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Wildtierschutz Ja – aber bitte nicht so!

Fr, 27. Nov. 2020
Wildtiere brauchen Rückzugsorte, in denen sie nicht gestört werden. Die Ausscheidung von Wildruhezonen dient der Vermeidung übermässiger Störung gemäss Artikel 7 des Jagdgesetzes. FOTO: ADOBE STOCK

Seit dem 1. August 2020 ist die zweite Tranche der Revision der kantonalen Wildschutzgebiete in Kraft getreten. Doch die neu getroffenen Massnahmen werden hierzulande kaum goutiert. Sie sind für viele weder zielführend noch durchdacht.

KEREM S. MAURER
Im Saanenland gibt es aktuell über 40, manche sprechen von 48, rechtlich ausgeschiedene Wildruhezonen mit einer Gesamtfläche von rund 86 Quadratkilometern. Damit steht etwas mehr als ein Viertel der Fläche des Saanenlandes unter Schutz. Das ist viel – für einige zu viel. Im Grundsatz herrscht bei den betroffenen Kreisen wie Tourismus, Jägerschaft, SAC, Schutzorganisationen und anderen Nutzerinnen und Nutzern Einigkeit darüber, dass die Wildtiere Schutz brauchen. Bei der Frage, wie dieser Schutz aussehen soll, gehen die Meinungen allerdings auseinander. Es wird kritisiert, dass die vom Kanton getroffenen Schutzmassnahmen nicht in jedem Fall zielführend seien. «Bei der Festlegung der entsprechenden Massnahmen gilt es immer, einen Interessensausgleich zu finden zwischen dem Ruhebedürfnis der Wildtiere und dem steigenden Druck durch Freizeitaktivitäten sowie der stark gewachsenen Mobilität der Bevölkerung», schreibt die Wirtschafts-, Energie- und Umweltdirektion (WEU) in einer Stellungnahme.

Interessensverbände wurden gefragt
Anlass für die Änderung der Verordnung vom 26. Februar 2003 über den Wildtierschutz ist ein Projekt zur Überprüfung sämtlicher Wildschutzgebiete im Kanton Bern durch das Jagdinspektorat. Das WEU hält fest, dass das Jagdinspektorat im Herbst 2016 damit begonnen habe, «unter Einbezug der betroffenen Gemeinden, der Jägerschaft, der Schutzorganisationen, der Nutzerinnen und Nutzer sowie der örtlich zuständigen Wildhüter und Waldabteilungen sämtliche rund 80 kantonalen Wildschutzgebiete zu prüfen». Eine erste Tranche mit den Ergebnissen der Überprüfung von 28 Wildschutzgebieten wurde 2017 umgesetzt. Die zweite Tranche betrifft die Ergebnisse von weiteren 16 Gebieten sowie die Schaffung von sieben neuen Wildschutzgebieten. Da die Überprüfung der Wildschutzgebiete sehr aufwendig sei und viele wesentliche Akteurinnen und Akteure einbezogen wurden, sei eine Staffelung vorgenommen worden.

Gleiche Fläche, aber strengere Gesetze
Die zweite Tranche der Revision der kantonalen Wildschutzgebiete ist seit dem 1. August 2020 in Kraft. Sie hat zur Folge, dass einige der Wildruhezonen unserer drei Gemeinden – namentlich die Gebiete Giferhorn, Tschärzis-Wispile, Dürrenwald und Lauenen – neu nicht mehr nach Gemeinderecht, sondern nach kantonalem Recht ausgeschieden sind. Die Fläche der ausgeschiedenen Wildschutzgebiete im Saanenland blieb allerdings laut dem Eidgenössischen Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) «bis auf ein Detail im Osten von Lauenen identisch mit der alten Situation». Folglich wurden hierzulande weder neue Wildschutzgebiete geschaffen noch die Fläche der bestehenden verändert. In den drei oben genannten Gebieten werden die bestehenden kommunalen Wildruhezonen als Kernzonen in die kantonalen Schutzgebiete übernommen. Zum Schutz der Rot- und Gämswildeinstände und der männlichen Gämsen werden für jede Zone Bestimmungen zur Lenkung der Rotwildund Gämsjagd festgelegt. Ferner werden für Sommer und Winter Wegegebote erlassen. Das Amt für Landwirtschaft und Natur/Jagdinspektorat des Kantons Berns sagt auf Anfrage ausdrücklich: «Es gibt Weg- und Routengebote, aber keine neuen Zonen, die von Menschen nicht betreten werden dürfen. Skirouten gemäss Skitourenkarte wurden alle übernommen.» Ergänzend werden Störungen der Wildtiere durch örtlich und zeitlich begrenzte Leinenpflichten für Hunde minimiert.

