Eine Reise in die Vergangenheit

Fr, 16. Nov. 2018
Die Macher des Films (von links): Sigi Amstutz, Marc Schmid (Technik), Janine Romang, Martin Dreier, Fritz Müllener, Jay Jay Wimmer (Drohnenbilder) und Micha Perreten. FOTO: ANITA MOSER

Theater hat im Turbach eine grosse Tradition. Die Vorstellungen sind regelmässig ausverkauft. Zwei Werke wurden mit so grossem Erfolg gespielt, dass es sogar Gastaufführungen gab ausserhalb der Region. Der Film «Eine Reise in die Vergangenheit» von Janine Romang und Micha Perreten gibt einen Einblick in die Theaterwelt im Turbachtal und lässt Erinnerungen aufleben.

ANITA MOSER
Der Film wurde am vergangenen Freitagabend in der Mehrzweckhalle im Turbach gezeigt, dort, wo auch jeweils die Theater der Schüler und der Theatergruppe aufgeführt werden. «Was Janine Romang und Micha Perreten in den letzten eineinhalb Jahren aus dem Boden gestampft haben, hat mich vom Stuhl gerissen», schwärmte Dorforganisationspräsident Mario Hählen vor den vollen Rängen im «Kinosaal im Türbach». Auf den Stühlen Platz genommen hatten vor allem Insider, ehemalige und aktuelle Akteure und Freunde der Turbacher Theatertradition, welche immer noch gepflegt wird.

Erinnerungen auffrischen
«Zurückblicken auf die Zeit, die wir in der Schule gehabt haben.» Was als Idee begann, hat Janine Romang zusammen mit Micha Perreten in unzähligen Stunden, unterstützt von Sigi Amstutz und Martin Dreier, zu einem etwas über 90-minütigen Film zusammengestellt. Den Auftakt und den Schluss machen Drohnenbilder von Jay Jay Wimmer – den Turbach entlang in das Tal, in dem Theaterspielen eine so wichtige Rolle einnimmt, und zurück zum Schulhaus, wo gelernt, geprobt und aufgeführt wurde und immer noch wird. Im Film werden längere Ausschnitte gezeigt von vier Theaterstücken, alle aufgeführt zwischen 2002 und 2005 und unter der Regie von Sigi Amstutz: «D Lindouere», «Vogel friss oder stirb», «Montserrat» und «Lumpazivagabundus». Die Filmaufnahmen hat Martin Dreier, ehemaliger Präsident der schweizerischen Theatersammlung, zur Verfügung gestellt. Der Film ist auch eine Hommage an Sigi Amstutz, während vielen Jahren Lehrer und Theaterregisseur im Turbach. Im Film kommt er im Gespräch mit Janine Romang ausführlich zu Wort.

Als Sprecher der Off-Texte konnte man Fritz Müllener gewinnen. Er kennt die Theatertradition bestens, hat selber gespielt oder Werke ins Saanendeutsch übersetzt. Im Film gibt er wertvolle Hintergrundinformationen zu den Werken, den Autoren und den Aufführungen. «D Lindouere» und «Lumpazivagabundus» wurden mit so grossem Erfolg gespielt, dass die Theaterleute damals sogar zu einem Gastspiel ausserhalb der Region kamen. Die Schülerinnen und Schüler – unter ihnen auch Janine Romang – reisten samt Kulissen und Kostümen für Aufführungen nach Lindau am Bodensee und die Theatergruppe Turbach zeigte «Lumpazivagabundus» zusätzlich im KK in Thun.

Theater ist Bildung und stärkt das Selbstvertrauen
Es habe im Turbach schon vor seiner Zeit eine Theatertradition gegeben – sowohl bei den Kindern als auch bei den Erwachsenen, sagt Sigi Amstutz im Interview mit Janine Romang. «Die Eltern und die Talbevölkerung waren von Anfang an positiv eingestellt zur Theaterei.» Das habe ihm geholfen. Für ihn gehöre Theaterspielen zum Unterricht, es fördere die Persönlichkeitsentwicklung.«Theaterspielen ist ein ganz wichtiger Bereich der Bildung. Durch das Theaterspielen lernt man sich zu artikulieren, etwas zu formulieren und steht entweder vor anderen Schülern oder vor einem Publikum.» Theaterspielen stärke das Selbstvertrauen. Dass es einem die Angst nimmt, vor Leuten zu sprechen, kam auch im Gespräch mit Anwesenden klar zum Ausdruck.

