissionen von der Absaugpumpe aus der Wohnzone. «Die 15 Milchlieferanten bieten aber nicht nur Hand für das Neubauprojekt im Dorf, sondern finanzieren anteilmässig nach Lieferrechten auch die neue Milchsammelstelle», ergänzt Vorstandsmitglied Hansruedi Frautschi. Angst, dass die neue Sammelstelle am alten Standort wieder Opfer des «Ungestümen» werden könnte, hat man hingegen nicht. «1972 wurde der Bach verbaut», so Frautschi.
Provisorium im «Sunnestübli»
Mitte Mai wird der Laden in ein Provisorim im Untergeschoss des Restaurants Sunnestübli verlegt. Ende Juni gehen Susi und Martin Humm in Pension. «Der Laden wird danach von drei Frauen aus dem Tal weitergeführt», informiert Ueli Bach. «Auch die Dienstleistungen, wie der Hauslieferservice am Freitag, werden im gewohnten Rahmen aufrechterhalten.» Der Laden im neuen Gebäude wird voraussichtlich im Dezember 2011 eröffnet, die Wohnungen werden im Frühling 2012 bezugsbereit sein.
von Anita Moser
Foto: In wenigen Tagen wird mit dem Abbruch der bestehenden Gebäude begonnen. «Mit unserem Neubauprojekt wollen wir ein Zeichen setzen für die Zukunft», betonen Christoph Bach, Ueli Bach und Hansruedi Frautschi (von links) im Namen der Wirtschaftlichen Genossenschaft Turbach.











Kommentare
Solarfan
Do, 05/05/2011 - 21:14
A.Wollny
Fr, 05/06/2011 - 14:53
Bertrand Zemp
So, 05/08/2011 - 20:05
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