Tourismus und Wildtierschutz – ein Widerspruch?
Es ist ein offenes Geheimnis: Wildtierschutz und Tourismus haben es nicht immer leicht nebeneinander. Nicht nur im Saanenland. Inwieweit muss sich der Mensch zum Wohl der Wildtiere einschränken? Und sind solche Einschränkungen in einer tourismuslastigen Region, wie es das Saanenland ist, überhaupt gewollt? Oder wie weit dürfen Erholungssuchende uneingeschränkt in die Ruhe der Natur vordringen? Muss der Schutz für Wildtiere allenfalls noch ausgeweitet werden?

Gstaad Saanenland Tourismus (GST) hat sich zusammen mit anderen Organisationen gegen die Revision der Wildschutzgebiete gewehrt in der Absicht, die gesamte Änderungsvorlage zugunsten einer «vollumfänglichen, ausgewogeneren Überarbeitung» bachab zu schicken. Dies mit der Begründung, die gesamte Ferienregion, deren Konzept auf einem naturnahen Freizeittourismus gründe, erleide durch die angestrebten Anpassungen einen Imageschaden. «Es wurde zum Beispiel eine Vielzahl von neuen Weggeboten geschaffen, die einem Betretungsverbot von grossen Flächen des Saanenlandes gleichkommen», sagt Tourismusdirektor Flurin Riedi auf Anfrage. Ebenso befürchtet GST eine Bedrohung für die touristische Wettbewerbsfähigkeit der Region. «Grundsätzlich hat GST ein grosses Interesse an intakter Natur, dazu gehören auch Wildtierschutzgebiete», so Riedi. Aber: «Eine nachhaltige touristische Entwicklung muss trotzdem möglich sein!» GST fordert, dass touristisch intensiv genutzte Flächen aus dem Perimeter der Wildschutzgebiete ausgeklammert werden sollen. Dies auch hinsichtlich etwaiger künftiger Projekte wie beispielsweise Biketrails.

Einmischung der «Unterländer Stadtbevölkerung»
André Oehrli, Präsident der SAC-Sektion Oldenhorn, ist der Ansicht, dass die Schutzmassnahmen gemeinsam mit den lokal ansässigen betroffenen Organisationen erarbeitet werden müssten. «Die lokale Jägerschaft weiss sehr gut, welche Tiere sich bei uns wo und wann befinden», ist er überzeugt. Mit den Kenntnissen der Jäger hätte man die Winterweggebote spezifischer umsetzen können. Ebenso befürwortet Oehrli die neu verhängte Leinenpflicht für Hunde. Er pocht auf die Selbstverantwortung der Bergsporttreibenden: «Mit Rücksichtnahme kommen Wildtiere und Bergsport vielerorts im Sommer und Winter gut nebeneinander zurecht.» Ausserdem fördere der SAC naturverträglichen Bergsport, weshalb Verbote nur dort ausgesprochen werden sollten, wo sie wirklich nötig seien. Seiner Ansicht nach hat es die Bevölkerung des Saanenlandes «immer verstanden, respektvoll mit ihrer Natur umzugehen. Mensch und (Wild-)Tiere haben stets im Einklang zusammengelebt». Für André Oehrli stellt sich nicht die Frage, ob die Menschen das Recht haben, sich im Lebensraum der Tiere uneingeschränkt auszubreiten oder ob die Tiere sich zugunsten des Tourismus einzuschränken haben. Vielmehr wirft er die Frage auf: «Haben Unterländer Stadtbewohner das Recht, über den Lebensraum der Bergbevölkerung ständig ungehindert zu bestimmen?» Das Saanenland sei mit seinen über 40 Wildruhezonen eine der am stärksten reglementierten Regionen der Schweiz, und: «Nein: Wir benötigen nicht noch mehr Wildtierschutzgebiete!»

