Im Pays-d’Enhaut: 200 Jahre Alpidyll

Mi, 12. Jun. 2019
Das Grand Hôtel von Château-d’Oex um 1905. Ein Jahr zuvor war die MOB von Montreux herkommend fertiggestellt worden, die Linie führte direkt vor dem Hotel vorbei (rechts im Bild ist ein Wagon zu sehen). Es stand oberhalb der heutigen Eisbahn und des Bowling.

1819 eröffneten in Château-d’Oex die ersten zwei Fremdenpensionen, um wohlhabende englische Touristen zu beherbergen, die in immer grösseren Scharen anreisten, um die Alpenidylle des Pays-d’Enhaut zu geniessen. Notabene Jahrzehnte bevor sich im Saanenland und Gstaad das Tourismusgeschäft zu entwickeln begann. Wie war es dazu gekommen, wer waren die Akteure? Was ist von dieser längst vergangenen glanzvollen Zeit übrig geblieben?

MARTIN GURTNER-DUPERREX
Nach 1800 machten es sich vor allem reiche Engländer – meist Adlige oder Grossbürger der aufstrebenden Weltund Industriemacht — zur Gewohnheit, den Winter an der milden Côte-d’Azur zu verbringen. Die heissen Sommermonate indes verbrachten sie an den gemässigteren Gestaden des Genfersees, wo damals gerade die ersten Luxusherbergen entstanden. Es gehörte ausserdem zum guten Ton, dass vermögende Familien ihre jungen Sprösslinge zur Horizonterweiterung auf die «Grand Tour» durch Europa schickten, während der sie auch die Schweiz besuchten. Diese war durch romantische Schriften – wie «La nouvelle Héloise» von Jean-Jacques Rousseau –, welche die Alpenromantik zelebrierten, eine Top-Reisedestination der betuchten Klassen geworden. Das Gedicht «The prisoner of Chillon» von Lord Byron und gar Mary Shelleys «Frankenstein» trugen ebenfalls zur steigenden Popularität der Riviera bei.

Über den Col de Jaman
Von der Riviera – Montreux war wegen seinem milden Klima besonders beliebt, aber auch Bex mit seinen Solebädern – zogen diese ersten Touristen aus, um Berge und Seen zu entdecken. Über den Col de Jaman wurden die Pioniere durch einheimische Führer ins Paysd’Enhaut und weiter bis ins Berner Oberland und an den Thunersee geführt, darunter Lord Byron, Tolstoi und der Komponist Felix Mendelssohn. Letzterer schrieb zwar vom «samtgrünen» Kirchenhügel in Château-d’Oex, soll aber mehr ein Auge auf seine charmante jugendliche Führerin geworfen haben anstatt auf die Landschaft …

L’Etivaz zog durch seine schwefelhaltigen Wasserquellen, geschätzt wegen ihrer kurativen Wirkung, ebenfalls jeden Sommer ein paar Besucher an. Diese planschten vergnügt in grossen Holzzubern oder tummelten sich auf den blumenübersäten Alpweiden. Sie schätzten die einfache Lebensweise, aber auch die frugale, gesunde Küche hat scheinbar gemundet: frische Milch, Käse, Butter oder Nidle, Schaf- und Rindfleisch, Gemüsesuppen und «enorme Schüsseln Kopfsalat» aus dem Garten. Eine Gastgeberin habe die Rechnung aufgrund zugenommener Kilos ihrer Gäste gestellt, erzählt man sich.

Grosses Aufsehen
Derweil stieg in Rossinière unter den ungläubigen Blicken der Bevölkerung ein englisches Ehepaar, Mr. und Mrs. Strutt, in einer Herberge ab. Ihr exotisches Outfit und die riesigen Reisekoffern sollen grosses Aufsehen erregt haben. Während Mr. Strutt malte, erkundigte die Schriftstellerin Elisabeth Strutt die Region ausgiebig, sprach mit den Menschen und studierte deren Sitten und Kultur. Besonders gern lauschte sie den Erzählungen der Einheimischen von Abenteuern auf den Alpen und von Wölfen am Col de Jaman. Ihre lebendige und originelle Beschreibung des Lebens im Pay-d’Enhaut lockte weitere englische Touristen an.

