Mit dem Volvo auf modernen Karawanenstrassen nach Ostasien

Di, 11. Feb. 2020
Man versteht sich auch ohne Worte – Heinz Addor mit Einheimischen.

Zwei Saaner Teams sind mit ihren beiden Volvo-Oldtimern in fast zwei Monaten von Gstaad über Berlin nach Peking gefahren. Während dieser 15000 Kilometer durchquerten sie vom 23. August bis zum 14. Oktober 2019 acht Länder entlang der Seidenstrasse.

ÇETIN KÖKSAL
«Drum o Mensch, sei weise, pack die Koffer und verreise.» Ruth und Heinz Addor mit den Copiloten Walter Hauswirth und Christoph Künzi haben sich dieses Zitat von Wilhelm Busch zu Herzen genommen. Doch wie kommt man auf die Idee, mit einem 58-jährigen Auto von Deutschland über Polen, Weissrussland, Russland, Kasachstan, Usbekistan und Kirgistan bis nach China zu fahren? «Alles begann eigentlich mit meinem Volvo P 1800», fing Heinz Addor zu erzählen an. «Es ist ein Weilchen her, da rief mich der Besitzer der Garage meines Vertrauens an und fragte mich unverbindlich, ob mich ein solcher Oldtimer interessieren würde. Er sei in einem ganz guten Zustand, und ich hätte doch durch die Firmenlastwagen ein Faible für Volvos. Daraufhin schaute ich mir das legendäre Coupé an und entschied mich ziemlich spontan für den Kauf.» Die wenigen Arbeiten am Auto, die noch anstanden, sollte Roni Dubi ausführen. Nun, wie das bei alten Autos oftmals der Fall ist, entdeckt man Mängel erst beim Demontieren von Teilen. Schlussendlich jedenfalls wurde aus der Reparatur einiger weniger Defekte eine Vollrestauration und Heinz Addor freute sich an seinem schnittig rot glänzenden Zweitürer wie einst Roger Moore als Simon Templar in der gleichnamigen Fernsehserie. Als dann Cornelia und Ernst Frautschi – auch sie im Besitz eines alten Volvos 122 S von 1963 – fragten, ob er bei dieser Oldtimerrallye nicht auch dabei sein wolle, brauchte Heinz Addor nicht lange, um zuzusagen.

Organisiertes Abenteuer
Die beiden Saaner Teams unternahmen diese Reise aber nicht etwa in Eigenregie. China Tours führte sie und vier weitere Teams durch das Abenteuer Seidenstrasse. Hotels und lokale Reisebegleiter waren also organisiert, sodass die vorgegebenen Tagesetappen von ungefähr 300 Kilometern ziemlich unbeschwert absolviert werden konnten. Wer sich jetzt aber eine gemütlich flüssige Spazierfahrt vorstellt, der täuscht sich dennoch. «Geduld war eine der wichtigsten Voraussetzungen, um die Reise geniessen zu können», erklärte Heinz Addor, denn Hektik oder Effizienz im westlichen Verständnis treffe man in diesen Weiten nicht an. An den Grenzen warte man – trotz bevorzugter Behandlung dank lokaler Reiseleitung – gut und gerne mehrere Stunden. Wer die Wartezeiten aber nutzte, um Land und Leute näher kennenzulernen, der habe sehr bereichernde Begegnungen erleben dürfen. Die Volvos erwiesen sich als zuverlässige Wegbegleiter, welche auch die vereinzelt sehr schlechten Strassen pannenfrei überstanden. Wegen 40 cm tiefer Löcher benötigten die sechs Teams mit ihren Autos einmal zwölf Stunden für 353 km. Nur der Alvis von 1954 blieb mit einer defekten Zylinderkopfdichtung am Strassenrand stehen. Da auch die mitreisenden Mechaniker keinen passenden Ersatz vorrätig hatten, wurde der alte Engländer zwischenzeitlich abgeschleppt, eine neue Kopfdichtung eingeflogen und montiert, sodass der Alvis wieder auf eigenen Rädern weiterfahren konnte. Alle anderen Autos, ein Mercedes 280 S von 1978, eine Citroën DS 20 von 1972 und ein Mercedes 230 E von 1981 – nebst den beiden Volvos – fuhren pannenfrei von Berlin nach Peking.

China
Ein Erlebnis der etwas spezielleren Art war die Einreise nach China. Laut Heinz Addor öffnete die kirgisische Grenze um 9 Uhr morgens. Der Oldtimer-Konvoi fuhr dann zum ersten chinesischen Vorposten, wo die Passkontrolle eine Stunde lang dauerte. Weiter ging es zum zweiten Vorposten. Dort wurden alle Gepäckstücke und die Autos komplett durchleuchtet. Selbstverständlich mussten sich auch Fahrer und Passagiere einem Ganzkörperscan unterziehen. Nun schloss die Grenze, denn während der Mittagspause von 12.30 bis 15.30 Uhr ging gar nichts mehr. Am nächsten Tag hätte der Tross dann zum gut 100 km entfernten chinesischen Strassenverkehrsamt fahren sollen. Dank guter Beziehungen mussten dann nur zwei Fahrzeuge diese Reise unternehmen, um stellvertretend für alle teilnehmenden Oldtimer die chinesische Motorfahrzeugkontrolle zu absolvieren. Diese vereinfachte Praxis würde uns doch auch hier das Leben manchmal sehr vereinfachen. Man stelle sich vor, wir könnten jeweils ein Auto stellvertretend für alle Familienfahrzeuge zur MFK-Prüfung schicken! Nun, die beiden Autos – und somit alle anderen auch – bestanden auf jeden Fall die chinesische Prüfung, erhielten demzufolge chinesische Nummernschilder und die Piloten auch chinesische Führerscheine. Nachdem auf den Handys die berühmt-berüchtigte Überwachungs-App installiert worden war, durchquerten die Teams während zehn Tagen die Provinz Xinjiang von Westen nach Osten. «Da benötigten wir wirklich gute Nerven», betonte Heinz Addor. «Ich übertreibe jetzt nicht, wenn ich sage, dass wir teilweise im Halbstundentakt an Strassensperren kontrolliert wurden.» Das sei natürlich wiederum mit der mittlerweile üblichen Warterei verbunden gewesen. Alle seien froh gewesen, als sie die der Repression und der enormen Überwachung ausgesetzten Provinz Xinjiang verlassen konnten.

Auf die Frage, welche Eindrücke sich ihm am meisten eingeprägt hätten, antwortete Heinz Addor sinngemäss: «Die unterschiedlichen Landschaften, die wir durchfahren durften. Von Berlin über Polen und Weissrussland bis Kasachstan war alles flach. Auf dem höchsten Pass auf 3615 m begegnete uns ein Mähdrescher. Die Ausblicke auf das Pamir-Gebirge waren einfach nur atemberaubend, wie auch die rasende Städtebauentwicklung in China. Beeindruckt war ich zudem von den generell neuwertigen, sehr grosszügigen Strassen auf beinahe der gesamten Strecke. Am meisten aber bleiben natürlich die Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen, wobei das Wohlstandsgefälle von Stadt und Land enorm ist. Wenn man mit eigenen Augen sieht, wie die Menschen teilweise ihr äusserst bescheidenes Leben bewältigen müssen, stimmt das einen schon nachdenklich. Denn: «Eines Mannes Ziel ist niemals ein Ort, sondern eine neue Art, die Dinge zu sehen.» (Henry Miller)

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