«Ich habe die Vision, etwas Grosses auf den Weg zu bringen»

Di, 15. Sep. 2020
Selbst ein Kunstliebhaber: Farrol Kahn in seinem Wohnzimmer vor seinem Lieblingswerk «Triptych» des Schweizer Bildhauers und Malers Casimir Reymond (1893–1969). FOTO: SONJA WOLF

Der britische Autor und Wahlsaaner Farrol Kahn ist verliebt in die Region. Nach seinem «Gstaad Insider’s Guide» plant er nun einen grossen Coup in einem anderen Genre. Ganz nach dem Vorbild des jährlichen Weltwirtschaftsforums in Davos will er ein internationales Kulturtreffen schaffen: das Swiss World Art Forum (SWAF).

SONJA WOLF
Plan A sieht perfekt aus:Vom 17. bis 20. Juni 2021 wird es in Gstaad bunt hergehen, ähnlich wie in der trubeligen Winterhochsaison. Bis zu 500 bekannte und wohlhabende Kunstschaffende, -förderer und -sammler könnten sich dann in der Region tummeln: Die amerikanische Fotografin Annie Leibowitz, der deutsche Startenor Jonas Kaufmann, die amerikanische Lyrikerin und Rockmusikerin Patti Smith, der Schweizer Architekt Peter Zumthor oder die britische Schriftstellerin Candice Carty-Williams könnten dabei sein. So jedenfalls ist es von Farrol Kahn geplant. Und es ist nicht erst eine vage Vorstellung, nein, minutiös hat der Multi-Organisator bereits einen Businessplan aufgestellt, Kontakte geknüpft zu potenziellen finanziellen und ideellen Unterstützern, ein Programm der drei Eventtage konzipiert und Teilnehmerlisten zusammengestellt.

Kunst-Talks und Networking
Der Programmaufbau ist jenem vom Wirtschaftsforum in Davos nachempfunden: 45 Sitzungen werden an drei Tagen stattfinden. Die Teilnehmenden können von 9 Uhr morgens bis 18.30 Uhr jeweils zwischen drei parallel stattfindenden eineinhalbstündigen Veranstaltungen aus den Bereichen Corporate Art, Private Sammler und Museen/ Künstler wählen. Ein Moderator soll jeweils kurz das Thema umreissen. So wird etwa Corrie Jackson von der Royal Bank in Canada die Frage stellen: «Unseriös? Negativ? Wie das Geld von Aktionären für Kunstkäufe verwendet wird.» Oder ein Verleger der «Vogue» präsentiert «Art of Fashion. Louis Vuitton, Loro Piana, Ralph Lauren, Prada, Dolce Gabana, Moncler». Neben international bekannten Rednern wünscht sich Farrol Kahn auch, die einheimischen Experten zu Wort kommen zu lassen. So könnte beispielsweise Toni von Grünigen die Nachhaltigkeitsbestrebungen der Gemeinde Saanen vorstellen. Anschliessend wird die kleine illustre Runde der interessierten Teilnehmenden über das vorgeschlagene Thema diskutieren.

Spass muss auch sein
Es wird nicht nur Gesprächsrunden geben, die Art-Forum-Teilnehmenden können sich vielmehr auf ein vielseitiges Ausflugs- und Vergnügungsprogramm freuen: Galadiner im Le Grand Bellevue an jedem der drei Abende, drei Fashion-Shows, Heissluftballonflüge, kulinarische Höhepunkte auf Berghütten werden angeboten. Menuhin-Künstler werden auf ihren Stradivari-Violinen spielen. Ein Ausflug in den Wald bei Rougemont, aus dessen Fichtenholz Violinen hergestellt werden, ist vorgesehen. Einmal wird die illustre Gesellschaft mit einem Reisebus zur Villa Le Corbusier nach Corseaux gebracht, einmal zum Schweizerischen Museum für Glasmalerei in Romont. Beim Besuch bei Chaletbau Matti werden die lokale Chaletarchitektur und die verwendeten Materialen vorgestellt.

