Altmeister Johann Sebastian Bach und die jungen Wilden

Di, 25. Aug. 2020
Elena Nefedova FOTO: ÇETIN KÖKSAL

Die Pianistin Elena Nefedova trug letzten Donnerstag in der Kirche Gsteig im Rahmen der «Jeunes Etoiles» ein abwechslungsreiches Rezital vor. An diesem zweitletzten Kirchenkonzert des diesjährigen Pop-up-Menuhin-Festivals führte die musikalische Reise vom Barock bis in die Hälfte des letzten Jahrhunderts.

Mit dem Andante e spiccato von Benedetto Marcellos Oboenkonzert in d-Moll eröffnete Elena Nefedova den Konzertabend. Wie bitte, eine Pianistin spielt ein Oboenkonzert? Ja, denn Johann Sebastian Bach entdeckte seinerzeit in der Bibliothek seines damaligen Arbeitgebers, des Herzogs Johann Ernst von Sachsen-Weimar, viele kompositorische Werke seiner italienischen Kollegen. Er war von deren Stil so beeindruckt, dass er einige Stücke umschrieb. Selbstverständlich entstand bei einem Grossmeister wie Bach dabei nicht einfach eine Kopie, nein, vielmehr handelte es sich dann um eine veredelte, neue Sichtweise auf das Original. Elena Nefedovas Interpretation brachte dies sehr schön zum Ausdruck. Ruhig, klar und die Spannung haltend zog sie die Zuhörer von Anfang an in den Bann der Musik, und wer ein wenig mehr Zeit brauchte, war spätestens im Adagio dem Alltag entflohen. Leichtigkeit verströmte dann das spielerische Presto, das bestimmt viele Lächeln unter den Masken hervorzauberte.

Revolutionärer Klavierkomponist
Alexander Skrjabin (1871–1915) war in mehrfacher Hinsicht ein avantgardistischer Komponist. Unter anderem entwickelte er die Form der Klaviersonate weiter, indem er sie zur Einsätzigkeit führte. Hatte seine erste Sonate noch vier Sätze, war es ab der fünften nur noch ein einziger. Die Nummer zwei, welche Elena Nefedova spielte, hat bereits nur zwei Sätze, wobei mit einem Andante angefangen und mit einem Presto aufgehört wird. Die Pianistin wusste auch da wieder ihrem Instrument unterschiedliche Klangfarben zu entlocken. Von lieblich entrückt bis aufgewühlt stürmisch, interpretierte sie den kompositorischen Willen Skrjabins. Bildlich gesprochen nahm sie den Zuhörer mit auf eine Flussfahrt, welche auf einem Bächlein begann, das sich zum reissenden Fluss mit Stromschnellen vergrösserte. Schiffbruch erlitt dank der stupenden, aber nicht aufdringlichen Virtuosität von Elena Nefedova glücklicherweise niemand.

Zurück in Westeuropa
Mit dem«Prélude, Choral et Fugue» von César Franck (1822–1890) ging die musikalische Reise dieses Abends dann wieder in Richtung Westeuropa. Feingliedrig gestaltete der junge (Klavier-)Stern das Prélude. Der Choral und die Fuge waren klar, kontrastreich, perlend, aber auch kraftvoll ohne übermässige Härte. Die kompositorische Europatournee endete im Spanien von Manuel de Falla (1876– 1946). Die anspruchsvolle«Fantasia bética» meisterte Elena Nefedova ohne sichtliche Mühen. Auch bei diesem Abschlussstück des Konzerts brillierte sie auf eine wohltuend bescheidene Art und Weise. Allenfalls konnte man sich fragen, wie sehr sich ihre russische Seele in dieser feurig emotional mediterranen Welt wohl gefühlt hatte. Auf jeden Fall bescherte die Pianistin dem Publikum einen spannenden Rezitalabend mit nicht alltäglichen musikalischen Schmuckstücken. Ihr Spiel liess den empfänglichen Zuhörer so ins Tonuniversum eintauchen, dass er die genierende Maske und alles damit Verbundene für einen träumerischen Augenblick vergessen konnte.

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