Windgeflüster: «Du muesch gah, du muesch gah»

Fr, 07. Jun. 2019
Kobi Reichen nach der Solobesteigung auf dem Gipfel des Pumori (7165 m ü.M.). Im Hintergrund der Mount Everest, der Lhotse und der Nuptse. FOTOS: ZVG

Kobi Reichen, Extrembergsteiger und -skifahrer, erzählt über sein Leben zwischen Himmel und Erde.

BLANCA BURRI
Das Navigationsgerät führt mich Richtung Lauenensee. «Sie haben ihr Ziel erreicht», flötet es – doch von Kobi Reichens Haus ist weit und breit nichts zu sehen. Irgendwann biege ich links ab und fahre über eine steile Naturstrasse bis zu einem Brunnen, der vor einem Chalet steht. Ausgebleichte Gebetsfahnen wehen im kühlen Frühlingswind. Hier bin ich richtig, geht es mir durch den Kopf. Und doch frage ich mich: Was mache ich hier? Was kann ich über Kobi Reichen, den Zimmermann, Bergführer, Extrembergsteiger und -skifahrer, noch erfahren, das nicht bereits in allen Zeitungen stand?

Sobald ich mich der Balkontüre nähere, eilt mir Kobi Reichen entgegen. Er öffnet die Türe in Arbeitshose und begrüsst mich herzlich. Die grosse offene Küche mit Stube und Büro ist gemütlich eingerichtet. Neben der Küche brennt im «Potaschi» ein Feuer. Ich überreiche ihm die frisch gekauften Gipfeli und Brötli zum «Morgegaffi». Ich setze mich an den hölzernen Küchentisch. Der Bergführer kommt aber nicht recht zur Ruhe. Er eilt umher, braut italienischen Kaffee und fragt: «Weshalb braucht es das Interview?» Im Rahmen des 100-Jahr-Jubiläums des Bergführervereins Gstaad-Lenk fiel Kobi Reichens Name mehrfach, was den Respekt seiner Bergführerkollegen unterstreicht. Diese Antwort befriedigt den drahtigen Endfünfziger nur halb: «Ich bin nicht mehr aktuell! Das braucht es doch nicht!»

«Im Moment wäre ich eigentlich auf einer Expedition mit Mike Horn, aber ich habe damit abgeschlossen», eröffnet Kobi Reichen. Seine Absage kommt überraschend, war er mit dem Abenteurer doch bereits mehrmals unterwegs. «Drei- oder viermal, glaube ich. Wenn ich etwas jünger wäre, würde ich seine Expeditionen noch oft begleiten.» Kobi Reichen schenkt den Kaffee ein und setzt sich. Kennengelernt hat er den Naturmenschen aus Südafrika per Zufall. «Als wir uns einmal über den Weg liefen, hat es sofort gefunkt – im übertragenen Sinn natürlich», lacht er. «Wir verstehen uns ohne Worte. Er ist ein extrem lieber Mensch, in allen Disziplinen sehr gut und –», er macht eine Pause, «er lebt noch. Das ist ein weiterer Beweis seines Könnens.» Ein ähnliches Verhältnis hat der Lauener zum Italiener Silvio Mondinelli, mit dem er verschiedene Achttausender bestiegen hat. «Er spricht kein Deutsch und ich kein Italienisch, trotzdem verstehen wir uns prächtig.» Eine Seelenverwandtschaft? Kobi Reichen erklärt es anders: «In den Bergen gibt es Situationen, in denen es darauf ankommt. Dann ‹sötisch› nicht mehr erklären oder rufen. Dann harmoniert es einfach.» Hoch über dem Abgrund, wenn die Seilschaft an einer heiklen Stelle klebt, ein einziger Schritt, eine falsche Bewegung in den Tod führt, dann kommt es darauf an. Dann sollten sich die Seilpartner voll und ganz auf den eigenen Instinkt und den des Kletterpartners verlassen können.