Nichts für kleine Geldbeutel
Das SWAF soll eine erlesene jährliche Veranstaltung werden, die auch ihren Preis hat. Analog zu der bereits bestehenden Club-Tradition in Gstaad wird jeder kunstinteressierte Teilnehmende zunächst einen Jahresmitgliederbeitrag von 50’000 Franken bezahlen, um der exklusiven Gästeliste überhaupt anzugehören. Die Veranstaltung selbst kostet 10’000 Franken Eintritt.

Allerdings ist Kahn die Zusammenarbeit und auch das Teilen des Ertrages mit der einheimischen Bevölkerung ein grosses Anliegen. Daher wird es auch Gratiskarten geben, etwa für kunstbegeisterte Gymnasiasten.

Um an die zahlenden Teilnehmenden zu gelangen, verfügt er zum einen über eine Liste von 1200 internationalen Corporate-Art-Sammlungen, wie etwa das Unternehmen Absolut Vodka, das eine Sammlung von rund 850 Werken hat. «Wenn nur 10 Prozent davon kommen, also 120, wäre das bereits ein guter Erfolg», überschlägt Kahn. Der Kulturkreis der deutschen Wirtschaft, die traditionsreichste Institution für unternehmerische Kulturförderung in Deutschland, kann ihm den Kontakt von weiteren 100 Firmen vermitteln, die Kunst sammeln.

Chronologie der Rekrutierung
Wie werden die potenziellen Teilnehmenden vom Event erfahren? In der Hochsaison von Dezember bis Februar wird Kahn die Gäste, die sowieso ihren Weg nach Gstaad finden, mit Flyern, Broschüren und ähnlichem Werbematerial auf das Event aufmerksam machen. Anderes internationales Publikum, das die Region noch nicht kennt, wird er über die sozialen Netzwerke informieren oder direkt anschreiben. Kahn wird auch persönlich einige Reisen unternehmen, um einflussreichen Multiplikatoren wie Jeff Koons oder Damien Hirst dafür zu gewinnen, ihre Netzwerke zu stimulieren.

Im Februar wird dann ein Einführungsevent im Le Grand Bellevue stattfinden. Dort wird unter anderem Professor David Khalili Vergleiche zwischen seiner Kunstsammlung und der des britischen Königshauses anstellen. Den etwa 50 eingeladenen hiesigen Galeriebesitzern und Kunstaffinen wird bei dieser Gelegenheit das Konzept des World Art Forums präsentiert.

Braucht Gstaad ein solches Event?
Farrol Kahn hofft, mit dem internationalen Art Forum viel Mehrwert für die Region zu schaffen, und zwar über die anspruchsvollen Unterkunfts- und Verpflegungsbedürfnisse der wohlsituierten Teilnehmenden hinaus. Die High-End-Modelabels vor Ort freuen sich bereits auf eine Umsatzsteigerung von bis zu 30 Prozent. Der eine oder andere Chaletbau oder -kauf wird vielleicht auch drin sein, Banken werden neue Kredite vergeben.

Farrol Kahn selbst sieht sich als «Phoenix», der das Projekt Les Arts wiederbeleben und in der Folge literarische Events etablieren könnte. Denn wenn Gstaad erst einmal dank des SWAF als Kulturtreffpunkt bekannt sei, könne man spezielle kulturelle Events leichter verankern.

Datum nach Masterplan
Bleibt die Frage, ob das illustre Völkchen weltweit genügend motiviert seinen Weg ins beschauliche Gstaad finden wird. «Hier ist mein Masterplan, damit es klappt», verrät Kahn mit einem Augenzwinkern: Die international bedeutende Kunstmesse Art Basel findet zur gleichen Zeit statt wie das SWAF, nämlich von Donnerstag, 17. bis Sonntag, 20. Juni. Was auf den ersten Blick erschreckend nach Konkurrenzveranstaltung anmutet, ist clevere Berechnung: «Das Publikum, für das ich mich interessiere, hat das Privileg, seine Objekte von Montag bis Mittwoch an den Händlertagen zu kaufen und zu verkaufen, bevor die Art Basel offiziell für das breite Publikum eröffnet wird.» Nach den stressigen drei Tagen haben die Kunstkenner keinen besonderen Grund mehr, länger in der überfüllten Messestadt Basel zu bleiben. «Dann können sie die Stille und kühle Bergwelt geniessen mit Kunstplausch und neuen Erlebnissen im Zusammenhang mit Kunst», schwebt dem Organisator Kahn vor.

