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Der Wolf und das böse Rotkäppchen

Fr, 29. Nov. 2019
Er will mit seinem Film über den Wolf aufklären und fordert für das Grossraubtier mehr Toleranz: der Dokumentarfilmer Thomas Horat. FOTO: KSM-FOTOGRAFIE

Der Film «Die Rückkehr der Wölfe» des Schweizer Dokumentarfilmers Thomas Horat zeigt auf, was viele hierzulande am liebsten verschweigen: Der Wolf hat seit seiner Rückkehr in die Schweiz in den 1990er-Jahren noch keinen Menschen angegriffen. Offensichtlich wiegt der Glaube an Märchen schwerer als das Vertrauen in wissenschaftliche Fakten.

KEREM S. MAURER
In Anwesenheit des Regisseurs Thomas Horat zeigte das Ciné-Theater Gstaad am letzten Freitag den Film «Die Rückkehr der Wölfe». Thematisiert wird die langsame, aber stetige Rückkehr dieser Grossraubtiere nach Mitteleuropa, wo sie vor rund 150 Jahren ausgerottet worden waren. In der Schweiz wurden 2018 laut der NZZ vom 8. Mai 2019 47 Wölfe gezählt. Der Film versucht, zentrale Fragen rund um die Anwesenheit des Wolfes zu beantworten. Sind Wölfe für Menschen gefährlich und kann es ein Zusammenleben mit ihnen geben? Kaum ein Tier spaltet die Gesellschaft mehr als der Wolf, der nächste Verwandte unseres liebsten und treuen Begleiters, des Hundes. Horat lässt in seinem Film Schafzüchter, Tierverhaltensforscher, Wildtierbiologen, Wolfbefürworter und -gegner zu Wort kommen und versucht, dem Mysterium Wolf auf den Grund zu gehen.

Aufklärung und Information
Horat wirft in seinem Film einen Blick über die Schweizer Landesgrenzen hinaus und stellt fest, dass in Bulgarien, einem der ärmsten Länder Europas, jede Schafherde von einem Hirten begleitet wird. Nähere sich der Herde ein Wolf, reiche es aus, wenn der Hirte einen Schuss in die Luft abfeuere, um den Wolf zu vertreiben. Eine simple Massnahme, die offenbar in der Schweiz zu viel Aufwand bedeute, konstatiert der Regisseur. Hierzulande setze man dagegen vermehrt auf die inzwischen umstrittenen Herdenschutzhunde, welche nicht nur Wölfe, sondern zunehmend auch Touristen vergraulen. Neue Lösungsansätze in Bezug auf Herdenschutz, wie zum Beispiel Lamas oder Esel, wollte Horat in seinem Film nicht thematisieren. Vielmehr geht es ihm um Aufklärung über das Verhalten des Wolfes und um Informationen über das Zusammenleben mit ihm. Denn für den Regisseur stellt sich nicht die Frage, ob eine Koexistenz möglich ist, sondern wie. Denn dass der Wolf zurückkommt, sei eine Tatsache. Weder überraschend noch verwunderlich: Schliesslich war er ja schon einmal hier.

Wölfe im Saanenland?
Der Rotwildbestand in der Schweiz nimmt zu, was der jungen Vegetation im Wald schaden könnte, weil beispielsweise Hirsche junge Triebe fressen und die Baumrinde, worauf der Baum im schlechtesten Fall abstirbt – oder keine Chance hat, hochzuwachsen. Der Wolf greife bei diesem Sachverhalt regulierend ein und kontrolliere den Wildbestand, was das Wachstum der jungen Bäume fördere, heisst es in dem Film. Dies beweise das Beispiel Polen. Doch von diesem positiven Einfluss des Wolfes will man hierzulande, speziell bei den erklärten Wolfsgegnern, nichts wissen. Das haben entsprechende Diskussionen bereits des öfteren gezeigt. Apropos Saanenland und Simmental: Es erstaunt, dass das Berner Oberland oder überhaupt der Kanton Bern in diesem Film gar keine Rolle spielt. Exponenten aus den Kantonen Graubünden und Wallis kommen dagegen zu Wort. Gibt es denn im Simmental und Saanenland überhaupt Wölfe?

Keine Risse mehr seit zwei Jahren
Unter den Zuschauern im Ciné-Theater Gstaad am letzten Freitagabend war auch Wildhüter Rolf Zumbrunnen. Er beantwortete diese Frage mit einer klaren Aussage: «Seit zwei Jahren gibt es im Gebiet des Walop keine Risse mehr!», sagte er und wünscht sich in der Wolfsdiskussion mehr Toleranz und Akzeptanz für das Tier. Das schliesse allerdings nicht aus, dass Wölfe auf der Durchreise das Gebiet streifen könnten. Aber im Moment deute nichts auf die dauernde Anwesenheit von Wölfen oder gar eines Rudels hierzulande hin. An etlichen Beispielen im Film zeigt Horat auf, dass es der Wolf vorzieht, die Gegenwart des Menschen zu meiden. Ein Ehepaar, das in den Wäldern von Minnesota USA lebt, wo es in nächster Nähe ihrer Hütte Wölfe gibt, sagt, dass sie kaum je welche zu Gesicht bekommen hätten. Ihnen sei bewusst, dass die Wölfe sie sehr wohl beobachteten, aber sie selber träfen höchstens auf frische Wolfsspuren im Neuschnee. Daraus schliessen sie, dass der Wolf nicht die Nähe von Menschen sucht, im Gegenteil. Auch andernorts ziehe es der Wolf vor, sich von den Menschen eher zu entfernen, als deren Nähe zu suchen.

Verhaltensforscher finden kein Gehör
Eine Frau, die sich seit Jahren intensiv mit dem Wesen des Wolfes auseinandersetzt und überzeugt davon ist, dass eine Koexistenz zwischen Mensch und Wolf nicht nur möglich, sondern auch sinnvoll und für beide Seiten bereichernd ist, wollte ihr Wissen an landwirtschaftlichen Schulen weitergeben. Und ist dabei auf Widerstand gestossen. Man habe mit dem Wolf keine Probleme, hiess es. Nein, ihr Wissen sei nicht erwünscht. Der Film wies deutlich daraufhin, dass seit der Wolf wieder in der Schweiz lebt, es keinen einzigen Übergriff auf einen Menschen gegeben hat. Dennoch soll der Schutz des Wolfes – und mit mit ihm zusammen auch für Luchs, Biber, Graureiher und Bären – in Zusammenhang mit dem revidierten Jagdgesetz gelockert werden. Horat wirft die Frage auf, warum eigentlich?

Märchenglaube statt Faktentreue
Erstaunlich ist, dass eine diffuse Angst vor dem Wolf, die laut Horat weder begründet noch nachvollziehbar ist, in den Köpfen der Menschen herrscht. Der Wolf sei ein Tier, das sich der menschlichen Kontrolle entziehe. Und was der Mensch nicht kontrollieren könne, mache ihm Angst, schlussfolgert der Regisseur. Komme Angst ins Spiel, setzten rationale Gedankengänge aus. Grossartige Geschichten über den Wolf, man denke an den Mythos der Gründung der Stadt Rom mit Romulus und Remus, wonach eine Wölfin die beiden Jungs nach deren Aussetzung fand und säugte und ihnen so das Leben rettete. Solche Geschichten haben deutlich weniger Ausstrahlungskraft als das Märchen vom Rotkäppchen. «Im Bezug auf den Wolf schenkt man Märchen mehr Glauben als Verhaltensforschern und Wolfspezialisten», bedauert der Schweizer Filmemacher.

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