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«Wenn das Geld nicht zusammenkommt, wird das Haus geschlossen»

Fr, 12. Feb. 2021
Wie daheim: Die sehr familiäre und private Atmosphäre ist ein häufig genannter Grund für den Entscheid, im Geburtshaus zu gebären. FOTOS: ZVG

Die Maternité Alpine ist für den Weiterbetrieb des Geburtshauses in Zweisimmen auf kurzfristige finanzielle Unterstützung angewiesen. Wie es zu diesem finanziellen Notstand gekommen ist, welche anderen Schwierigkeiten sich zusätzlich in den Weg stellen und mögliche Lösungsansätze für beide Problemstellungen erklären Betriebsleiterin Marianne Haueter, Co-Betriebsleiterin und Hebamme MSc, Anne Speiser, Präsidentin der Genossenschaft und Grossrätin, sowie Otto Rychener, Fachlicher Beirat und ehemaliger Raum- und Ortsplaner, im Interview.

JENNY STERCHI

Seit wann hat sich diese prekäre Finanzlage angedeutet?
Dank grosser Unterstützung und vielen kleinen und auch grossen Spenden konnten und können wir die Defizite der Jahre 2017 bis 2021 decken. Von Anfang an wurde festgelegt, dass nach fünf Jahren Bilanz gezogen und das weitere Vorgehen festgelegt wird. Es soll kein Denkverbot auferlegt werden. Auch die Schliessung des Geburtshauses kann in Betracht gezogen werden. Wichtig ist zudem, dass Klarheit herrscht bezüglich der Zukunft des Spitals in Zweisimmen. Wir gingen davon aus, dass bis Ende 2020 die nötigen Entscheide vorliegen.

Wie ist diese Abhängigkeit zu verstehen?
Eines ist klar: Wenn das Spital in Zweisimmen geschlossen wird, muss auch das Geburtshaus seine Tore schliessen. Denn die Nothilfe kann nur das Spital gewährleisten. Verschiedentlich war das Spital froh, auf die Hebammen zur Mithilfe bei Notfällen zurückgreifen zu können. Ganz allgemein betrachtet sind sämtliche Dienstleistungen in unserer grossräumigen, jedoch leider dünn besiedelten Region nicht «rentabel», wie eben auch das Spital in Zweisimmen. Wenn wir in unserer Region eine vernünftige Grundversorgung haben wollen, wird man finanzielle Lösungen finden müssen. Ansonsten sind wir ein schwarzer Fleck auf der Berner Landkarte, welche die Grundversorgung im Gesundheitsbereich abbildet. Und das ist keine Option, weder für die Betreuung der Schwangeren noch für die Familien in unserer Region.

Wurden im Vorfeld Analysen gemacht, ob ein solches Angebot in der Region von den Strukturen her auf lange Sicht notwendig und gefragt ist?
Im Vorfeld wurde ein Businessplan erstellt, wie es bei jedem neu zu gründenden Unternehmen gemacht wird. Darin wurde, ausgehend von rund 80 Geburten im Jahr, mit einer schwarzen Null gerechnet. Diese Frequentierung sollte sich nach drei bis vier Jahren eingestellt haben. Die Anzahl Geburten hat sich bei 50 bis 60 Geburten pro Jahr eingependelt. Erfreulich hoch ist der Anteil aus dem Obersimmental und Saanenland, der bei etwa 50 Prozent der jährlich erwarteten Geburten in diesen beiden Regionen liegt. In den Geburtshäusern im städtischen Gebieten liegt der prozentuale Anteil der werdenden Mütter, die im Geburtshaus ihr Kind bekommen wollen, bei etwa drei bis fünf Prozent.

