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Jenny Holzer: das Licht, das Wort und das Schreckliche

Di, 31. Dez. 2019
Natürlich, sympathisch und zugänglich: Jenny Holzer mit ihren Gouachen, deren Hintergrund freigegebene US-Regierungsdokumente bilden und die zum Teil mit schrecklichen Geschehnissen in Zusammenhang stehen. FOTO: SARA TRAILOVIC

Eine der einflussreichsten lebenden Künstlerinnen hat dieses Wochenende unserer Region die Ehre erwiesen: Die US-Amerikanerin Jenny Holzer hat die ihr gewidmete Ausstellung «A little knowledge» im Gstaad Airport in Saanen eröffnet und Lichtprojektionen in Gstaad präsentiert. Die Ausstellung gibt Einblicke in ihre harte, sozialkritische Kunstwelt.

MARTIN GURTNER-DUPERREX
Seit über 40 Jahren rüttelt sie die Gegenwartskunst mit ihren sozialkritischen und politischen Statements auf: Die US-Amerikanerin Jenny Holzer, Gewinnerin des Goldenen Löwen der Biennale in Venedig und Preisträgerin renommierter internationaler Auszeichnungen, ist eine der grössten und einflussreichsten lebenden zeitgenössischen Künstlerinnen. Ihre Werke, Wortbotschaften in Form von Leuchttafeln und Lichtprojektionen an Gebäuden, auf Plakatserien, Granitbänken, aber auch auf Gouachen und Ölgemälden, werden sonst in grossen Museen der Welt und Megacitys gezeigt: im Guggenheim Museum und am Rockefeller Center in New York, am Pariser Louvre und Berliner Reichstag, im Institute of Contemporary Art, London, im Haus der Kunst, München, in der Fondation Beyeler in Basel … und nun eben im Tarmak 22 auf dem Gstaad Airport in Saanen mit Lichtprojektionen in Gstaad. Am Freitagabend hat die Vernissage im Rahmen der Ausstellung der Galerie Hauser & Wirth «A little knowledge can go a long way» im Beisein der grossen Künstlerin und einer zahlreichen lokalen und internationalen Gästeschar stattgefunden. Jenny Holzer hat sich trotz voller Agenda Zeit genommen, uns kurz durch die Ausstellung zu führen und Einblicke in ihre Kunstwelt zu gewähren.

Nicht besser, aber anders
«Ich war anfangs eine schlechte Malerin, wenn Sie die Wahrheit wissen wollen», sagt Jenny Holzer herzlich lachend. «Meine Grundausbildung war eher geisteswissenschaftlich ausgerichtet als auf Kunst.» Daher habe sie sich der Sprache, dem Wort zugewandt, um den Inhalt ihrer Kunst, zu der sie relativ spät gestossen sei, konkret auszudrücken. «Aber obwohl die Sprache wichtig ist, gibt es auch bei meinen Werken traditionelle künstlerische Ausdrucksmittel wie Farbe, Elektronik und andere Techniken, wie Sie hier an meiner Ausstellung sehen können.» «Meine Art von Kunst reflektiert die Gesellschaft», sinniert die Künstlerin weiter. «Ich möchte den Menschen zeigen, was ihnen schaden oder sie sogar umbringen könnte.» Diese Aussagen seien oft hart und schrecklich traurig. «Ich bin aber dankbar, dass ich solche Themen in einer Weise präsentieren kann, die sich vom Journalismus unterscheidet.» Nicht dass diese Art besser wäre, aber eben anders, unterstreicht sie.

Zensoren am Werk
Viele von Jenny Holzers Kernbotschaften aus jüngerer Zeit stammen aus unter dem «Freedom of Information Act» freigegebenen US-Regierungsdokumenten. «Als ich aufhörte, selber Materialen für meine Kunst zu schreiben, suchte ich nach anderen Ausdrucksformen.» Sie begann, sich für die Irakund Afghanistan-Kriege in der Bush-Ära zu interessieren. «Wenn etwas meine Neugierde weckt, verwandle ich es in Kunst», so Holzer. Das Informationsfreiheitsgesetz, das von Präsident Lyndon B. Johnson schon während des Vietnamkriegs in den Sechzigerjahren eingeführt worden war, erlaubt es US-Bürgern, von der Regierung Informationen über Ereignisse und Entscheidungen einzufordern – «so wie es sich für einen funktionierende Demokratie gehört», präzisiert die Künstlerin mit einem ironischen Unterton. Denn: Es kann ewig dauern, bis man eine Antwort erhält, und gerade die entscheidenden Stellen können vom Zensor geschwärzt sein.

