Auf zwei Rädern von Gstaad nach Jerusalem

Fr, 20. Jul. 2018
Mit dem Faltvelo ging es von Gstaad bis nach Italien, wo es repariert werden musste. FOTOS: ZVG

Was mag jemanden dazu bewegen, allein mit einem Faltvelo mit kleinen Rädern vom Saanenland nach Israel zu fahren?

Da sind schon mal die Herausforderungen, die ein solches Unternehmen organisatorisch, orientierungsmässig, logistisch, sprachlich und sportlich stellt. Da ist aber auch der Wunsch, eine weitere Pilgerdestination mit dem gleichen Transportmittel zu besuchen, wie 2009 auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela und 2014 auf der Via Francigena nach Rom und Assisi. Auch 2018 wurde das Gepäck auf sechs Kilogramm beschränkt, um die Sache etwas interessanter zu machen. Einerseits leichter, andererseits anspruchsvoller. Letztlich kam da noch das Zusammentreffen zweier Jubiläen: Israel wurde 1948 gegründet und der erzählende Velofahrer wurde im gleichen Jahr geboren …

Wie viel Zeit und Finanzen braucht man für ein solches Unterfangen? Für die Bewältigung der geschätzten 5000 Kilometer wurde von rund 60 Velo-Kilometern pro Tag ausgegangen, also zirka 90 Tage. Welch ein Glück, dass Ehefrau Marlyse damit einverstanden war! Für die Kosten wurde von 1 Franken pro km ausgegangen, finanziert durch persönliche Rückstellungen. Schliesslich – um dies schon vorwegzunehmen – waren es 54 Tage und 4300 Kilometer. Es darf nachgerechnet werden …

Ein kaputtes Velo in Italien
Am 8. Mai verabschiedete sich der Pilger von seiner Frau, seiner Familie, seinen Stammtischkameraden und Bekannten. Via Saanenmöser, Brünig, Etzel, Lenzerheide, Julier und Bernina erreichte er Italien. Leider brach hier die Hinterradfelge des Faltvelos. Da sich die Reparatur als schwierig und zeitintensiv abzeichnete, ging die Reise mit einem spontan gekauften Normalvelo weiter. Nach einem Ruhetag bei italienischen Verwandten, welche – wie all die vielen Freunde und Bekannten auf der bereits absolvierten Strecke – entgegenkommend Kost und Logis anboten, ging es zügig rollend durch die weite Ebene Oberitaliens. Wieder etwas hügeliger gestaltete sich die Fahrt in den Balkanstaaten Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Montenegro, immer der Ostküste der Adria entlang. Wunderschöne Buchten und teilweise abstossende Kerichthalden lösten sich ab.

Weiter ging es durch Albanien und Griechenland, mehrheitlich durch weite, flache und fruchtbare Landstriche, mit allgegenwärtigen Schaf- und Ziegenherden. Ein «Dobra Dan» hier, ein «Kalimera» dort – verbunden mit einem Lächeln – erleichterten das Vorwärtskommen ungemein.

Immer wieder improvisieren
Um das syrische Kriegsgebiet und die Flüchtlingsnot im Libanon zu umgehen, wurde Israel per Fähren ab Südgriechenland anvisiert. Da jedoch keine Fähren mehr zwischen Griechenland, Zypern und dem Zielland zirkulieren, musste ein Flug von Heraklion/Kreta nach Tel Aviv gebucht werden. Velo auseinandernehmen, verpacken und – nach dem Fliegen – wieder zusammensetzen, auch das eine besondere Erfahrung, wenn man zwei linke Hände hat.

