Ein gemeinsames Süppchen kochen

Fr, 24. Jan. 2020
Da haben sich die richtigen drei gefunden, um im Theatersüppchen zu rühren: v.l. Joelle Brand, Pitschu Hefti und Ruth Domke. FOTO: BLANCA BURRI

Was ist «JoPiRu»? Ein neuer Juchz? Ein Rezept aus Timbuktu? Ein Akronym für die Klimajugend? Nein! Ein Theatertrio mit viel Leidenschaft.

BLANCA BURRI
Die Sonne schiebt sich hinter das Wistätthore. Die Bergluft riecht nach Rauch, Ruth Domke trägt Holz zum Hot Pot und legt es in die Glut. «Chum inhi», sagt sie, als sie sieht, dass ich zur Hütte spaziere.

Kreativwochenende in der Alphütte
Wir sitzen am Holztisch im geräumigen Aufenthaltsraum der Alphütte neben der Ritz-Bar (oberhalb Lengebrand/St. Stephan). Vor uns stehen dampfende Teetassen. Hier geben «JoPiRu« einen Einblick in ihr kreatives Schaffen. Zuerst erklären sie aber, wofür «JoPiRu» eigentlich steht: «Jo bin ich, Joelle Brand!», lacht die diplomierte Pflegefachfrau vergnügt. Pi steht für Pitschu (Hanspeter) Hefti und Ru für Ruth Domke. Herzhaftes Lachen und die Leidenschaft fürs Theater verbinden die drei, die erst seit Kurzem zusammenarbeiten. «Dieser Combo-Titel ist uns wichtig, er zeigt die gleichberechtigte Zusammenarbeit», betont Hefti. Die Wurzeln haben die engagierten Theaterleute in den beiden im Saanenland ansässigen Theatergruppen Alpenkomedi (Brand und Hefti) und Freilichttheaterverein Saanenland (Domke). «Wir drei funktionieren super zusammen, das macht Lust auf mehr», lacht Ruth Domke. «Wer weiss, welche weiteren Projekte unsere Kreativität hervorbringt?» Bevor wir in die Zukunft schauen, stellen wir ihr erstes Projekt vor: «Der Chrüzwäg vom Castellan».

Eigenes Stück schreiben
Der «Castellan» ist altbekannt. Alle 25 Jahre vom Männerchor «Echo vom Olden» aufgeführt, galt es nun, das traditionelle Stück in ein Freilichttheater umzuschreiben. Hanspeter Hefti: «Wir sind ein paar Abende zusammengesessen und haben mit dem Schreiben begonnen, aber schon bald haben wir gemerkt, dass es mehr Zeit braucht, als der fixe Wochentag.» Deshalb hat sich «JoPiRu» zu einem Kreativwochenende auf eine Alp zurückgezogen. Das war vor einem Jahr. «Bei der Auswahl des Rückzugsorts wollte ich unbedingt einen Hot Pot vor dem Haus», schmunzelt Pitschu Hefti. Das aktuelle Kreativwochenende ist bereits das dritte. Beim ersten zog das Trio die Essenz aus dem Theaterstück, umschrieb die Charakterzüge der Figuren und schrieb schliesslich das packende Freilichttheater mit viel Aktion und Bezug zur heutigen Zeit nieder. «Das war eine ganz neue Erfahrung für mich», gesteht Hefti. Ein paarmal habe er sich gefragt, auf was er sich da eigentlich eingelassen habe, aber es sei ein wunderbares Erlebnis gewesen. «Jedes von uns hat viele Ideen und bringt sie ein.» Während Joelle Brands Finger beim digitalen Erfassen des Stücks manchmal heiss wurden, glühte auch ihr Hirn, wenn sie daneben ihre eigenen Ideen einbrachte. «Und wenn die Puste raus war, sind wir ins Badekleid geschlüpft und in den Hot Pot gehüpft. Manchmal haben wir lustige Videos gedreht oder Unsinn geredet», lacht die sympatische Saanerin. Während sie erzählt, steht Pitschu Hefti auf, kocht frisches Teewasser und legt im Schwedenofen und im Hot Pot Holz nach.

Neue Ideen gefallen
Und was sagt die arrivierte Regisseurin Ruth Domke dazu? Kann sie neuen Ideen Platz machen? «Es ist sehr bereichernd und cool!» Weil die beiden Neuen im Team sehr viel Energie mitbrächten, mache es die Vorbereitungen zum «Castellan» ganz anders als die letzten Projekte. Alles sei frisch und voller «Pfupf», das wecke sie ein bisschen auf, denn im Alter mache sich eine gewisse Trägheit bemerkbar. «Und uns zwei Frischlingen gibt Ruths Erfahrung eine grosse Sicherheit, sie würde uns schon bremsen, wenn etwas nicht ‹verhebt», meint Pitschu Hefti, der mit einer Kanne Tee zum Tisch zurückkehrt. Ruth Domke schätzt es, dass der «Castellan» mit weniger Schauspielern auskommt als das letzte Freilichttheater «Der Schwarz Steff». «Für mich ist das wie ausruhen», scherzt sie mit einem Augenzwinkern. Die Probepläne seien weniger aufwendig, das gebe Raum und Platz für anderes.

