Eine Familie ohne Sprachgrenzen

Di, 14. Jan. 2020
Sprachgewandt und polyglott: Familie Schwitzguébel Zingre aus Saanen. FOTO: MARTIN GURTNER-DUPERREX

Familie Schwitzguébel Zingre, wohnhaft in Saanen, kennt weder Sprachgrenzen noch Sprachhemmungen. Vincent Schwitzguébel, aus Rougemont und in Château-d’Oex zur Schule gegangen, und die waschechte Saanerin Annabel Zingre äussern sich im Gespräch auf Französisch und Deutsch zu ihrem zweisprachigen Familienumfeld und zum Röstigraben, wie sie diesen im Alltag erleben. Ihre Töchter Siobhán (13) und Róisín (10) langweilen sich manchmal im Französischunterricht.

MARTIN GURTNER-DUPERREX

Vincent Schwitzguébel und Annabel Zingre, wie haben Sie sich kennengelernt?
Annabel Zingre (AZ):
Eigentlich genauso zufällig, wie zwei Deutschweizer zusammenfinden. So wie Saanen keine Grenzen kennt – wir hängen mit dem Pays-d’Enhaut und sogar dem Freiburger Land zusammen – , kannten auch wir keine Grenzen. Wir haben erst nach unserer Hochzeit erfahren, dass schon unsere Grosseltern zusammen getanzt hatten. Wir haben es hier definitiv mit einer Region zu tun.
Vincent Schwitzguébel (VS): Eine Equipe aus Château-d’Oex begab sich damals regelmässig in den Ausgang ins Saanenland, da haben wir uns vor 17 Jahren kennengelernt. Verheiratet sind wir nun seit 13 Jahren.

In welcher Sprache reden Sie als Familie eigentlich zusammen?
AZ:
Wir sprechen mehrheitlich französisch miteinander, Vincent versteht deutsch jedoch gut.
VS: Mit den Kindern rede ich ausschliesslich französisch, sie antworten mir auch auf Französisch.
AZ: Für die Kinder ist es aber auch normal, dass sie mit mir deutsch reden.
Siobhán: Mit meiner Schwester Róisín spreche ich schweizerdeutsch, mit den Cousins in Rougemont aber französisch.
AZ: Besonders mit Róisín erlebten wir manchmal lustige Momente, als sie kleiner war. Sie war dem Französischen weniger intensiv ausgesetzt als ihre Schwester Siobhán und hat die Sprache weniger schnell gelernt, was natürlich nicht ihr Fehler war. Da gelangen ihr zum Teil originelle Wortkombinationen wie «pantalon à Latz» für Latzhose (lacht herzlich).

Wie erleben Sie persönlich die deutsch-welsche Beziehung?
AZ:
Bei den Welschen ist immer ein bisschen Ferienstimmung: die Unbeschwertheit, das Spontane, die Apérozeit … Diese lockere Stimmung finde ich spannend. Für die Familien ist das Zusammensitzen sehr wichtig.
VS: Was ich in meinen Beziehungen aber immer wieder feststelle und man in Rougemont allgemein sagt, ist die Tatsache, dass die Deutschschweizer viel eher bereit sind, mit uns französisch zu sprechen, als wir mit ihnen.
AZ: Ich finde, kulturell gesehen ist das schon eine spannende Situation. Meine Familie war immer international angehaucht. Wir hatten schon früh mit dem französisch- und englischsprachigen Raum Kontakte. Meine Grosstante war in Vevey verheiratet. Wir betrachten dies als natürlich, niemand denkt daran, da plötzlich Grenzen zu ziehen.
VS: In meiner Familie ist es ähnlich, da ist nichts dabei. Meine Grossmutter stammte aus Korsika. Sie war mit einem Deutschschweizer verheiratet, den sie in Marokko kennengelernt hatte. Meine Mutter wurde dort geboren. So hatten auch wir Kontakt zu anderen Sprachregionen und Kulturen.

Gibt es problematische Seiten?
AZ:
Ich stelle fest, dass ich in Gesprächen nicht immer das richtige Wort finde, was das Argumentieren schwierig und für den Gesprächspartner mühsam macht. (Überlegt) Manchmal finde ich es jedoch fast schwieriger, mit Gleichsprachigen zu diskutieren, wenn zwischen den Zeilen gelesen werden soll und so Missverständnisse entstehen.
VS: Jawohl, den Saanensenf! Wenn du nicht von Saanen bist, kannst du den nicht essen (lacht).

Siobhán und Róisín: In der Schule ist es uns im Französischunterricht manchmal langweilig, weil wir halt Vieles schon wissen. Der Vorteil ist natürlich, dass wir die Sprache schon können!

Gibt es Ihrer Meinung nach hier den Röstigraben überhaupt?
VS:
Erfahrungsgemäss weiss ich, dass sich Rougemont und das Saanenland immer näher waren als Château-d’Oex. Rougemont hat schon früher bei den Bergbahnen und beim Hallenbad aktiv mitgemacht, Château-d’Oex hingegen nicht, obwohl es auch davon profitiert hat. Château-d’Oex ist eben eher gegen das Waadtland und Bulle hin ausgerichtet. Rougemont muss sich mit dem Bezirksort Château-d’Oex arrangieren, aber wenn man wählen könnte ... Ich arbeite in der Baubranche in Rougemont, da ist man einfach auf gute Zusammenarbeit mit dem Saanenland angewiesen. Ich stelle auch fest, dass die Baubewilligungen im Welschland oft ewig dauern, obwohl es ja auch in Saanen nicht so einfach ist. Den Röstigraben spürt man stark im administrativen Bereich. Die Schule ist ebenfalls ein negatives Beispiel: Die Lehrpläne und das Niveau sind nicht gleich, die Ferien unterschiedlich. Das erschwert den Schüleraustausch in unnötiger Weise. Da fühlt man sich manchmal wie in einem anderen Land!
AZ: Vielleicht ist auch die «Rivalität» zwischen Rougemont und Châteaud’Oex die Erklärung dafür, dass die Saaner weniger Beziehungen zu Château-d’Oex pflegen – schliesslich macht man ja mit den «Feinden» seiner Freunde keine Freundschaften, oder? Manchmal kommt mir das aber vor wie im Kindergarten! Ich habe nie verstanden, was der Röstigraben soll, vielleicht weil ich meine Matura in Bulle und das Studium in Lausanne und Neuenburg absolviert habe. Gerade in Neuenburg merkte ich trotzdem, dass das Verhältnis zwischen Deutsch- und Welschschweizern distanzierter ist als hier. In Lausanne hatte ich wohl frankophone Freunde, jedoch keine einheimischen. Allgemein finde ich, dass man sich als Anderssprachige immer etwas ausgegrenzt fühlt, sei es, weil man im Gespräch langsamer ist und zögert, oder weil das Fremde immer schon argwöhnisch betrachtet wurde – das verstehe ich unter dem Röstigraben. Aber abgesehen von einigen Nuancen empfinde ich den Röstigraben nicht als etwas Negatives. Der einzige Ort, wo mir diese Problematik richtig bewusst wird, ist beim symbolischen Stein auf dem Vanel. Ob er wohl etwas renovationsbedürftig ist?

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