Dummerweise kam in Tel Aviv die Veloreise zu einem abrupten Ende. In der ersten Nacht in Israel wurde der liebgewonnene Untersatz schändlich gestohlen. Damit erübrigte sich schlagartig auch die Frage, ob das Rad verschenkt, verkauft oder heimgenommen werden sollte. Die Pilgerreise ging jedoch nahtlos weiter: zu Fuss. Die verbleibenden 83 Kilometer wurden zur einen Hälfte auf dem lsrael National Trail – einem kreuz und quer führenden Weitwanderweg – und zur anderen entlang von Autostrassen absolviert. Bei einer Hitze von 35 bis 40 Grad, notabene.

Am 20. Juni um 19 Uhr – ganz untriumphal – Einzug in Jerusalem. Nach 37 Velotagen mit 3200 Kilometern, vier Ruhetagen (Lamon I, Dubrovnik HRV, Patra GR und Heraklion Kreta/GR) sowie drei Marschtagen mit 83 Kilometern war das angestrebte Ziel gesund, glücklich und zufrieden erreicht.

Die Komfortzone wurde übrigens während der ganzen Reise kaum verlassen. Die Mehrheit der Nächte wurde in Herbergen und Hotels verbracht, einige privat bei Verwandten und Bekannten. Mangels geeigneter Unterkunft waren einzig zwei Nächte im Biwak und in der Natur nötig, eine in Albanien und eine in Israel. Im Balkan wurde wegen der vielen Schlangen auf diese Art Übernachten verzichtet, zumal kein Zelt dabei war. Man kann eben auch zu leicht reisen …

Ein «Ausbrechen» aus dem Alltag war aber nur bedingt möglich: aufstehen, Morgengymnastik, Zähne putzen, rasieren, essen, trinken, Pilgerpasseintrag finden, Kartenstudium, Tagebuch nachführen, dazu – sporadisch – Kleider waschen und Velo putzen, prägten den Tagesablauf. In die Pedale treten und die Konzentration auf Wegweiser, Verkehr, Strassenzustand und Umwelt waren redlicher Ersatz für die Arbeit zu Hause. Kulinarisch war die Reise ein Genuss, auch weil schon kurz nach der Schweizer Grenze die Preise zu purzeln begannen.

Wie verlief der Schluss der Reise?
Alt-Jerusalem ist eine Wucht. Auf kleinstem Raum begegnen hier Juden, Muslime und Christen dem Ursprung ihres Glaubens. Auch beim Pilger erwachte beim Besuchen der vielen Monumente und beim Schlendern durch die engen Gassen der Hauptgrund seiner langen Reise. Man braucht nicht fromm zu sein, um von der Geschichte von Jesus aus Nazareth, diesem jüdischen Rebellen und Stifter einer Weltreligion, fasziniert zu sein. Die nach Jerusalem besuchten Orte Betlehem, Jericho mit dem Toten Meer und – in Galiläa – Nazareth, Kana, Kapernaum, Tiberias sowie die vermeintlichen Orte der Taufe Jesu im Jordan und der Bergpredigt hinterlassen tiefe Gefühle. Die ursprünglichen Spuren Jesu mögen längst von Denkmälern und Kirchen überbaut worden sein, sie ziehen Massen von Gläubigen und Touristen an.

Nach sechs Tagen Israel war «das Glas voll» und die Pilgerzeit abgelaufen. Die vielen Eindrücke der Reise haben ihren Platz im Tagebuch gefunden, nun dürfen sie geistig verarbeitet werden. Ein Flug brachte unseren Pilger zurück nach Venedig, zum inzwischen reparierten Faltrad. Aus dem ausgeklügelten 24-Gänger war ein etwas lahmer 7-Gänger geworden. In Ermangelung der aus Tel Aviv heimgesandten Veloausrüstung, wie Helm, Reparatur- und Ersatzmaterial, erfolgte die Rückkehr ins heimische Saanenland per Eisenbahn. Von Schönried die Gruben hinunter immerhin nochmals auf kleinen Rädern, angenehm rollend.

Fazit: ein wenig Abenteuerlust, viel Zeit, gute Gesundheit, etwas Erspartes – und die Welt gehört dir.

EINGESANDT

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