Der Bergführer mit den lebensfrohen Augen hätte mit Mike Horn eine letzte Chance für die K2-Besteigung gehabt. «Ich habe im Kopf und im Herzen mit den grossen Touren abgeschlossen!» Sagt Kobi Reichen das nur, oder meint er es wirklich? Er erklärt: «Mit 30 oder 40 habe ich mir nie überlegt, was bei einem Herzinfarkt oder bei einem Beinbruch passieren würde. Solche Fragen tauchen jetzt auf.» Als Grund nennt der 59-Jährige sein Alter. Er sei langsamer geworden und könne sich deshalb nicht mehr zu 100 Prozent für diese Projekte motivieren. Seine Devise lautet: «Entweder ist man mit Leib und Seele dabei, oder man lässt es sein.» Wenn man zögere, habe man verloren. «Ich arbeite oft mit meinem Bauchgefühl, das mir im Moment rät aufzuhören.» Der Entscheid fällt ihm aber nicht einfach. Zu wissen, dass die Expedition mit Mike Horn am Nanga Parbat voriges Jahr die letzte war, wurmt ihn. Er bringt das Thema im Gespräch mehrmals auf den Tisch. Das Mantra «Ich bin zu alt für harte Touren» scheint wie ein Versuch, sich selbst davon zu überzeugen. Einmal sei er aus Verlockung mit auf eine Expedition gegangen. «Wenn man es nicht mit jeder Faser des Körpers will, ist es nicht dasselbe.» Trotzdem fühlt er sich in der Bergwelt weiterhin wohl und führt seine Gäste sicher auf tiefergelegene Gipfel. Ideen hat er noch viele: «Vielleicht gehe ich mit meiner Tochter Amely einmal auf ein Trekking.»

Anfang der Jahrtausendwende verbrachte Kobi Reichen fast mehr Zeit im Himalaya als in seinem Heimatdorf. Die Kameradschaft und das alpine Bergsteigen bereiteten ihm grosse Freude. «Es war wie eine Sucht». Er hatte damals Gelegenheit, mit Silvio Mondinelli den Kangchenjunga (8596 m ü.M.) zu besteigen. «Nach der erfolgreichen Expedition fragte er mich, ob ich mit auf den K2 käme.» Für Reichen war sonnenklar, dass er mitgehen würde. Doch weil er erfuhr, dass die Geburt seiner Tochter in genau die gleiche Zeit fiel, überlegte er es sich doch anders. «Heute weiss ich, dass es meine einzige Chance gewesen wäre, den wohl schwierigsten Achttausender zu erklimmen», blickt er zurück. Denn Silvio Mondinelli stand damals auf dem Gipfel. Kobi Reichen hatte danach noch zweimal Gelegenheit, den zweithöchsten Berg zu besteigen. Beide Male musste er unverrichteter Dinge umdrehen. Trotzdem sei es die absolut richtige Entscheidung gewesen: «Die Ankunft der kleinen Erdenbürgerin hat mich zutiefst berührt.» Seine Tochter stellte sozusagen sein Leben auf den Kopf. Weil es im Extremalpinismus in brenzligen Situationen um Leben und Tod geht, muss jeder einen gewissen Egoismus entwickeln und vor allem zu sich selbst schauen. Reichen spürte nun zusätzlich die Verantwortung für seine Amely, deshalb sagte er einige Expeditionen ab.

In der Bergsteigerszene war der Sohn einer Bergbauernfamilie inzwischen für seine körperlich wie psychisch sensationelle Verfassung bekannt. Man wollte ihn dabei haben, wenn man einen Achttausender bestieg. Norbert Joos (13 Achttausender) schrieb über ihn: «Kaum jemand ist am Berg so schnell wie er.» Als er den Shisha Pangma (8046 m ü. M.) erklomm, liess er seine Kollegen losziehen, um erst Stunden später zu starten. Auf 7000 m ü. M. holte er seine Bergfreunde ein, um vor dem Gipfel wiederum drei Stunden auf sie zu warten. Als Vorgänger von Ueli Steck möchte er aber nicht verglichen werden.

