«Wir brauchen eine gute medizinische Grundversorgung»

Fr, 23. Feb. 2018
FOTOS: BÉATRICE DEVÈNES

Marieke Kruit ist im Turbach aufgewachsen. Heute sitzt sie für die Sozialdemokraten im Berner Stadtparlament und kandidiert für den Grossrat.

BLANCA BURRI

Marieke Kruit, haben Sie ein Top-4-Saisonabonnement?
Nein, ich habe zu wenig Zeit zum Skifahren, als dass sich das Abonnement für mich lohnen würde. Ich habe aber einen Swisspass, über den ich vergünstigte Skitickets beziehen kann. Ich bin aber noch immer sehr gerne in den Bergen unterwegs und fahre dann mit Freunden und Patenkindern Ski oder Schlitten.

Sie sind im Turbach aufgewachsen. Welche Kindheitserinnerungen sind noch sehr präsent?
Mein Bruder und ich haben den Nachbarn ab und zu beim Heuen geholfen, danach gab es immer ein super Zvieri. Ab und zu durften wir zu Bekannten auf die Alp, wo wir auch übernachtet haben. Das war als Kind ein grosses Abenteuer.

Von der KV-Lehre über journalistische Tätigkeiten bei Radio und Fernsehen bis hin zur Leitung der psychologischen Dienste an mehreren Standorten. Wie kommt das?
Meine Eltern hatten einen kleineren Gastgewerbebetrieb, wo ich immer schon in Kontakt mit vielen Leuten kam. Und meine Eltern waren auch immer sehr sozial. Ich bin damit aufgewachsen und das hat mein Interesse für Menschen früh geweckt.

Inzwischen sind Sie stark in der Politik engagiert. Wie viel Zeit nimmt das etwa ein?
Einerseits bin ich Stadträtin und in der Verkehrs- und Planungskommission, andererseits bin ich Co-Fraktions-Präsidentin. Das alles bewegt sich bei rund 30 %. Im Beruf bin ich zu 80 % tätig. Wenn man seriös Politik betreibt, muss man bereit sein, ein bisschen länger und auch zu Randzeiten zu arbeiten. Oder anders ausgedrückt, mit weniger Freizeit zufrieden sein.

Sie haben sich also bewusst für diese zwei Lebensschwerpunkte und gegen Kinder entschieden.
Genau.

Bei Ihnen ist Politik auch zu Hause ein Thema. Sie sind mit Peter Lauener verheiratet, welcher persönlicher Berater in Medienfragen und Mediensprecher von Bundesrat Alain Berset ist.
Ja (lacht). Woher wissen Sie das? (Dann seriös) Politik ist nicht nur zu Hause, sondern auch in unserem Freundeskreis ein grosses Thema. Wir investieren viel in die Politik, das macht uns Spass. Dabei lernen wir auch viele interessante Leute kennen. Ja, die Politik spielt in meinem, aber auch im Leben meines Mannes eine grosse Rolle.

Dadurch sind Sie bestimmt am Puls. Das bringt vielleicht auch ein paar Vorteile.
Natürlich sind wir beide auf unterschiedlichen politischen Ebenen nahe dabei. Aber eine Trennung vom Beruf und vom Privaten ist uns dennoch wichtig.

Sie kandidieren für die nächsten Grossratswahlen. Ist es die erste Kandidatur?
Ja. Mir war wichtig, dass ich erst im Stadtrat Erfahrungen sammle, bevor ich für die Kantonspolitik kandidiere.

Wieso möchten Sie sich für den Kanton einsetzen?
Die städtische Politik ist äusserst spannend, weil man in der unmittelbaren Umgebung die Veränderung sieht, die eigene Impulse ausgelöst haben. Ich habe zum Beispiel einen Vorstoss zur Abfalltrennung im öffentlichen Raum gemacht, der nun in der Pilotphase steckt. Die Abfallkübel stehen nun an den ausgewählten Standorten und ich kann den Versuch direkt beobachten. Die Stadtpolitik hat also einen direkten Einfluss auf mein Leben.