Für Statisten gibt es noch Platz
Die Sprechrollen seien schnell von erfahrenen Leuten aus der Theaterszene und aus den Reihen der beiden jubilierenden Klubs SAC und Männerchor besetzt worden. Auch viele Statistenrollen seien inzwischen vergeben. «Aber wenn jemand Lust hat, bei diesem einmaligen Projekt mitzuwirken, kann er sich gerne melden», sagt Ruth Domke. Sie erzählt, dass sich die Theaterfamilie im Oktober erstmals getroffen hat, als sie die Naturbühne auf dem Haseloch besichtigte, wo das Stück im August aufgeführt wird. «Im Moment lernen alle ihre Rollen auswendig. Auch die Stellproben haben begonnen», ergänzt sie.

Ja, aber nicht alleine
Pitschu Hefti überprüft die Temperatur des Hot Pots. Er ist bekümmert, denn er ist erst 15 Grad warm. Zu kalt für ein «JoPiRu»-Foto im Pot, befindet er. Darauf angesprochen, wie alles begonnen hat, meint er: «Vor ein paar Jahren kam SAC-Präsident André Oehrli auf die Alpenkomedi zu.» Dem SAC habe vorgeschwebt, zum 100-Jahr-Jubiläum ein Freilichttheater auf die Bühne zu bringen. «Uns fehlte aber die Freilichterfahrung, deshalb haben wir abgesagt und uns trotzdem ein Türchen offen behalten», meint der Gsteiger. «Sollte es ein Freilichttheater geben, würden wir gerne mithelfen», habe er damals zu André Oehrli gesagt. Glückliche Zufälle haben schliesslich den SAC, den Männerchor und Regisseurin Ruth Domke zusammengeführt und deshalb werden die Jubiläen von SAC (100 Jahre) und Männerchor (125 Jahre) gemeinsam gefeiert, und zwar wie erwähnt in Form eines Freilichttheaters. Ruth Domke war aber von Anfang an klar, dass der klassische «Niclas Baumer, der Castellan von Saanen» aus der Feder des Gsteigers Johann Jakob Romang in ein lebendiges Freilichttheaterstück umgewandelt werden sollte. «Der Männerchor war von meinen Ideen begeistert», sagt sie. Natürlich habe es auch kritische Stimmen gegeben. Der Text müsse in Originalfassung auf die Bühne gebracht werden, habe es aus traditionellen Theaterkreisen geheissen. Davon liessen sich weder der Männerchor noch die Regisseurin beeinflussen.

Bei einem zufälligen Zusammentreffen vor der Landi – «wir hatten beide furchtbar viel Zeit» – fragte Ruth Domke Pitschu Hefti, ob er sie beim Schreiben des Stücks und bei der Regie unterstützen möchte. Natürlich habe er sofort zugesagt und erst später überlegt, was denn da alles auf ihn zukommt. Pitschu Hefti lacht sein unverkennbares unbeschwertes Lachen und fügt an, dass er Joelle Brand noch an Bord geholt habe. Jetzt sitzt das Trio zwar nicht wie gewünscht im Hot Pot, denn dieser hat ein Leck und das Wasser spritzt direkt ins Feuer. Das hindert «JoPiRu» nicht daran, ihr gemeinsames Süppchen zu kochen.


ZU DEN PERSONEN

Ruth Domke hat Jahrgang 1966. Sie ist im Turbach aufgewachsen und wohnt heute in Saanen. Sie ist mit Jürg Domke verheiratet, Mutter von drei erwachsenen Kindern und Grossmutter. Die Coiffeuse betreibt einen eigenen Salon. Musikalisch ist sie mit dem Terzett «Silberdistel» unterwegs. Sie gilt als Spezialistin des Freilichttheaters im Saanenland. Erste Erfahrungen machte sie mit dem Stück «Madrisa» (2009), das auf der Pfrundmatte in Saanen aufgeführt wurde. Danach folgten «Farinet, der Falschmünzer» (2014) und «Der Schwarz Steff» (2018), beide in Gsteig.
Die Saanerin Joelle Brand (Jg. 1991) entdeckte ihre Liebe zum Theater bereits früh. Seit 2015 gehört sie zur Theatergruppe Alpekomedi. Gemeinsam mit Marjolaine Marti führte sie bei «Wie wärs mit Tee» (2019) und «Der nackte Wahnsinn» (2018) Regie und spielte auch selbst mit. Die diplomierte Pflegefachfrau wohnt in Bern und Zweisimmen.
Hanspeter (Pitschu) Hefti (Jg. 1975) ist durch und durch Gsteiger. Der gelernte Landmaschinenmechaniker hat lange für Otis-Aufzüge gearbeitet. Heute ist er Werkstattchef des Werkhofes der Gemeinde Saanen. Er ist seit Beginn der Alpekomedi (1995) dabei und hat in rund 13 Produktionen mitgewirkt. Als Schauspieler, beim Bühnenbau und manchmal in der Regie. Er ist mit Renate Hefti (ebenfalls mit dem Theatervirus befallen) verheiratet und Vater von zwei Jugendlichen.

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