Auf seinen Touren hatte er, wenn immer möglich, sehr wenig Gepäck dabei: nur etwa sieben Deziliter Flüssigkeit und ein paar wenige Snacks sowie ein paar Ersatzhandschuhe. Richtig gegessen wurde im Basislager, vor und nach der Tour. Der gelernte Zimmermann liebt diese Art des Bergsteigens, den sogenannten Alpinstil, der sich an die Anfänge des Gebirgstourismus lehnt und im krassen Gegensatz zu Expeditionen steht. Einheimische Bergführer und Hochträger montieren bei Expeditionen Fixseile, sorgen für das Wohl ihrer Gäste, schleppen das Gepäck, stellen die Zelte auf und legen davor einen Teppich aus. Auch Sauerstoff aus der Flasche käme für Reichen nie infrage. «Genau das macht das Höhenbergsteigen so interessant. Es zeigt Grenzen auf.»

Je weniger die Pfade ausgetreten, desto besser fühlt sich Reichen, der mit ausladenden Handbewegungen erzählt. Bei der Besteigung des dritthöchsten Bergs, dem Kangchenjunga (8596 m ü. M.), war die Seilschaft um Kobi Reichen die Einzige am Berg. «Das war so schön. Wir waren eine winzige Mannschaft an einem grossen Berg. Das hat uns extrem zusammengeschweisst.» Der Kangchenjunga ging Kobi Reichen in die Knochen. Der Aufstieg war enorm kräftezehrend. Weil das Wetter nicht stimmte, harrten sie eine Nacht länger als geplant auf 7300 m ü. M. aus. Es war kalt. Bei einer Rast auf 8100 m ü. M. kamen die Bergsteiger an ihre Grenzen: «Wir froren, spürten unsere Füsse nicht mehr. Ich zog meine Steigeisen aus, um den Schuh gegen den Fels zu schlagen und dadurch die Blutzirkulation anzuregen. Mein Kollege Silvio hat den Expeditionsschuh ausgezogen, um die Füsse zu massieren. Stell dir vor, was geschehen wäre, wenn sein Schuh in die Tiefe gestürzt wäre! Stell dir vor!» Kobi Reichen war Erfrierungen ausgesetzt: Ihm fror während dieser Tour die Nasenspitze ein, seither ist die Sensorik irritiert. Einer seiner Kollegen verlor gar drei Finger.

Eines der prägendsten Erlebnisse hatte Reichen mit Mike Horn und Fred Roux am K2. Die Seilschaft rückte bis auf etwa 7500 Meter vor. Rund 50 Meter unter der Stelle, die für das Biwak vorgesehen war, kehrte das ganze Team um, weil Kobi Reichen ein mulmiges Gefühl hatte. «Es ischt eifach nid guet gsy.» Über eine Kuppe sei etwas Schnee ins Tal gerutscht, es habe leicht gewindet. «Ich kann es nicht beschreiben.» Das Team prüfte diverse Varianten, befand sie aber als lebensgefährlich und kehrte schliesslich um. Beim Abstieg über Eis und Fels begegneten sie drei Neuseeländern, die fragten: «Was ist los?» «Es ist lawinengefährlich!», antwortete der Lauener. Nur einer der Neuseeländer schloss sich der absteigenden Seilschaft an, die anderen kletterten weiter auf. «Seither sind sie missing.» Sobald eine Person im Hochgebirge vermisst wird, kann man davon ausgehen, dass sie ums Leben gekommen ist.

«Der Entscheid, eine Tour abzubrechen, ist wahnsinnig schwierig zu fällen, denn der Aufwand ist enorm. Man ist zwei Monate weg, hat keinen Lohn, muss die Reisekosten von mehreren Zehntausend Franken bezahlen: Das setzt extrem unter Druck.» Kobi Reichen hat fast immer auf seinen Instinkt gehört. «Deshalb lebe ich trotz gefährlichen Touren noch.» Ein Erklärungsversuch für sein Bauchgefühl: «Ich bin in der sonnigen Lauenen aufgewachsen, also mitten in den Bergen, in der Natur. Ich habe viel von meinem Vater gelernt, der mir und meinen Geschwistern das Verhalten in der Natur beigebracht hat. Wir hatten einen langen, steilen Schulweg, sind in der Freizeit geklettert und haben uns von Kindsbeinen an das Verhalten angeeignet, das es zum Überleben im Gebirge braucht.» Zur Vorbereitung seiner Touren konsultiert er keinen Wetterbericht und kein Lawinenbulletin. «Ich beobachte das Wetter und die Hänge. Ich spüre, wenn eine Gefahr droht und ich habe gelernt, darauf zu hören.» Er vergleicht sich mit einer Gämse, die sich instinktiv richtig verhält.