Beunruhigende Zeitdokumente
Um dies zu illustrieren, begeben wir uns zu einem eindrücklichen, zur aktuellen Zeitgeschichte gehörenden Werk: drei überdimensionalen Seiten aus dem Mueller Report. Ausser der Unterschriftenzeile des gegen den Präsidenten ermittelnden US-Sonderstaatsanwalts und den Seitennummern sind ausschliesslich geschwärzte Balken zu sehen, welche den Text zudecken. «Es ist absolut nichtssagend», kommentiert Jenny Holzer. Das Dokument ist unverändert, ausser dass die Balken aufgrund des künstlerischen Effekts teilweise mit Blattgold und -palladium belegt sind. «Wie gehen wir mit Transparenz um?», so Holzers nüchterne Frage. Andere freigegebene Materialien wurden von der Künstlerin zuerst blau, später rot mit Wasserfarben bearbeitet. «Blutrünstig, es sieht aus wie im Schlachthof», erheitert sich Jenny Holzer und beteuert, dass dies so ursprünglich nicht geplant war. Darunter befinden sich wiederum Dokumente aus den Irak- und Afghanistankonflikten – unter anderem «schreckliche Dinge» wie Folter – sowie Kontakt- und Telefonlisten aus dem Umfeld des Sexskandals um Financier Jeffrey Epstein und des undurchsichtigen Wahlkampfs von Donald Trump und seiner Russlandverbindungen.

Botschaften des Lichts
Zum heute bekanntesten künstlerischen Werk Holzers gehört die Präsentation von «Truisms» – kurze Sprüche und Botschaften wie Weisheiten, Leitmotive, Gesellschaftskritik – im öffentlichen Raum, vor allem in Form von Lichtprojektionen auf grosse Gebäude dieser Welt. Nach der Vernissage liefen diese berühmten «Truisms» als mahnende Leuchtbänder über die Fassaden des Gstaad Palace sowie auf das Alpina-Wäldchen – «weil Natur ewig ist», begründete die Künstlerin ihre Wahl des Naturschauplatzes. Wie sie uns verriet, befanden sich darunter auch ihre Lieblingssprüche wie «Abuse of power comes of no surprise» und «Romantic love was invented to manipulate women». Zum ersten Mal waren diese Botschaften in den Siebzigerjahren als Plakatserie an Mauern in Lower Manhattan erschienen, als sie noch eine unbekannte Strassenkünstlerin, ein «streetartist», war. Später eben in Form von Lichtprojektionen, LED-Leuchtbändern und eingemeisselt in Steinbänke, von welchen einige auch an der Ausstellung zu sehen sind.

Auf die Frage, welcher «Truism» denn am besten zu Gstaad passe, meinte Jenny Holzer verschmitzt lächelnd: «Money creates taste». Die Ausstellung «A little knowledge» im Tarmak 22 des Gstaad Airports in Saanen dauert noch bis zum 22. Januar, Öffnungszeiten: Dienstag– Sonntwag, 11 bis 17 Uhr oder nach Vereinbarung, Tel. +44 33 748 62 20. Die Lichtprojektionen auf das Gstaad Palace: bis 4. Januar und vom 13.–17. Februar täglich, 19–20.30 Uhr. Die Galerie Hauser & Wirth präsentiert bis zum 21. Februar jeden Freitag Kunstdokumentarfilme im Ciné-Theater Gstaad: www.hauserwirth. com, www.cine-theater.ch


LICHTPROJEKTION VS. ADLERHORST

In der Organisation von Jenny Holzers Lichtprojektionen am Gstaad Palace und auf das Alpina-Wäldchen war als Privatperson der neu gewählte Verwaltungsdirektor der Gemeinde Saanen, Thomas Bollmann, mitinvolviert. Als ehemaliger Fachleiter Polizei und Sicherheit der Gemeinde auch für öffentliche Veranstaltungen zuständig, war Bollmann für den Erhalt der Bewilligungen hilfreich. «In Zeiten, wo die Lichtverschmutzung und der Schutz von Wald, Vögeln und Tieren wichtige Themen sind, musste das Konzept gut durchdacht sein», erklärte er. So sei die Idee, die Präsentation auf den Felsen gegenüber dem Flugplatz zu projizieren, schnell verworfen worden, weil dort ein Adlerhorst lokalisiert wurde. Die Bewilligung für die Projektionen wurden schliesslich abends in einem begrenzten Zeitrahmen von der Planungs- sowie der Sicherheitskommission der Gemeinde Saanen erteilt, da gerade zu dieser Jahreszeit sowieso viel Lichtverschmutzung besteht.

 

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