«Ein absolutes Novum»

Di, 21. Apr. 2020

Gstaad Saanenland Tourismus (GST) und die Saanen Bank mussten aufgrund der vom Bundesrat verordneten «ausserordentlichen Lage» ihre Generalversammlung unter Ausschluss der Vereinsmitglieder respektive Aktionäre abhalten. Beide Versammlungen fanden am Freitag, 17. April statt. Flurin Riedi (Geschäftsführer Gstaad Saanenland Tourismus) und Jürg von Allmen (Direktor Saanen Bank) schildern im Interview, wie sie diese aussergewöhnliche Zeit in ihrem Betrieb und die Versammlungen erlebt haben.

Dass beide Hauptversammlungen am gleichen Tag stattfinden, das hat es in der Geschichte wohl noch nie gegeben?
Jürg von Allmen (JVA):
Ja, das ist ein absolutes Novum und natürlich ein grosser Affront vonseiten GST (schmunzelt). Wir versuchen jeweils sehr weit im Voraus, die Termine mit den Gemeinden und anderen Institutionen zu koordinieren, sodass dies nicht passieren kann. Immerhin fanden beide Veranstaltungen zeitverschoben mit einer Differenz von drei Stunden statt.
Flurin Riedi (FR): (schmunzelt ebenfalls) Dies wird auch nicht wieder passieren, wir haben bekanntlich unsere Versammlung vom ursprünglichen Datum Ende März auf diesen Tag verschoben.

Flurin Riedi, Sie haben sich Ihre erste Hauptversammlung sicher auch etwas anders vorgestellt?
Ja, für uns ist dieser Anlass sehr wichtig, um unsere Mitglieder und Partner aktiv über unsere Aktivitäten und Absichten zu informieren und Kontakte zu pflegen. Ich habe viel von den vergangenen Hauptversammlungen gehört – meinen diesbezüglichen Start hatte ich mir anders gewünscht.

Jürg von Allmen, für Sie war es die 17. Generalversammlung der Saanen Bank. Wie haben Sie diese Geisterversammlung erlebt?
Es war sehr speziell. Noch vor einem Jahr durften wir knapp 500 Aktionäre im Festivalzelt begrüssen und gemeinsam einen gemütlichen Abend geniessen. Dieses Jahr waren wir zu viert in einem grosszügigen Sitzungszimmer unserer Bank, um die Social-Distancing-Regeln des BAG einhalten zu können. Das hat schon geschmerzt. Die GV ist unser grösster und wichtigster Kundenanlass, er soll auch ein grosses Merci für das in uns gelegte Vertrauen sein. Diesen einfach zu streichen – eigentlich unvorstellbar.

Gab es im Vorfeld Reaktionen von Ihren Mitgliedern/Aktionären?
FR:
Nein, das Verständnis war gross und wir haben viele Vollmachten erhalten.
JVA: Das gilt auch für uns. Wir haben sogar positive Reaktionen erhalten – die Aktionäre sehen, dass die Versammlung statutarisch abgehalten werden muss und dass es aktuell für uns als Aktiengesellschaft keine Alternative gibt. Erstaunt war ich, dass von keiner Seite nach dem traditionell an der GV abgegebenen Aktionärsgeschenk gefragt wurde. Wir haben in der Bank entschieden, dass aktuell die Gesundheitsvorsorge Priorität hat und Geschenke nebensächlich sind. Nächstes Jahr wird es aber ganz sicher wieder ein Aktionärsgeschenk an der Generalversammlung geben. Übrigens: Zum Zeitpunkt unserer GV hatten wir genau 1874 Aktionäre. Das entspricht bekanntlich unserem Gründungsjahr 1874. Ob das wohl ein Zufall ist?