Massnahmen «teilweise zielführend»
Aus Sicht der Bergführer machen nicht alle neuen Bestimmungen im Bereich Wildruhe-Wildschutz auch wirklich Sinn. Die Leinenpflicht für Hunde in bestimmten Gebieten sei sicher gut. Über das Sommerweggebot könne man sich streiten, für welchen Zweck es wirklich sei und wen es schützen soll.

«Hauptsache der Kanton hat sich durchgesetzt. Für unsere Berufstätigkeit im Sommer hat es zum Glück keinen grossen Einfluss. Man weiss aber nicht, was in den nächsten Jahren noch alles kommt», erklärt Peter Sollberger, Präsident des Bergführervereins Gstaad-Lenk. Er nennt die Massnahmen, was die Winterregelung der kommunalen Wildruhezonen angeht, «teilweise zielführend». Was hingegen auf kantonaler Seite beschlossen wurde, geht für ihn zu weit. Er kritisiert: «Wir Bergführer wurden als Berufsverband am Anfang des Mitwirkungsverfahrens nicht einmal schriftlich begrüsst. Nur die Gemeinden – und die lassen sich leider nicht gerne auf Konflikte ein.»

Schliesslich habe man mit Partnerorganisationen an diversen Sitzungen erreicht, dass im August nur eine abgeschwächte Verordnung in Kraft getreten sei, welche nur den Sommer betreffe, mit der sie als Bergführer leben könnten. Aber man habe unterdessen ein Flickenteppichmuster mit x kommunalen und kantonalen Zonen, in denen jagdliche, touristische und andere Bestimmungen in- und übereinandergreifen. Doch den Durchblick habe keiner mehr. Peter Sollberger ärgert sich: «Es geht schon lange nicht mehr nur um das Wohlbefinden der Wildtiere!»

Salamitaktik des Kantons
Der SAC prangert insbesondere die Salamitaktik an, die vom Jagdinspektorat und Wildhütern angewendet werde. André Oehrli erklärt: «Der Kanton betreibt in diesem Zusammenhang eine Verschleierungstaktik. Ein einzelnes Salamirädli macht weniger Lärm um die Sache als die ganze Wurst. So nimmt sich der Kanton alle Gebiete einzeln vor, um den grossen Aufschrei im Berggebiet zu verhindern.» So haben laut Peter Sollberger die Bergführer gefordert, dass die Umsetzung der Überarbeitung erst dann in Kraft tritt, wenn alle Gebiete behandelt und abgeschlossen sind, damit alle Regionen fair behandelt werden. Sollberger findet, es brauche mehr Aufklärung über die Natur und deren Bewohner. Wie verhält man sich rücksichtsvoll in der Natur und wo kann man sich informieren? Der Präsident der hiesigen Bergführer ist überzeugt, dass es hierzulande ein gut ausgebautes Wanderwegenetz gibt, das einem erlaubt, mit den Wildtieren zu leben und die Natur zu erleben, ohne dass man sich gegenseitig auf die Füsse tritt. Er wünscht sich: «In der Natur sollen nicht Verbotstafeln herumstehen, sondern durchdachte Infotafeln an den jeweiligen Ausgangspunkten mit sachdienlichen Hinweisen.»

