«Ich liebe die natürliche Autorität, die über Jahre wächst»

Fr, 16. Aug. 2019
Sympathisch, eloquent und weltgewandt: Manfred Honeck FOTO: BLANCA BURRI

Manfred Honeck hat das Saanenland erst dieses Jahr durch sein Engagement als Dirigent des Gstaad Menuhin Orchestra (GMO) und als Professor der Gstaad Conducting Academy kennengelernt. Im Interview erzählt er, dass das GMO aus herrvorragenden Musikern besteht und dass das Wissen über Musik den Horizont erweitert.

BLANCA BURRI

Was ist der Reiz, das GMO zu dirigieren?
Darin spielen allesamt hervorragende Musiker. Sie sind sehr begeisterungsfähig und wollen sich gegen die Routine auflehnen. Dadurch tönen die von ihnen gespielten Werke immer frisch und neugierig. Das animiert dazu, Experimente einzugehen.

Das GMO muss täglich auf elf Dirigenten eingehen …
Das fordert das Orchester, denn jeder Dirigent ist anders. Sich darauf einzustellen und dabei die Nerven zu behalten, ist gar nicht so leicht.

Wie reagieren die Musiker im Normalfall?
Sehr professionell! Sie versuchen alles umzusetzen, was der Dirigent verlangt. Das finde ich grossartig.

Mit welchem Orchester können Sie das GMO vergleichen?
Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich beurteile ein Orchester immer nach der Spielfreude, der Spielweise und nach dem technischen Können. Das GMO hat unglaubliche Lust auf das Spiel. Das findet man nicht überall, denn wenn ein Orchester zum Beispiel die Sechste von Tschaikowski bereits hundertmal gespielt hat, ist es nicht selbstverständlich, dass es noch experimentierfreudig und neugierig ist. Weil wir internationale Musiker wie Dirigenten an der Academy haben, ist die einheitliche Sprache, die Musik, eine Kunst.

Sie sagten kürzlich, dass sich Dirigenten zu wichtig nehmen. Wie meinen Sie das?
Ich will niemandem auf die Füsse treten, aber ich weiss, wie das in unserem Beruf ist. Wir sind permanent im Mittelpunkt. Wir stehen immer vor diesen hundert fantastischen Musikern und geben den Takt vor. Wir korrigieren dauernd. Da schleicht sich nach vielen Jahren das Gefühl ein: «Ich bin der Chef.» Das stimmt natürlich auch, aber wenn eine Grenze überschritten wird und es zu einer Diktatur wird oder wenn man sich so benimmt, dass die Musiker keine Freude mehr haben oder wenn sie sogar Angst fühlen, finde ich das nicht so richtig.

Haben Sie das als Musiker selbst erlebt?
Ich habe ja unter verschiedenen Dirigenten gespielt. Herbert von Karajan war eine unglaubliche Autorität. Trotzdem war er für mich wie ein Vater. Er hat uns alle sehr liebevoll behandelt. Ich liebe die natürliche Autorität, die über Jahre wächst. Sie entsteht durch das Können, durch die Liebe und Hingabe zu den Musikern.

Wie schaffen Sie es, mit dem Orchester auf Augenhöhe zu bleiben?
Ich lasse die Musiker teilhaben. Ein Dirigent muss die Musiker immer respektvoll behandeln und sie lieben. Man kann es mit der Kindererziehung vergleichen, weil man Dinge, die sich einschleichen, klarstellen muss. Ich versuche, die Musiker nie von oben herab zu behandeln. Sie möchten herausgefordert werden, aber nicht unter Zwang, sondern als Mitspieler. Wir sind voneinander abhängig.

Ist in Ihren Augen der Dirigent oder der Komponist wichtiger?
Natürlich der Komponist. Ich finde es eine Verdrehung, wenn der Name des Dirigenten gross auf dem CD-Cover steht und der des Komponisten ganz klein. Ohne die wunderbaren Komponisten gäbe es meinen Beruf nicht. Ich könnte nicht existieren.

Hat das Schaffen des Dirigenten trotzdem Einfluss auf das Werk?
Unsere Arbeit ist Teil des Schöpferischen, denn das, was wir aus der Partitur herauslesen, wird den Zuhörern direkt serviert.