Was bedeutet heute die Corona-Situation für Ihre Betriebe?
JVA:
Die Gesundheit der Kunden und Mitarbeitenden hat Priorität, gleichzeitig geht es darum, die Betriebsbereitschaft der Bank in jeder Hinsicht aufrechtzuerhalten. Deshalb haben wir die Bank seit drei Wochen in zwei Gruppen aufgeteilt, immer eine Gruppe arbeitet im Homeoffice und nur die Hälfte der Mitarbeitenden ist physisch in der Bank anwesend. Das hat sich bisher sehr gut eingespielt, die beiden Gruppen wechseln sich täglich ab und es ist sichergestellt, dass es keine Durchmischung gibt. Die Mitarbeitenden nahmen dies sehr positiv auf und wir spürten sehr viel Engagement und auch Kreativität und Eigeninitiative, um diese neue Situation gemeinsam zu meistern. Das sind sehr positive Erfahrungen – in solch anspruchsvollen Momenten lernt man die Leute zusätzlich von einer anderen Seite kennen. Ich bin stolz auf unsere Crew und dankbar für diese massgebliche Unterstützung.
FR: Da die Gesundheit oberste Priorität hat, haben wir uns entschieden, so weit wie möglich die Angestellten im Homeoffice arbeiten zu lassen. Ziel ist, den täglichen Betrieb sowie den Dienstleistungsbetrieb so weit als möglich aufrechtzuerhalten, um unsere Gäste und Kunden trotz der aktuellen Situation so gut wie möglich beraten zu können. Mit den heutigen digitalen Mitteln klappt dies sogar erstaunlich gut – wir sind wohl alle inzwischen Spezialisten, was Videokonferenzen anbelangt!

Sind die Tourismusbüros offen?
FR:
Das Tourismusbüro in Gstaad ist geschlossen, offen sind hingegen die beiden Tourismusbüros in Saanen und Schönried – dies auch aus dem Grund, weil wir den Service public respektive den Postschalterdienst aufrechterhalten wollen. Ein grosser Dank gilt an dieser Stellen allen Mitarbeitenden, welche sehr flexibel sind und eine hohe Eigeninitiative zeigen. Dies trotz der teilweisen Kurzarbeit, welche auch wir einführen mussten.

Eine Krisensituation kann also – trotz Tragik – auch positive Wirkungen haben?
FR:
Die negativen Auswirkungen sind natürlich immens und werden die Tourismuswirtschaft leider wohl noch sehr lange beschäftigen. Positiv ist sicherlich zu werten, wie die Tourismusbranche reagiert, respektive den Blick zum grossen Teil schon wieder nach vorne richtet. Denn es gibt ein Danach und dafür müssen wir die Kräfte bündeln und uns entsprechend rüsten. Ich bin überzeugt, dass trotz der Tragik, der Tourismus seine Chancen packen wird und gewisse Veränderungen, gerade im Bereich des Gästeverhaltens, sich sogar positiv und nachhaltig auswirken werden.
JVA: Ja, aber das ist wohl das einzig Positive an dieser ganzen Geschichte. Es gibt uns in jeder Hinsicht die Möglichkeit – auch in privaten Themen – unser Tun und Handeln kritisch zu hinterfragen. Plötzlich sind Sachen in kürzester Zeit möglich, welche in der alten Welt Monate gedauert hätten oder unmöglich hätten geändert werden können. Das realisiere ich primär auch bei mir selber. Die Prioritäten werden neu definiert, Wichtiges wird von Unwichtigem getrennt. Und wie bereits erwähnt: Der Spirit im Team wurde durch diese Massnahmen gefördert und gestärkt.

Sie freuen sich sicher darauf, dass im Saanenland und in Ihren Betrieben wieder Normalität einkehrt.
FR:
Selbstverständlich. Dies gilt nicht nur für den GST, sondern im Speziellen für die gesamte Bevölkerung und damit verbunden für unsere Betriebe und den Tourismus. Auch wenn wir es nicht direkt in der Hand haben, sind wir als Destination darauf angewiesen, dass die Normalität möglichst bald einkehrt. Leider wird es aber länger als gewünscht dauern, bis sich die ganze Branche von dieser Krise erholt hat.
JVA: Ja, das wird zwar sicher noch einige Zeit dauern, doch für uns alle wird es eine grosse Erleichterung sein, wenn wir schrittweise wieder zurück zu einer Normalität kommen können. Wir haben im Saanenland ein starkes Gewerbe, dieses gilt es nun zu unterstützen, damit der unweigerlich vorhandene Schaden möglichst in Grenzen gehalten werden kann. Dazu können die ganze Bevölkerung und auch wir als Bank einen wichtigen Beitrag leisten.

INTERVIEW: PD/ANITA MOSER

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