«Theaterspielen hat dazugehört»
Der Film hat vor allem Erinnerungen geweckt. «Es het mi wider packt, me isch grad wider drin», meinte Christian Steudler. Er war der Nachfolger von Sigi Amstutz. «Es war nicht leicht …», so Steudler. An eine Episode erinnert er sich gut: Er sei damals mit der Klasse nach Lindau gefahren. «Jenes Mädchen, das die Hauptrolle gespielt hat, sass bei mir im Auto. Als wir in Lindau angekommen sind und die Plakate gesehen haben, staunte sie: ‹Das isch ja wahnsinnig. Ich chume da usem Turbach uf Dütschland und de bini da uf de Plakat›.»

Offenbar steckt den Turbachern das Theaterspielen in den Genen, zumindest liess sich am Freitagabend niemand finden, der während der Schulzeit nicht gerne in eine andere Rolle geschlüpft ist. «Die meisten hat es gepackt», meinte Emanuel Raaflaub. Für Livia Reuteler war es gar das «Highlight» vom Jahr. Etliche engagier(t)en sich auch nach der Schulzeit in der Theatergruppe Turbach. Matthias Reichenbach findet es spannend, in eine andere Rolle zu schlüpfen, sich mit ihr auseinanderzusetzen und zu identifizieren. Unvergesslich bleibt Emanuel Raaflaub das Stück «Monserrat», in dem er den grausamen spanischen Offizier Izquierdo, den Gegenspieler von Montserrat, spielte. «Als wir die erste Geisel hingerichtet haben, kam die Reaktion vom Publikum, die Energie wie eine Walze über mich.» Das habe ihm unglaublich Energie verliehen. «I ha chönne spiele, ganz verruckt.» Aber auch, wenn es lustig zu und her ging, wie bei «Lumpazivagabundus», habe sich die Stimmung auf ihn übertragen. «Wenn sie sich fast nicht erholen können, da schwebst du schier auf der Bühne …»

Theater spielen verbindet
Besonders hervorgehoben haben mehrere Akteure den Zusammenhalt in der Gruppe und im Tal. Freundschaften sind entstanden, sogar Liebe: Margrith und Konrad Brand haben sich beim Theaterspielen kennen- und lieben gelernt. «Nein, wir haben kein Pärchen gespielt», meinte Margrith Brand lächelnd.

Der Film habe für ihn vor allem eine Bedeutung als Turbacher, betonte Gemeindepräsident Toni von Grünigen. Theater spielen sei zu Schulzeiten immer wichtig gewesen, ein paar Mal habe er auch als Erwachsener mitgespielt, so als Soldat im Stück «Montserrat». Mit der Theatertraditon habe Turbach Bekanntheit erlangt bis weit über die Region hinaus. «Viele kennen den Turbach durch das Theater», so von Grünigen. Und zur Frage, ob die Gemeinde Saanen das Projekt mitfinanziert habe, meinte er schmunzelnd: «Wir haben keine Anfrage bekommen. Es ist schön, wenn jemand etwas auf die Beine stellt, ohne zuerst an die Gemeinde zu gelangen für Geld …» Ausgerichtet hat sie einzig den Apéro.

Gesponsert wurde das Filmprojekt von der Dorforganisation Turbach, für Präsident Mario Hählen eine Selbstverständlichkeit. «Es gibt keine bessere Werbung. Wer die DVD kauft, kommt wieder einmal in den Turbach, es sind fantastische Bilder.» Theater und Turbach gehörten zusammen. «Bleibt dem Turbach treu, es lohnt sich!», appelliert Sigi Amstutz am Schluss des Films.

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