Vorhaben schon lange gereift
Der kunstaffine Kahn hatte die Idee bereits 2012, als er einen Testlauf in Verbier startete: Auf drei «Art talks» konnte das interessierte Publikum in entspannter Atmosphäre mit Kunstkennern diskutieren, etwa mit der Direktorin von Tate Britain, Penelope Curtis, oder der Seniorkuratorin der Internationalen Kunst aus dem Moderna Museet von Stockholm. Schon damals merkte er: Die Menschen mögen das Konzept des relaxten Zusammenkommens um das Thema Kunst. «Allerdings macht in der Schweiz gerne jeder sein eigenes Ding, seine eigene Musikshow, sein eigenes kleines Kunstforum.» Kahn wollte mehr: ein grösseres, gemeinsames, internationales Projekt. «Ich habe die Vision, etwas Grosses auf den Weg zu bringen.» Aber wo? Die folgenden Jahre verbrachte Kahn daher an verschiedenen Orten in der Schweiz, in Crans-Montana etwa oder in Montreux, wo er seine verschiedenen Reiseführer schrieb und dabei jeweils abcheckte, ob sich der Ort für ein internationales Treffen eignete. In Gstaad endlich hatte er das Gefühl: «This is it!» Hier fühlte er sich inspiriert, ein solches Grossprojekt durchzuführen, hier fand er offene Menschen vor, mit denen er zusammenarbeiten wollte. Er besprach seine Idee mit Johann Schneider-Amann, Erich von Siebenthal, Ueli Maurer, Toni von Grünigen, Flurin Riedi, Pierre Genecand, die sich alle positiv der Idee gegenüber zeigten.

Und im «worst case scenario»?
Und was, wenn viel weniger als die angepeilten 500 Gäste zusagen? Wenn nicht genügend finanzielle Unterstützung von hiesigen Autoritäten zusammenkommt? Gibt es einen Plan B? Immerhin verschlingt ein so grosses Projekt Unsummen für das Marketingpersonal, die Einladungen, die Galadiner, die Security, die Gagen für die moderierenden VIPs usw. «Im Schlimmstfall wird das SWAF eben viel kleiner und beschaulicher. Selbst mit nur 50 verkauften Tickets könnte es stattfinden und die Ausgaben, die durch den Ticketverkauf nicht gedeckt werden, würde ich selber übernehmen», zeigt sich Farrol Kahn zuversichtlich. «Das SWAF wird auf jeden Fall 2021 stattfinden!» Fernsehsender wie das BBC Television werden berichten und mit entsprechend schönen Bildern wird das Event dann in jedem Folgejahr grösser werden.

Nichts geht ohne die einheimische Bevölkerung
Farrol Kahn freut sich auf den Anlass und auf die Zusammenarbeit mit der einheimischen Bevölkerung. Er schätzt deren Kooperation und ist auf die Hilfe jedes Einzelnen angewiesen. Die Taxifahrerin, den Teppichverleger, die Lebensmittelzulieferer: Er wird sie alle brauchen, damit dieses Mammutprojekt einen fulminanten Start hinlegt.


FARROL KAHN

Farrol Kahn ist Journalist (unter anderem bei den Financial Times) und Autor. Er verfasste vier Bücher über Flugmedizin und sechs Insider Guides über verschiedene Schweizer Regionen. Der gebürtige Südafrikaner verbrachte die meiste Zeit seines Lebens in Oxford, wo er als Direktor am Aviation Health Institute tätig war. Er organisierte bereits Ausstellungen über das Fliegen an den Flughäfen von Heathrow, Kopenhagen, Malta und Dublin. 2012 organisierte er erstmals Kunst-Talks in Verbier. Er lebt seit 2009 in der Schweiz, seit 2017 in Gstaad und seit 2019 in seinem eigenen Haus in Saanen.

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