In der Kantonspolitik stehen andere Themen im Vordergrund, die mich sehr interessieren und in denen ich beruflich tätig bin. Die Gesundheitspolitik zum Beispiel liegt mir am Herzen. Für die Gesundheit- und Sozialpolitik möchte ich mich einsetzen.

Seit Jahren ist die Gesundheitsversorgung im Saanenland und im Obersimmental ein kontrovers diskutiertes Thema. Welche Lösung sehen Sie für das Spital Zweisimmen, bei dem auch ihr Bruder angestellt ist?
Ich finde es sehr wichtig, dass es überall eine gute und bezahlbare Gesundheitsversorgung gibt. Es braucht auch gute Arbeitsbedingungen für die Menschen, die dort arbeiten. Ich ziehe den Vergleich zu meinem Arbeitsplatz im Oberaargau. In Langenthal gibt es ein Spital, in anderen Orten wie Huttwil oder Niederbipp ein Gesundheitszentrum. Für die Erstversorgung geht man ins Gesundheitszentrum oder zum Hausarzt. Die Behandlung, für die es Spezialisten braucht, finden aber im Spital statt. Diese Versorgung unterstütze ich.

Ist aus Ihrer Sicht das Spital in Zweisimmen notwendig oder braucht es in Zweisimmen und Saanen nur ein Gesundheitszentrum und für den Spitalaufenthalt fährt man nach Thun?
Man muss sauber analysieren, welches Angebot es braucht. Keine Diskussion, dass es eine top Erst- und Grundversorgung in der Region braucht, um akute Fälle zu behandeln. Für die Spezialbehandlungen ist es sinnvoll, dass die auf einige Standorte konzentriert werden. Damit ist auch sichergestellt, dass Know-how und Erfahrung für qualitativ hochstehende Behandlung vorhanden ist.

Es gibt bereits jetzt Leute, die aus der Gemeinde Saanen wegziehen, weil für sie die Gesundheitsversorgung nicht ausreichend ist. Weil diese oftmals wohlhabenden Leute Infrastrukturprojekte in der Region unterstützen und Sponsoren von Grossanlässe sind, schwächt es die Region, wenn die Gesundheitsversorgung noch mehr abnimmt. Auch gehen Arbeitsplätze verloren …
Ich betone nochmals, dass die Grundversorgung in der Region sehr wichtig ist. Ich bin aber schon der Meinung, dass gewisse spezialisierte Behandlungen nicht überall gewährleistet werden können. Hierfür braucht es genügend Fallzahlen und auch das nötige Fachpersonal. Als ich noch im Spital Zweisimmen im psychiatrischen Dienst gearbeitet habe, war die Stelle der Oberärztin des psychiatrischen Dienstes lange vakant. Inzwischen ist diese Stelle besetzt, was ich begrüsse. Zur Akutversorgung gehört in den Bergen zum Beispiel auch, dass Beinbruch oder Ähnliches vor Ort behandelt wird.

Sie kandidieren für die SP im Grossrat. Wie fühlten Sie sich in der Jugend mit Ihrer sozialen Denkweise in einem SVP-geprägten Umfeld?
Die Erfahrung, als gebürtige Niederländerin in einem 200-Seelen-Dorf aufzuwachsen, war prägend. Mit allem Guten und weniger Guten, das es vereinzelt auch gab. Aber die Bilanz ist klar positiv. Für mich war es eine Bereicherung. Ich glaube, dass ich Minderheiten dadurch besser verstehe, als das vielleicht andere tun.

Wenn kantonale oder nationale Abstimmungen anstehen: Denken Sie dann trotzdem manchmal noch ans Saanenland?
Aber sicher! Es braucht das Land und es braucht die Stadt – es braucht beides. Gemeinsam bringen wir den Kanton voran. Je mehr Verständnis wir gegenseitig aufbringen, umso weiter kommen wir.