Sie unterrichten an der Gstaad Conducting Academy. Was geben Sie den Jungen mit?
Sie müssen verstehen, wie sie Musik machen können. Sie müssen wissen, woher die Musik kommt, was ihr Inhalt und ihre Aussage ist. Gibt es Traditionen, die beim Spielen beachtet werden müssen? Das setzt Wissen über die Zeit, in der der Komponist gelebt hat und über die Partitur voraus. Ich fordere die Jungen heraus, nicht am Notentext zu kleben. Sie sollen den Mut aufbringen, den Takt nicht zu schlagen, sondern so zu dirigieren, dass sie eine Phrase oder eine Linie durchziehen.

Bisher haben Sie Meisterkurse abgelehnt. Woher kommt der Sinneswechsel?
Ich möchte die Dirigiertechnik von Carlos Kleiber, den ich sehr schätze, weitergeben. Für mich ist er einer der bedeutendsten Dirigenten. Er hat eine Technik entwickelt, die ich genau analysiert habe. Ich möchte diesen Geist weitervermitteln.

Wie erkennt man, ob jemand sich als Dirigent eignet?
Man soll sich nicht täuschen. Auch solche Dirigenten können sich entwickeln, von denen man es nicht erwartet. Das geschieht, wenn sie sich vom Schlagen entfernen und hingehen zum gemeinsamen Musizieren. Es gibt natürlich viele unterschiedliche Dirigiertechniken, deshalb kommt es letztlich auf die Persönlichkeit an. Ich habe bei einigen der Dirigenten im Meisterkurs Fortschritte festgestellt.

Welchen Stellenwert hat der Neeme-Järvi-Preis?
Ein Preis zu gewinnen, ist nicht alles. Aber natürlich gibt es Dirigenten, die eine Auszeichung als Sprungbrett genutzt haben. Wettbewerbe sind immer da, um ein bisschen Licht auf jemanden zu werfen, von dem man glaubt, dass er begabt ist. Es ist eine Ermutigung, dass er den Weg weitergeht.

Welche Bedeutung hatte die klassische Musik vor 50 Jahren und welchen heute?
Das ist eine umfassende Frage. Vor 1950 gab es viele Kammerorchester und somit haben viele Leute selbst ein Instrument erlernt. Heutzutage geht der Musikunterricht leider zurück. Ich finde, er ist Teil der europäischen Kultur. Wenn eine Gesellschaft ohne Kunst heranwächst, ist das eine sterbende Gesellschaft. Nichts gegen Geld verdienen, gegen Sport oder andere kulturelle Angebote. Aber eben Kunst und Kultur dürfen nicht vernachlässigt werden. Klassische Musik bildet, sie erzieht. Obwohl weniger Leute klassische Instrumente spielen, gibt es sehr viele Menschen, die mit klassischer Musik in Berührung kommen. Es gab noch nie so viele Festivals, so viele sehr gute Orchester. Ich weiss, einige finden klassiche Musik irrsinnig langweilig, aber dann haben sie sie auch noch nicht verstanden. Wenn man sie einmal begriffen hat, wird sie einen nie mehr loslassen.


ZUR PERSON

Der 67-jährige Mafred Honeck ist gebürtiger Österreicher. Er hat seine musikalische Laufbahn auf der Violine und der Viole begonnen. Er spielte als Bratschist im Wiener Stadtsopernorchester. Von 1991 bis 1996 war er Erster Kapellmeister am Opernhaus Zürich und erhielt dort 1993 den Europäischen Dirigentenpreis. Seine Karriere liest sich wie ein Märchenbuch: Er war Chefdirigent vom Swedish Radio Symphony Orchestra Stockholm und Generalmusikdirektor der Staatsoper Stuttgart. Als Gastdirigent leitete er alle führenden internationalen Orchester. Seit zehn Jahren ist er Musikdirektor des Pittsburgh Symphony Orchestra, wo sein Vertrag kürzlich verlängert wurde. Dieses Jahr dirigiert er das Gstaad Menuhin Orchestra und unterrichtet die jungen Dirigenten am Pult.

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