Unbefriedigende «Hauruckübung»
Ähnlich sieht dies auch die hiesige Jägerschaft, die in der Person von Werner Dänzer als Präsident des Jagd- und Wildschutzvereins Saanenland an dieser Stelle zu Wort kommt. Er hält fest, dass aufgrund der neuen Massnahmen die Jägerinnen und Jäger örtlich und während bestimmten Zeiten gewisse Wildtierarten nur eingeschränkt bejagen dürfen. «Die Jägerschaft ist sich im Grundsatz derartige Vorschriften und Einschränkungen gewohnt und kann damit umgehen», so Dänzer. Vor dem Hintergrund, dass die neuen Massnahmen eine Verminderung der Störungen für das Wild bewirken, werden seiner Ansicht nach «teilweise sicherlich praktikable Massnahmen angewendet.» Allerdings stellt er in Frage, ob diese örtlich und zeitlich massvoll umgesetzt wurden. Für ihn schiessen einige der Massnahmen über das Ziel hinaus und sind das Resultat «einer unausgewogenen, undifferenzierten und vor allem nicht gesamtheitlichen Betrachtungsweise der beratenden Organe des die Verordnung erlassenden Regierungsrates». Werner Dänzer hätte eine zumindest regionale Herangehensweise bevorzugt. Er kritisiert insbesondere, dass bei der vorliegenden Verordnungsrevision nur einzelne, lokal eng begrenzte Wildräume herausgepickt worden seien, in welchen nun «willkürliche Massnahmen wie Versuchsballone» umgesetzt würden. Ihm fehlt ein ganzheitliches, möglichst das ganze Kantonsgebiet umfassendes Konzept zum – auch aus Sicht der Jägerschaft wichtigen – Schutz der Wildtiere. «Denn der Bewegungsraum der Wildtiere ist vernetzt und hat überregionalen Charakter», betont er. Die Ignoranz der kantonalen Behörden gegenüber den vor Ort betroffenen – und «mehrheitlich zur konstruktiven Mitwirkung bereiten» – Kreisen erscheine ihm sehr fragwürdig. Er bezeichnet die Verordnungsanpassung als eine «Hauruckübung, damit sie von der Erledigungsliste gestrichen werden konnte». Das WEU gibt dazu an, dass verschiedene Anträge und Hinweise der Konsultationsteilnehmenden aufgenommen wurden und die Schutzbestimmungen in den von Interessenskonflikten geprägten Gebieten weiter optimiert werden konnten und unterstreicht: «Nicht aufgenommen wurden Anträge, die gegen das Projekt zur etappenweisen Überprüfung sämtlicher kantonaler Wildschutzgebiete gerichtet sind, sowie Maximalforderungen von Schutz- und Nutzerorganisationen, welche die Ausgewogenheit der Vorlage gefährden würden.»

Schutz und Eigenverantwortung
Eine andere Sicht hat naturgemäss Urs Bach, der seit März 2011 den Tierschutzverein Saanen präsidiert. Er findet es nicht in Ordnung, dass sich Menschen – selbst in einer touristisch stark entwickelten Region wie dem Saanenland – uneingeschränkt ausbreiten dürfen. «Natürlich muss sich der Mensch gegenüber den Tieren einschränken!», fordert er und begründet seine Aussage mit der ohnehin schon enormen Belastung für die Wildtiere durch Lärm, Verkehr, Maschinen, Flugzeuge, Feuerwerk und Lichtverschmutzung. Urs Bach begrüsst die getroffenen Massnahmen. «Mehr Schutz für Wildtiere ist immer besser», sagt er. Obschon Vorschriften meist beachtet würden, gebe es leider auch viele Missachtungen und Übertretungen, weiss der Präsident des hiesigen Tierschutzvereins aus Erfahrung und bedauert, dass es ohne Kontrolle nicht geht. «Unsere Wildhüter betreuen sehr grosse Gebiete und können nicht überall sein. Daher appelliere ich an die Eigenverantwortung jedes Einzelnen!» Für Urs Bach reichen die getroffenen Massnahmen aus – wenn sie eingehalten werden. Für ihn ist wichtig, dass mit gesundem Menschenverstand Rücksicht auf die Wildtiere genommen wird. Dazu gehören «kein rücksichtsloses Verhalten beim Sport, Wandern, Pilzesammeln, Gleitschirmfliegen und weiteren Freizeitaktivitäten.» Das Amt für Landwirtschaft und Natur/Jagdinspektorat des Kantons Bern betont: «Durch die neuen Schutzbestimmungen wurde der Schutz für die Wildtiere deutlich verbessert und die Störungen können minimiert werden. Dies ist jedoch ein Kompromiss, um die vielen verschiedenen Interessen unter einen Hut zu bringen. Mehr Schutz wäre immer wünschenswert, aber das hätte Einschränkungen für die Nutzer zur Folge.»

 

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