Auftakt zum Literarischen Herbst Gstaad 2019

Fr, 13. Sep. 2019
Géraldine Schwarz (rechts) im Gespräch mit Moderatorin Nathalie Garbely FOTO: ÇETIN KÖKSAL

Die Journalistin und Autorin Géraldine Schwarz eröffnete letzten Mittwoch im Hôtel de Ville in Châteaud’Oex mit ihrem Werk «Die Gedächtnislosen» den diesjährigen Literarischen Herbst Gstaad. Bis Sonntag finden nun im Rahmen dieses Festivals in Saanen, Gstaad und Zweisimmen weitere Veranstaltungen statt. Neben Géraldine Schwarz lesen Laurence Boissier, Franz Dodel, Laura Freudenthaler, Guy Krneta, Pedro Lenz, Tanja Maljartschuk, Jaroslav Rudiš, Ruth Schweikert, Beat Sterchi und Kathy Zarnegin aus ihren Werken.

ÇETIN KÖKSAL
Liliane Studer, die Programmverantwortliche des Vereins Literarischer Herbst Gstaad, übergab nach der Begrüssung das Wort an Moderatorin Nathalie Garbely, welche dem interessierten Publikum kurz die Autorin, Journalistin und Dokumentarfilmerin Géraldine Schwarz vorstellte. Sie ist 1974 in Strassburg geboren, hauptsächlich in Frankreich aufgewachsen und zur Schule gegangen, wobei der Vater deutscher und die Mutter französischer Abstammung sind. Heute lebt Schwarz in Berlin. Ausschlaggebend für die Arbeit an ihrem Buch «Les Amnésiques», wie das in Französisch geschriebene Original heisst, seien die politischen Ereignisse des Jahres 2016 gewesen: «Trump wurde zum Präsidenten gewählt, fast die Hälfte der Franzosen votierte für den Front National, in Deutschland gewann die AfD – Alternative für Deutschland – an Popularität und Autokraten wie Putin, Orban oder Erdogan zementierten zunehmend ihre Macht. Entsetzt über diese Entwicklung, stellte ich mir unweigerlich die Frage, ob wir denn die ganzen Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs bereits vergessen haben. Sind wir amnesisch geworden?»

«Leichen» im Keller des Grosselternhauses
Géraldine Schwarz fragte sich zudem, ob es vielleicht daran liegen könnte, dass die grosse Mehrheit der europäischen Bürger sich vor allem als Opfer des grossen Krieges verstehen. Erst ab den Sechzigerjahren fand – vor allem in Deutschland – eine intensivere Gesellschaftsdiskussion über die Verantwortung der grossen Masse, den sogenannten Mitläufern statt. Ihre Überlegung war also, wenn die Schuld an dieser Schreckenszeit nicht einfach an prominente Monster wie Hitler, Goebbels, Mussolini, Franco oder das Vichy-Regime abgegeben werden kann, und sich die «gewöhnlichen» Leute ihrer erheblichen Mitschuld bewusster würden, könnten wir den unschätzbaren Wert der Demokratie deutlicher erkennen. Wo fängt man demzufolge an? Genau, konsequenterweise vor der eigenen Haustüre.

Schwarz erinnerte sich in diesem Zusammenhang an alte Ordner, welche sie noch als Kind bei ihren Abenteuern im schummrigen Keller des Grosselternhauses in Mannheim entdeckt hatte. Zum Glück war das Haus noch immer in väterlichem Besitz, sodass die neugierige Journalistin sich durch die angestaubten Ordner wühlen konnte. Dabei stiess sie auf ein besonders erschütterndes Dokument: einen Firmenkaufvertrag zwischen dem jüdischen Julius Löbmann und ihrem Grossvater Karl Schwarz. Wie viele unbescholtene und gesetzestreue Bürger profitierten die Grosseltern ungeniert und völlig opportunistisch von den viel zu tiefen Preisen der ersten «Arisierungswelle». Das ging sogar so weit, dass Géraldine Schwarz auf alten Familienfotos bemerkte, dass sich während des Kriegs das Mobiliar ihrer Grosseltern eindeutig zum Luxuriöseren veränderte. Wiederum wie ganz viele andere, nutzten ganz offensichtlich auch sie die günstige Gelegenheit, bei den von den Nazis organisierten Versteigerungen hochwertiges Mobiliar von «unerwünschten» Juden zu erwerben. Besonders stossend sei zudem die Tatsache gewesen, dass diese Versteigerungen häufig direkt in den Familienwohnungen der betroffenen Juden stattgefunden hätten. Solange man also persönlich profitieren konnte, schienen sich all die rechtschaffenen, «normalen», «einfachen» Leute an diesen unappetitlichen, damals schon ganz klar judenfeindlichen De-facto-Enteignungen nicht zu stören. Waren das nur unschuldige Mitläufer?

Wie werden wir zu Barbaren?
Eine der grossen Fragen, die besonders nach dem Zweiten Weltkrieg immer wieder gestellt wurde und noch gestellt wird, lautet: Wie war es möglich, dass die kulturell führende Nation Europas, das Land der Dichter und Denker, sich in relativ kurzer Zeit zu einem Verursacher von so viel Leid und Schrecken wandeln konnte? Wie konnte das Volk dermassen effektiv manipuliert werden, dass eine solche Entwicklung überhaupt möglich war? Denn eines ist sicher, ohne die Gefolgschaft und Mitwirkung eines beträchtlichen Teils der Bevölkerung hätten sich die nationalsozialistischen und faschistischen Regime nicht installieren und halten können. Géraldine Schwarz möchte mit der persönlichen Aufarbeitung ihrer eigenen, «kleinen» Familiengeschichte in «Die Gedächtnislosen» aufzeigen, wie verwickelt und verbunden die grosse Geschichtsschreibung mit den unzähligen, zunächst vielleicht unbedeutend erscheinenden, kleinen, persönlichen Geschichten ist. Sobald man sich dieser Verzahnung bewusst wird, kann man die Schuld auch nicht mehr bequem nur auf die «Oberen» abschieben. Vielleicht hilft uns dies, den gegenwärtigen, politischen Trend zu erneutem Populismus zu verstehen und uns der darin verborgenen, enormen Gefahren bewusst zu werden und uns aktiv dagegen zu wehren. Denn es steht viel mehr auf dem Spiel, als wir anfänglich immer denken …

«Les Amnésiques/Die Gedächtnislosen» wird in acht Sprachen übersetzt und hat den Europäischen Buchpreis 2018 gewonnen. www.literarischerherbst.ch

 

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