Gibt es Optimierungspotenzial bei den Geburtszahlen?
Das Geburtshaus ist die einzige Anlaufstelle für werdende Mütter, die an 365 Tagen 24 Stunden bereitsteht. Sie wird von Einheimischen und Gästen rege genutzt. Die Nachfrage nach einer Geburt in der Maternité Alpine ist gross und würde die nötigen 80 Geburten erreichen. Die Risikoselektion, welche wir jedoch anwenden müssen, um die Sicherheit von Mutter und Kind zu gewähren, beträgt durchschnittlich 30 Prozent. Gründe, die eine Geburt im Geburtshaus ausschliessen, sind beispielsweise eine Steisslage, Frühgeburtlichkeit oder die Schwangerschaftsvergiftung. Wir sind überzeugt, dass im künftigen geplanten Campus in Zweisimmen der Betrieb des Geburtshauses mit einer schwarzen Null auch bei 60 Geburten möglich ist.

Wie sieht dieser geplante Campus in Zweisimmen aus?
Der Campus ist ein Projekt der Trägerschaft Gesundheit Simme Saane, welches eine integrierte Gesundheitsversorgung unserer Regionen vorsieht. Voraussetzung für eine lokale geburtshilfliche Vorsorge ist der Zugang zu einem Operationssaal in unmittelbarer Nähe. Das integrierte Versorgungskonzept verspricht eine Senkung der Kosten durch Synergien. Leider waren unsere Ansprechpartner für den Campus bisher nicht in Lage, gemeinsam mit uns verbindliche Zahlen zu erarbeiten und zu prüfen. Wir gehen davon aus, dass die Entscheide 2022 oder 2023 vorliegen werden. Aus diesem Grund ist es nicht zielführend, bereits 2021 einen allfälligen Schliessungsentscheid für das Geburtshaus zu fällen. Wir haben bei den Gemeinden beantragt, das Geburtshaus mit zehn Franken pro Einwohner für die Jahre 2022 und 2023 zu unterstützen, bis eine klare Ausgangslage einen Entscheid ermöglicht.

Der Förderverein und die Genossenschaft haben sehr wenige Mitglieder – woran mag das liegen?
Die Anzahl der Mitglieder hat zwar noch nicht die angestrebte Höhe erreicht, sie wächst aber kontinuierlich und die Aktivität der Mitglieder ist erstaunlich hoch. Die Zahl wächst kontinuierlich. Gerne danken wir dem Vorstand des Vereins an dieser Stelle für die engagierte und tatkräftige Unterstützung.

Ist es realistisch, das jährliche Defizit von 150’000 bis 200’000 Franken durch Spenden/Sponsoren zu generieren? Braucht es nicht eher einen grosszügigen Mäzen?
Nein, dies ist langfristig nicht realistisch. Prioritär müssten die Krankenversicherungen die Geburten und ambulanten Leistungen angemessen entschädigen. Zur Veranschaulichung: Eine Wochenbettbetreuung zu Hause wird mit 98 bis 100 Franken inklusive Fahrzeit entschädigt. Bei den Distanzen in unserer Region sind da schnell zwei Stunden nötig. Da stellt sich die Frage, welcher Betrieb heute mit solchen Tarifen noch kalkulieren könnte.

Alle reden davon, wie wichtig Kinder sind. Aber im Gesundheitswesen sollen sie fast nichts kosten und dem Kind als höchstem Gut der Gesellschaft wird keineswegs entsprochen. Es ist erwiesen, dass natürliche Geburten für Mutter und Kind und die gesamte Familie von Vorteil sind. Natürlich ist dies nicht immer möglich.

Was unternimmt der Verein, um zu Geld zu kommen?
Der Verein und die Genossenschaft arbeiten eng zusammen. Sie erhöhen mit Standaktionen, Zeitungsartikeln und aktuell vor allem über die Social-Media-Kanäle Facebook und Instagram den Bekanntheitsgrad des Geburtshauses. Zudem wurde vergangenen Montag eine Crowdfunding-Aktion auf einer Internetplattform der Raiffeisen-Bank lanciert (siehe Inserat). Es macht uns stolz, wie viel Unterstützung wir aus der Bevölkerung erfahren und mit welchem Einsatz uns all die ehrenamtlichen Helfer unter die Arme greifen.