Kobi Reichen stellt den Alpinismus, wie er heute zum Teil betrieben wird, infrage. Er kann nicht verstehen, weshalb alle Gipfelfotos sofort geteilt werden müssen. Er geniesse den Aufstieg, den Gipfel, die Abfahrt, Punkt. Er rückt den Stuhl zurück und steht auf. Dann holt er eine Karte vom Himalaya, einen Höhenmesser und einen Kompass. «Das ist alles, was es für das Gebirge braucht», sagt er und führt den Kompass vor. Natürlich konsultierte auch er auf den Extremtouren per Satellitentelefon den Meteobericht, doch: «Im Himalaya zählt das ‹Gspüri› mehr als elektronische Hilfsmittel, Lawinenbulletins und Wetterberichte. Das ‹Gspüri› habe ich. Dafür habe ich im Büro ein absolutes Chaos.» Er lacht herzlich und doppelt nach: «Wirklich!» Während der Ausbildung zum Bergführer hat er sich noch nicht voll auf seinen Instinkt verlassen. Bei einer Ausbildungsskitour folgte er seinem Klassenlehrer, obwohl er dachte: Hier ginge ich nicht durch, das ist zu gefährlich. Er getraute sich aber nicht, etwas zu sagen und schon war es zu spät. Alle fünf lagen im Schneebrett. «Wir hatten grosses Glück.»

«Bergsteigen ist nicht mein Hobby, Bergsteigen ist meine Leidenschaft, meine Lebensphilosophie», so steht es auf der Sponsorendokumentation mit der Kobi Reichen früher an Vorträgen Geld für seine Expeditionen in den Himalaya sammelte. An seine erste grosse Tour erinnert er sich genau: 1988 mit dem Lauener Daniel Oehrli und Robert Bösch. «Wir bestiegen den Südostgrat des Ama Dablam auf 6850 Meter, dem Matterhorn des Himalayas, im Alpinstil.»

Und wie geht ein Extrembergsteiger mit dem Tod um? «Ich war an zwei, drei Orten, wo auch der Tod weilte. Das beschäftigte mich schon stark. Manchmal half man jemandem, und doch reichte es nicht.» Zurück am Küchentisch gestikuliert Kobi Reichen etwas unbeholfen mit den Händen. Die Augen verraten, dass er sich oft mit dem Thema auseinandergesetzt hat und dass er sich in der Öffentlichkeit wiederholt darüber äussern muss. «Ich musste lernen, zwischen meinem Leben und dem Leben des anderen zu unterscheiden. Ich kann nichts dafür, dass der andere Alpinist in diese Situation geraten ist. Jeder ist für sich selbst verantwortlich.» Wie das Beispiel vom K2 zeige, müsse jeder selbst entscheiden, wann es Zeit für die Umkehr sei. Ein gewisses Restrisiko bleibe trotzdem immer. «Ich habe alle Touren immer extrem gut vorbereitet und war mir der Risiken bewusst. Die ganz schwierigen Sachen habe ich alleine oder mit Profis durchgezogen, da konnte ich mich auf mich selbst konzentrieren. Mit den Gästen habe ich auch anspruchsvolle Sachen gemacht, darauf waren sie immer vorbereitet.» Der braungebrannte Bergler doppelt nach: «Ich habe immer auf mein Gefühl und meine Erfahrung gesetzt, deshalb lebe ich noch.»

Einige ‹strube› Situationen zwischen Himmel und Erde hat der Lauener erlebt. Beim Abstieg vom Makalu (8484 m ü. M.) hat seine Seilschaft einen Amerikaner angetroffen, der kurz vor dem Erfrieren war. «Wir haben ihm so weit geholfen, wie wir konnten.» Kobi Reichen hat ihm noch die Mütze ins Gesicht gezogen, sein Kollege ein paar Worte zu ihm gesagt. Für eine Bergung wäre es zu spät und durch das extreme Gefälle unmöglich gewesen. Auf dem weiteren Abstieg trafen sie schliesslich auf das Biwak der amerikanischen Bergsteigerkollegen. «Wir mussten ihnen sagen, dass es wohl vorbei ist.» Das sei ihm lange nachgegangen: «Das isch no e Schissdräck.»