Das Grand Chalet in Rossinière mit seinen 113 Fenstern, ursprünglich gebaut als Wohnhaus auf einem überdimensionierten Käsekeller, wurde ab 1847 zum Hotel umgebaut, wo sich das Grossbürgertum zu Milch- und Badekur, Billard- und Krocketspiel sowie Tennis traf. Unter den illustren Gästen befanden sich der Schriftsteller Victor Hugo, der mit dem Roman «Der Glöckner von Notre-Dame» die kürzlich beim Brand verwüstete Kathedrale Notre-Dame in Paris berühmt gemacht hatte, sowie der französische Capitaine Alfred Dreyfus, der in der gesunden Alpenluft seine lädierte Gesundheit zu kurieren versuchte. Der Offizier hatte mehrere Jahre wegen einer Spionageaffäre unschuldig auf der «Teufelsinsel» im berüchtigten Straflager von Französisch-Guayana geschmort.

Brand und Boom
Der katastrophale Dorfbrand von Château-d’Oex vom 27. Juli 1800 bedeutete – ähnlich wie beim Gstaadbrand fast 100 Jahre später – ein Neuanfang. Eine schweizweite Welle der Solidarität erlaubte es, das Dorf mit Steinen und Dachziegeln – anstatt mit Holz und Schindeln wie vorher – umgehend neu aufzubauen.

Aufgrund der Zunahme der ausländischen Feriengäste zu jener Zeit öffneten 1819 auch die ersten Fremdenpensionen Berthod und Lenoir ihre Tore. Das Hôtel Berthod entwickelte sich schliesslich zu einem Erstklassehotel, in dem sich traf, was Rang und Namen hatte. Die Pension Lenoir wurde später unter dem Namen «Clos des Abeilles» ein renommiertes Mädcheninternat. 1845 wurde ein weiteres grosses Hotel, die Pension Rosat, eröffnet. 1899 konnte auf dem Anwesen des Hôtel Berthod eigens für die britische Kundschaft eine anglikanische Kapelle errichtet werden.

Mit dem Anschluss an die Montreux-Oberland-Bahn 1904, dem Bau des Grand Hôtel 1905 und der Luxusklinik La Soldanelle 1907 (Achtung: Tuberkulosekranke waren nicht willkommen!) befand sich Château-d’Oex als internationaler Luftkurort schliesslich auf dem Höhepunkt. 1879 hatte man über die Sommerzeit bereits 500 Feriengäste gezählt, um 1900 waren es gemäss Gottfried von Siebenthals Buch «Gstaad – Der Weg zum Weltkurort» im einzigen Monat August schon über 1000 – während es im benachbarten Saanenland gerade mal zu mageren 100 reichte.

Superstar und Pirouetten
Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entsprachen die Park- und Tennisanlagen der Hotels während der Sommermonate dem Gout der luxusverwöhnten Klientel. Auch der Tennissuperstar der Zwischenkriegszeit und vielfache Gewinnerin von Roland Garros sowie Wimbledon, Suzanne Lenglen, genannt «La Divine» (die Göttliche), war sich nicht zu schade, in den 1920er-Jahren auf dem Centre-Court in Château-d’Oex das Racket zu schwingen. Nach und nach entwickelte sich aber auch der Wintertourismus. Da in der spätviktorianischen Zeit Schlittschuhlaufen sehr in Mode kam, wurden die grossen Tennisplätze im Winter überschwemmt und in Natureisbahnen verwandelt. Auch wo heute das Schwimmbad steht, gab es damals eine grosse Eisbahn. Während die jüngeren Herrschaften zu Musik elegant ihre Pirouetten drehten, frönten die älteren dem Curling, einer Sportart schottischen Ursprungs. Auch die Einheimischen profitierten von den Eisbahnen, und der durch die Engländer geförderte Eishockeyclub Château-d’Oex wurde in den 1920er-Jahren sogar zweifacher Schweizermeister! Der Traditionsklub feiert dieses Jahr sein hundertjähriges Bestehen. Pferdeschlittenfahrten, Schlitteln und später Skisprung wurden ebenfalls gerne praktiziert, während das Skifahren, umständlich mit einem langen Skistock, noch in den Kinderschuhen steckte.