Sind Sparmassnahmen auf Betriebsebene geplant und überhaupt möglich?
Mögliche Massnahmen werden laufend geprüft und umgesetzt. Natürlich könnte das Modell 24 Stunden/365 Tage in Frage gestellt werden. Doch diese Verfügbarkeit ist an die Betriebsbewilligung geknüpft, um auf der Spitalliste des Kantons geführt zu werden. Dies wiederum ist Voraussetzung, um mit den Krankenkassen abrechnen zu können. Zudem arbeiten wir in einem Zweischichtbetrieb à 12 Stunden, was im Vergleich zum üblichen Dreischichtbetrieb à 8,4 Stunden Personalkosten einspart und viel Engagement der Mitarbeitenden erfordert. Die Ironie liegt darin, dass wir viel zu tun haben, mit Arbeit gut ausgelastet sind und dennoch keine schwarzen Zahlen schreiben können. Es ist das gleiche Dilemma wie in anderen Bereichen der Grundversorgung, die nicht «rentabel» betrieben werden können.

Was passiert, wenn das Geld nicht zusammenkommt?
Dann wird das Haus geschlossen. Und wenn das geschieht, wird es nicht so schnell eine Alternative in der Region geben.

Wie ist derzeit die personelle Situation im Geburtshaus?
Erfreulicherweise sehr gut. Wir mussten noch nie einen Franken für Stelleninserate ausgeben.

Wäre eine Partnerschaft mit anderen Geburtshäusern denkbar und allenfalls effizient?
Die 24 Geburtshäuser arbeiten in der IGGH (Interessensgemeinschaft Geburtshäuser der Schweiz) schon sehr gut und eng zusammen. Es wurden zum Beispiel im Bereich der Informatik gemeinsame Tools zur Leistungserfassung, Abrechnung, Personaladministration und Statistik eingekauft. Dies bringt enorme Kosteneinsparungen mit sich.

Auch die Tarifverhandlungen mit den Krankenkassen werden gemeinsam geführt. Die anderen 23 Geburtshäuser haben aber andere Voraussetzungen betreffend Fallzahlen und geografischen Lage als die Maternité Alpine. Sie sind ergänzende Angebote zur nahen klinischen Geburtshilfe in Zentren oder zentrumsnahen Regionen.

Die Maternité Alpine hat in unserer Region eine Grundversorgungsaufgabe übernommen, die auch die Ambulante Versorgung umfasst, da andere wohnortsnahe Alternativen für Mutter und Kind fehlen. Deshalb verhandeln wir mit den Krankenkassen selber, weil wir die Vergleichbarkeit (Benchmarking in den Tarifen) mit anderen Geburtshäusern als nicht zulässig betrachten und seit Betriebsstart höhere Tarife fordern.

https://www.lokalhelden.ch/maternite-alpine


CAMPUS ZWEISIMMEN – EINE DEFINITION

Der Campus GSS (Medizinische Grund- und Spitalversorgung im Simmental und Saanenland) besteht aus einem eigentlichen Campus in Zweisimmen als Hub, einem Gesundheitszentrum in Saanen und einem Netzwerk von Leistungsanbietern im Gesundheitswesen, die auf verschiedenen Ebenen zusammenarbeiten. Mit dem Campus Zweisimmen werden vier Angebote zusammengeführt:
– Spital mit Notfallaufnahme, OP-Bereitschaft an 365 Tagen während 24 Stunden und diversen medizinischen Dienstleistungen (psychiatrischer Dienst, Labor, Radiologie etc.)
– Geburtshaus Maternité Alpine
– Alterswohnen Bergsonne
– Stiftung Alterswohnungen/Wohnen mit Dienstleistungen

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