Ein anderes Mal hat er auf einer Expedition mit Mike Horn auf einem Gletscher einen menschlichen Kopf mit Haut und Haar gefunden. Sie fotografierten ihn und stellten das Foto ins Netz. «Das kam zwar nicht überall gut an. So konnten wir einer Familie aber Gewissheit verschaffen, sie konnten Abschied nehmen.» Auch am Matterhorn hatte der Bergführer eine schwierige Situation zu meistern. «Ich leistete einer Frau erste Hilfe. Als ich sie erreichte, war sie aber bereits tot. Sie sah nicht sehr hübsch aus, weil ihr Schädel zerschlagen war.» Der Helikopter transportierte sie schliesslich ab. «Am nächsten Tag hatte ich wieder Gäste. An jener Stelle lagen noch immer Stoffresten. «Das prägt.»

Ebenso viel Nervenstärke braucht es, wenn er weiss, dass er eine gefährliche Stelle durchschreiten muss: Vom Basislager K2 gibt es einen 45 Minuten langen Marsch über einen Gletscher entlang eines lawinengefährlichen Hanges. «Natürlich habe ich mich mental vorbereitet, indem ich einen Plan ausheckte, an welcher Stelle ich im Ereignisfall in welche Richtung rennen würde – aber renn mal auf über 5500 Metern! Dort kann man nicht mehr rennen!»

Wer ohne Sauerstoff auf einen Achttausender steigt, kann das nur dank mentaler Höchstleistung. «Sogar ‹ds Nüsche› eines Schuhbändels auf dieser Höhe ist extrem anstrengend.» Das führe zu unbeschreiblicher Müdigkeit. Wenn sich die Alpinisten setzen, ist die Gefahr gross, dass sie nicht mehr aufstehen. Meist fallen sie in einen tranceähnlichen Zustand und erfrieren. Deshalb wiederholt Reichen den immer gleichen Satz: «Du muesch gah, du muesch gah, du muesch gah.» Beim Abstieg vom Makalu lehnte er sich für einen Moment irgendwo an und lutschte an einem Eiszapfen, um ein bisschen Flüssigkeit aufzunehmen. «Wahrscheinlich hatte ich einen Sekundenschlaf. Als ich wieder zu mir kam, hörte ich meine innere Stimme ‹Du muesch gah›, das hat mich aufgeschreckt und mir das Leben gerettet.»

Auch wenn Kobi Reichen älter wird, seine Führungsstärke und seine unglaubliche Art, Leute zu motivieren, bleiben ihm. Und so sieht er sich auch in hohem Alter noch in der Eigernordwand – zuvorderts in der Seilschaft wohlverstanden. Auch eine extreme Skiabfahrt behält er im Auge: die Erstbefahrung der Grosshornnordwand (Lauterbrunnental). «Ich staune, dass sie noch kein Junger in Angriff genommen hat.» Dass er sie noch selbst anpacken wird, denkt er nicht. «Eigentlich habe ich mit dem Extremen abgeschlossen.» Eigentlich.

Ich verlasse das Holzchalet. Gedanklich wähne mich noch immer auf einem Gipfel in Asien. Der eisige Wind rupft an der Jacke und beisst meine Wangen. Jetzt weiss ich: Ja, es gibt noch viel zu schreiben über Kobi Reichen.

Porträt Kobi Reichen im Schweizer Fernsehen: https://tinyurl.com/yyktypzj
Mike Horn: www.mikehorn.com/


ZUR PERSON

Der Lauener Kobi Reichen (1960) hat nach der Primarschule die Lehre zum Zimmermann absolviert. Er ist ausgebildeter Bergführer und besitzt das Jagdpadent. Neben dem Extrembergsteigen und Extremskifahren machte ihm auch Karate Spass. Er besitzt den schwarzen Gürtel.


