Liter(N)atur: Poesie unter freiem Himmel

Di, 22. Sep. 2020
Literatur in der Natur – eine besondere Atmosphäre mit eigener Poesie.

Von Schönried nach Gstaad in der Fülle von Natur und Literatur: Der Literarische Spaziergang am vergangenen Sonntag – einer der drei Programmpunkte des diesjährigen Literarischen Herbsts Gstaad – war nicht nur der schriftstellerischen Kunst gewidmet, sondern verkörperte auch selbst ein Stückchen Poesie. Dragica Rajˇcic´ Holzner las in der Idylle der Natur aus zwei ihrer Werke – und Erzähler Michael Fehr war als grosser Überraschungsgast dabei.

NADINE HAGER
Immer mehr füllte sich der Bahnhof Schönried am Sonntagvormittag. Es waren an die fünfzig Personen, welche sich in freudiger Erwartung auf den Literarischen Spaziergang versammelten – in freudiger Erwartung insbesondere auf Dragica Rajˇcic´ Holzners Lesung. Dann die grosse Überraschung: Als Hauptorganisatorin Liliane Studer das Wort ergriff, um alle Anwesenden willkommen zu heissen, stellte sie neben Dragica Rajˇcic´ Holzner auch den Erzähler Michael Fehr vor, der dem Programm zufolge nicht anwesend gewesen wäre. Die Erklärung für diese schöne Überraschung: Da so viele Anmeldungen für den Literarischen Spaziergang eingegangen waren, musste die Gruppe geteilt werden – schliesslich wird die Stimme des Lesenden in der Natur ohnehin schon mit dem Wind weggetragen, mit vierzig Zuhörern im Kreis wird das Gesagte deshalb schnell unverständlich. Deshalb splittete sich die Gruppe vor dem Aufbruch: Eine Hälfte ging mit Dragica Rajˇcic´ Holzner mit, die zweite wählte einen anderen Weg und folgte Michael Fehr.

Eine eigene Poesie
Der «Anzeiger von Saanen» begleitete jene Gruppe, welche gemeinsam mit der kroatischen Schriftstellerin spazierte. Bald schon wurden die grauen Asphaltstrassen von leuchtend grünen Wiesen abgelöst, knorrige Bäume ersetzten die Strassenlaternen und über allem strahlte die Sonne, als wäre es ein Frühlingstag. Munter wurde geschwatzt, die Gruppe mischte sich. Dragica Rajˇcic´ Holzner war mitten unter den Literaturfreunden, liess sich auf Gespräche und Diskussionen ein – und wirkte beinahe selbst wie eine Besucherin. Aber nur beinahe: Fünfmal nämlich stand sie ganz allein im Zentrum der Aufmerksamkeit. Dann hielt das Grüppchen, das sich langsam, aber sicher in Richtung Gstaad bewegte, inne, und die kroatische Schriftstellerin zückte einen ihrer beiden Romane, um vorzulesen.

Unverkennbarer Stil
«Liebe um Liebe» und «Glück» heissen die beiden Werke, aus denen Dragica Rajˇcic´ Holzner lesend einzelne Abschnitte in die Zuhörerrunde – und auch in die offenen Ohren der Natur – trug.

Beide Romane drehen sich um die Protagonistin Ana, welche ihren Weg aus dem Schmerz der Liebe heraus sucht: Durch ihren Freund und späteren Ehemann, aber auch ihren Vater und einen Dorfpfarrer, wird sie Opfer von wiederkehrender Gewalt. Immer wieder von Neuem wird sie dadurch auf die Suche nach ihrem inneren Gleichgewicht geschickt. Dass die Romane aus der Ich-Perspektive und in gebrochenem Deutsch mit kroatischem Akzent verfasst sind, gibt den literarischen Werken eine besondere Kraft.

Und so kamen die Literaturfreundinnen und -freunde auf dem Literarischen Spaziergang in den Genuss von Einblicken in eine Geschichte, welche von der unnachahmlich authentischen Ich-Erzählerin ohne Verzerrung, ohne Verschönerung, ja sogar fast wertungslos bis gleichgültig wiedergegeben wird. Es ist kein leichtes Thema, das Dragica Rajˇcic´ Holzner in ihren Romanen behandelt – und doch verleiht sie ihrer Geschichte durch ihren unverkennbaren kroatischen Stil eine Leichtigkeit.

Das grosse Finale
Nach gut zwei Stunden fanden sich die beiden Gruppen, welche ursprünglich eine gewesen waren, im Le Grand Bellevue ein. In einem Salon des Hotels traten Michael Fehr und Dragica Rajˇcic´ Holzner noch ein letztes Mal auf: der Erzähler mit einer kurzen, humorvollen Geschichte über eine Grassuppe, die kroatische Schriftstellerin mit einem letzten Aufblitzen von Anas schwerfälliger Geschichte. So unterschiedlich die Stile der beiden Literaturschaffenden auch sein mögen, so harmonisch war der abschliessende Auftritt der beiden – und mit einem verschmitzten Lächeln brachte Dragica Rajˇcic´ Holzner ganz am Schluss ihre grosse Freude darüber zum Ausdruck, Michael Fehr so unerwartet in ihrem Programm angetroffen zu haben.

Der Austausch ist geglückt
«Ich bin begeistert davon, dass auf diesem Spaziergang so viele Gespräche möglich geworden sind. Die Menschen haben sich unterhalten über Texte und Autorinnen und Autoren sowie über die fantastische Naturkulisse», erzählt Organisatorin Liliane Studer nach dem Festival lächelnd. Der Austausch zwischen Literaturbegeisterten untereinander und mit professionellen Schreibenden sei der rote Faden des Literarischen Herbsts Gstaad und dieses Jahr leider wegen der Corona-Pandemie etwas zu kurz gekommen. Trotzdem fand ein reger Austausch statt, was sich auf diesem Spaziergang besonders gut zeigte: Schon beim Treffpunkt am Bahnhof Schönried befand sich Dragica Rajˇcic´ Holzner mitten unter den Versammelten, und auch während des Spaziergangs war sie für jede und jeden da. Ebenso nach ihren abschliessenden Worten hinter dem Mikrofon: Bei Kaffee und Kuchen blieben sie und Michael Fehr im Salon und zeigten sich offen für Gespräche. Auch Rajˇcic´ Holzner selbst lobt diesen Austausch: «Dieser persönliche Kontakt mit Menschen von gleich zu gleich und nicht von oben nach unten hat mir sehr gut gefallen.» Der Literarische Spaziergang stand also ganz im Zeichen der geteilten Freude über Literatur – und war so durch und durch ein besonderes Erlebnis.

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