Haben Sie ein konkretes Beispiel?
Ich finde es wichtig, dass an abgelegenen Orten wie dem Turbach der öffentliche Verkehr oder Schülertransporte weiterhin angeboten werden. Der Service public muss aufrechterhalten werden! Das ist total wichtig. Ein breites Angebot ist in der Stadt selbstverständlich, auf dem Land aber gar nicht. In der Stadt diskutieren wir, ob es zumutbar ist, dass Kinder zehn Minuten zur Schule gehen.

In meiner Kindheit hat es noch keinen Transport gegeben. Einige Schulkollegen mussten zum Teil 30 bis 40 Minuten durch den Schnee stapfen. Das sind schon andere Welten und für solche Anliegen habe ich grosses Verständnis.

In welchen Themen fühlt sich die städtische Bevölkerung von der Landbevölkerung nicht verstanden?
Die Region Bern hätte sicher Mühe, wenn das Tram Bern–Ostermundigen in der kommenden Abstimmung an der Urne scheitern würde. Die Region hatte dem Tram wie auch anderen Verkehrsprojekten im Kanton nämlich zugestimmt.

Der Stadt- Landgraben ist aber bloss in gewissen Köpfen. Ich habe in der Stadt und auf dem Land immer gute Begegnungen und treffe auf Verständnis für die unterschiedlichen Anliegen. Womit ich etwas Mühe habe, ist, wenn jemand aus Politikverdrossenheit sagt: «Die in Bern machen sowieso, was sie wollen.» Unsere Demokratie bedeutet genau das Gegenteil. Wir können abstimmen und wählen, selber entscheiden. Man muss einfach seine Volksrechte nutzen!

Es ist aber eine Tatsache, dass die städtische Bevölkerung mehr Gewicht hat, weil dort mehr Leute leben.
Sprechen Sie mal mit jemandem aus der Stadt. Viele finden gerade, das Gegenteil sei wahr. Es ist doch toll, dass unser Kanton so vielfältig ist, ländliche und städtische Regionen hat.

Nicht nur Sie, aber all Ihre Familienangehörigen sind aus dem Saanenland weggezogen. Was verbindet Sie heute mit dem Saanenland?
Das hat sich so ergeben, es war kein Wegwollen vom Saanenland. Was ich ab und an mache, ist eine kulturelle Veranstaltung besuchen, wie die Menuhinkonzerte. Auch zum Skifahren und Wandern komme ich wieder ins Saanenland. Oder um mal wieder gewisse Leute zu sehen. Aber eben, die Zeit fehlt oftmals.


ZUR PERSON

Marieke Kruit ist gebürtige Holländerin. Sie ist in Ilanz/GR geboren und mit rund vier Jahren mit der Familie ins Saanenland gezogen. Sie ist im Gastwirtschaftsbetrieb der Eltern in Turbach aufgewachsen. Mit 12 Jahren wurde sie eingebürgert. Nach der kaufmännischen Lehre im Tourismusbüro ist die heute 49-Jährige ins Unterland gezogen, wo sie erst bei Radio BeO und später bei Radio Extra Bern und TeleBärn arbeitete. Berufsbegleitend zur journalistischen Tätigkeit erwarb sie die eidgenössische Matura mit Schwerpunkt Wirtschaft und studierte klinische Psychologie sowie Psychotherapie an der Universität Bern. Seit Dezember 2015 hat sie die Co-Leitung der psychiatrischen Ambulatorien des Spitals Region Oberaargau inne (Standorte Langenthal, Huttwil, Niederbipp). Sie lebt mit ihrem Ehemann in Bern. Seit sechs Jahren ist sie im Stadtparlament und seit 2016 Co-Präsidentin der SP-Fraktion.

Category: 

Kommentare

Endlich kommt jemand der Bern aufmistet mit Zukunft.Holland wäre ein Vorbild in der Denkweise.

Neuen Kommentar schreiben

Die Emailadresse wird nicht veröffentlicht oder an dritte weitergegeben. Sie wird nur zu Kontaktzwecken im Zusammenhang mit diesem Kommentar verwendet.
CAPTCHA
Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob Sie ein menschlicher Benutzer sind und automatisiertem Spam vorzubeugen.

Kommende Events

Stellen

Immobilien

Diverses