ALPEN

Durchstieg der klassischen Nordwände wie Eiger, Grandes Jorasses, Matterhorn, Elefanten-Ohr Wendenstöcke bis 9-, Freney-Pillar mit Gästen
Durchstieg von acht verschiedenen Routen an der Eigernordwand
Zweitbegehung der Chilini-Piola-Route, extrem schwierig, Rückzug äusserst problematisch
Erstbegehung der Jungfraunordwand
Solobegehungen
zum Teil sehr schnell: Gspaltenhornnordwand,
Lauterbrunnen Breithornnordwand (Gulley-Route), Lauperroute am Eiger, Südwand des Rothorns im Fermeltal (VI- A1 bis A2)
Kletterroute Docteur Jivago in Drapel (Waadt) 7a seilfrei


EXPEDITIONEN

Aconcagua Südwand, erste alpine Begehung der jugoslawischen Route, 6970 m ü.
Mount McKinley, 6190 m ü. M., Alsaka
Ama Dablam Südostgrat, 6850 m ü. M., Himalaya (Alpinstil)
Cho Oyu, Solobegehung, 8201 m ü. M., Himalaya
Mount Everest bis 8650 m ü. M., Himalaya
Dhaulagiri mit Ski bis 7400 m ü. M., Himalaya
Pumori Südostgrat, Solobegehung, 7165 m ü. M., Himalaya
Sisha Pangma, Scott Route Südwand, 18 Stunden im Auf- und Abstieg, 8046 m ü. M.,

Makalu, Messner Variante, 8484 m ü. M., Himalaya
Kangchenjunga, zum Teil neue Route, 8596 m ü. M., Himalaya
Broad Peak, 8047 m ü. M., Pakistan
K2 Cesenroute bis 7600 m ü. M., Pakistan und China
Sowie drei 6000er und zwei 7000er


ALPINSTIL

Der Alpinstil ist eine Variante des Höhenbergsteigens, bei der die gesamte Besteigung «wie in den Alpen» durchgeführt wird. Das bedeutet, dass auch höchste Berge bis hin zu den Achttausendern als kleine Seilschaft ohne Fremdhilfe, ohne vorher präparierte Route und in einem Zug vom Basislager zum Gipfel und zurück begangen werden. Die benötigte Verpflegung und die gesamte alpine Ausrüstung werden dabei selbst mitgeführt. Zelte werden im Bedarfsfall aufgebaut und am nächsten Morgen wieder eingepackt. Man verzichtet vollständig auf den Einsatz von Flaschensauerstoff und auf «Belagerungsalpinismus», wie er für den klassischen Expeditionsstil kennzeichnend ist.


«TippTopp»
Lustiger Auszug aus dem Buch «Mit dem Eispickel und Stethoskop» von Oswald Oelz.

«Am oberen Rand der Verschneidung hatten zwei Koreaner gerade ihre Biwakausrüstung zusammengepackt, als wir, teilweise gleichzeitig gehend, an ihnen vorbeikletterten. «You are very fast climbing», sagte der eine noch, dann waren wir weiter. Kobi genoss die Kletterei wie ich. Er redete ständig, sein Lieblingswort «tipptopp» kam alle paar Meter, besonders dann, wenn er seine Standplätze bekanntmachte und anpries. Ich hörte «tipptopp» und Mendelssohn und kletterte. Gegen Mittag hatten wir die neun Spanier erreicht, die eine oder zwei Seillängen über ihr zweites Biwak hinausgeklettert waren. Sie erwiesen sich als wahre Meister im Auslösen von Steinlawinen, was ihnen schliesslich, als auch noch ein Pickel herunterfiel und uns nur knapp verfehlte, einen brüllenden Wutausbruch von Kobi in bestem Berner Oberländer Dialekt bescherte. Wir überholten die etwas verdatterten Spanier rechts der Route in kleinsplittrigem Fels mit eher fragwürdigen Sicherungspunkten. Kobi versicherte mir aber selbst noch, als er an einem einzigen Klemmkeil Stand machte, dass dieser «tipptopp» sei.»

Dies trug sich beim Walker-Pfeiler (4208 m ü.M.) zu.


SKI ERST-BEFAHRUNGEN

Mönch Nordwand 1200 Höhenmeter
Lonzahorn Nord-Couloir 1000 Höhenmeter
Spitzhorn Nordwand 900 Höhenmeter
Rüblihorn Nordwand 500 Höhenmeter
Niesen Nordostwand, 2. Befahrung, 1500 Höhenmeter

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