Ärger mit fremden Vehikeln
Das Nebeneinander von fremder, luxusverwöhnter Oberschicht und schwerarbeitender Bauernschaft, welche weder Wochenenden noch Ferien kannte, war wohl nicht immer selbstverständlich. Denn obwohl Einheimische Arbeitsplätze in den Pensionen und Hotels fanden und mit der Vermietung von Zimmern sowie Ferienwohnungen schon früh am Tourismus einen wertvollen Zustupf mitverdienten, gab es auch Misstrauen, ja gar Widerstand gegenüber den Gästen. Besonders die ersten Autos, mit denen sie im Dorf und auf der Strasse zum Col des Mosses prompt Staus und Unfälle provozierten (in den 1920er-Jahren sollen es bis zu 30 täglich gewesen sein!), wurden als lärmende und hässliche Maschinen wahrgenommen, welche die reine Bergluft verpesteten. Um ein Haar hätte der Gemeinderat die fremden Vehikel ganz verboten.

Aber das Misstrauen war gegenseitig: Felix Mendelssohn schrieb nämlich seinen Schwestern in Berlin, dass er aufpassen müsse, von den Einheimischen nicht belästigt oder übers Ohr gehauen zu werden.

Ende mit Paukenschlag
Nach dem Tief des Ersten Weltkriegs blühte das Tourismusgeschäft in Château-d’Oex während der Belle-Epoque noch einmal kurz auf. Wegen der schweren Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre machte das Grand Hôtel jedoch Konkurs. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg brannte dann auch noch das Hôtel Berthod ab, in dem internierte Soldaten beherbergt waren. In der Zwischenzeit hatten die unvergleichlichen Skihänge und die rasant sich entwickelnde Infrastruktur im Saanenland – Bau von Luxushotels, wovon das berühmte Palace in Gstaad, Chalets und Bergbahnen – Château-d’Oex sowieso schon den Rang abgelaufen. Zwar hielten sich noch bis in die 1980er-Jahre die privaten Mädcheninternate sowie während vieler Jahre hartnäckig eine vielköpfige englische Kolonie. Mit der spektakulären Sprengung des baufälligen Grand Hôtel endete aber 1989 die glanzvolle Ära mit einem Paukenschlag definitiv.

Selbstverständlich ist auch heutzutage der Tourismus im Pays-d’Enhaut neben Landwirtschaft, Gewerbe und Handwerk wichtig, er ist aber längst nicht mehr das wirtschaftliche Hauptstandbein der Region. Die saubere Luft, die Natur und der prächtige Bergkranz verzücken nach wie vor viele Feriengäste – Alpidyll eben.

Quellen: David Birmingham, «Château-d’Oex: Mille ans d’histoire suisse», 2005; Musée du Pays-d’Enhaut; «Une histoire à vivre», eine Broschüre von Pays-d’Enhaut Tourisme; Wikipedia.

Category: 

Kommentare

Neuen Kommentar schreiben

Die Emailadresse wird nicht veröffentlicht oder an dritte weitergegeben. Sie wird nur zu Kontaktzwecken im Zusammenhang mit diesem Kommentar verwendet.
CAPTCHA
Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob Sie ein menschlicher Benutzer sind und automatisiertem Spam vorzubeugen.

Kommende Events

Stellen

Immobilien

Diverses

Trending

1

«Hie läbe, hie ichoufe» – eine Aktion zur Unterstützung der lokalen Betriebe

Der Gewerbeverein Saanenland, Gstaad Saanenland Tourismus und der Hotelierverein Gstaad Saanenland haben gemeinsam das Projekt «Hie läbe, hie ichoufe» zur Unterstützung des lokalen Gewerbes und der lokalen Gastronomie erarbeitet. Sämtliche Haushaltungen in Saanen bekommen eine Gstaad Gift Card mit einem Betrag zwischen 25 und 100 Franken. Die Gemeinde Saanen beteiligt sich an der Finanzierung des Projekts.

«Nachdem der Bundesrat den Fahrplan für die Locker...