banner
banner
banner

Ostern – in Bolivien mehr als ein verlängertes Wochenende

Fr, 07. Mai. 2021

Da folgerichtig nach der Karfreitagspassion, über die ich in der vorherigen Bolivienspalte berichtet habe (AvS vom 1. April), das Osterfest kommt, werde ich in diesem Artikel über weitere Osterbräuche in Bolivien berichten, auch wenn das Fest schon längst vorüber ist. In Europa ist Ostern mehr und mehr zu einem verlängerten Wochenende geworden, an dem man verreist oder sich sonst vergnügt. In Bolivien dahingegen bereitet man sich mit Gebeten und Prozessionen ab dem Beginn des Palmsonntags und der darauffolgenden Karwoche auf Ostern vor.

Anlässlich des Palmsonntags leiht sich ein langjähriger und treuer Mitarbeiter von Tres Soles und der Kirchengemeinde Jahr für Jahr von einem befreundeten Bauern einen Esel, den er in aller Herrgottsfrühe zum Aufführungsort bringt. Jesus steigt auf den Esel und zieht, gefolgt von den Jüngern, den Kindern und Palm- und Olivenbaumzweige schwenkenden Gottesdienstbesuchern, mehrere Strassenzüge durch das Viertel bis zur Kirche. Ein weiterer Höhepunkt ist, wie schon beschrieben, die Karfreitagspassion. All diese Bräuche haben eine lange Tradition, nicht nur in Bolivien, wohingegen Ostereier und Osterhasen hier fast unbekannt sind.

Schaut man allerdings auf die Gegend von La Paz im Norden des Landes, trifft man zum Beispiel an Ostern auf einen weiteren Brauch, nämlich auf den Pilgermarsch nach Copacabana zum grossen Marienwallfahrtsort am Titicacasee. Trotz der Länge von über 100 Kilometern nehmen an diesem Marsch Tausende von Pilgern teil. Für die meisten dauert er zwischen zwei und drei Tagen. In den ersten Jahren von Tres Soles, als wir noch in El Alto, in der Nähe von La Paz, wohnten, waren die Jugendlichen an Ostern nicht zu halten. Ihnen zu verbieten, an diesem Marsch teilzunehmen, wäre sinnlos gewesen, denn sie wären auch ohne Erlaubnis losgezogen. Schliesslich bot dieser Ostermarsch jede Menge Gelegenheiten, Alkohol und Klebstoff zu konsumieren und zu schnüffeln, da sie niemand kontrollieren konnte. Sie kamen zerschunden und in einem erbärmlichen Zustand zurück, denn sie hatten natürlich kein Geld, um sich Essen und Fahrkarten für den Rückweg zu kaufen. Sie boten einen bemitleidenswerten Anblick. Im dritten Jahr, als sie wieder um Erlaubnis fragten, sagte ich nach kurzem Überlegen: «Ich komme mit.»

«Was? Wieso?» Sie rissen beinahe erschrocken die Augen auf.

«Ich komme mit, denn Wandern ist gesund. Ihr glaubt wohl, das schaffe ich nicht ...»

Ich stamme ursprünglich aus den Schweizer Alpen und bin immer gern gewandert, folglich war ich nicht ganz ungeübt. «Und dass es niemandem einfällt, Alkohol und Klebstoff mitzunehmen.»

«Er gönnt uns den Alkohol und den Klebstoff nicht», murrte jemand im Hintergrund, aber die anderen schwiegen, denn sie wussten, dass ihnen mein Entschluss gewisse Vorteile verschaffen würde. Guisela, die nicht so gerne wandert, nahm nämlich bis zum jeweiligen Etappenziel öffentliche Verkehrsmittel und das bedeutete, dass sie auch für Verpflegung würde sorgen können. In den zehn Jahren, die wir mit unserer Wohngemeinschaft in El Alto verbrachten, wurde die Pilgerwanderung nicht einmal ausgelassen. Wie grossartig die Landschaft auf diesem Weg ist, zeigt ein Foto des belgischen Fotografen Paul van Wouwe, das in einem Bildband über El Alto veröffentlicht wurde. Auf dem Foto ist eine Gruppe unserer Jungen zu sehen, ihre Wolldecken um die Hüften gebunden, hinter ihnen der Altiplano und die gewaltigen Gletscher des Mururata-Massivs. «Der Gott unserer Vorfahren ist eine Frau. Pachamama, Mutter Erde», steht neben dem Foto. «Die Erde ist ihr Leib, der Regen ihr Geliebter. Wir sind ihre Erwählten. Seit Jahrhunderten versucht die Kirche, uns mit ihrem Gott zu versöhnen. Aber wenn sie nicht fähig ist, unseren eigenen, kulturellen Reichtum zu akzeptieren, werden die jungen Menschen neue Wege aus der Unterdrückung suchen.»

Im Unterbewusstsein der indigenen Bevölkerung wird die Jungfrau Maria immer noch als Pachamama betrachtet, die weibliche Gottheit, die man ihnen nehmen wollte. Das ist wohl einer der Gründe, warum die Jungfrau von Copacabana des gleichnamigen berühmten Wallfahrtsorts zur Schutzpatronin Boliviens geworden ist und warum so viele Menschen zu ihr pilgern, mit oder ohne Alkohol und Klebstoff, viele Blasen, schmerzende Knie und Muskelkater in Kauf nehmend. Unterwegs schläft man in improvisierten Unterständen auf Strohmatratzen, die für ein paar Pesos angeboten werden. Je näher man dem heiligen See der Inka kommt, desto grüner wird es. Für mich ist die Landschaft um den tiefblauen Titicacasee, mit den grünen Feldern, den Eukalyptuswäldern und den über 6000 Meter hohen Schneebergen der Königskordillere im Hintergrund, eine der schönsten Landschaften der Welt. Die Jungfrau von Copacabana wird übrigens auch die Schwarze Madonna genannt. Sie wurde um 1580 herum, also schon sehr bald nach der spanischen Eroberung, gegen den Widerstand des Klerus von einem indigenen Bildhauer, Tito Yupanki, geschnitzt. Yupanki war ein Nachkomme des Inkageschlechts und war der Meinung, dass, wenn man schon die Gottheiten der Eroberer anbeten müsse – darunter versteht die indigene Bevölkerung Boliviens heute noch alle Heiligen-, Jesus- und Marienfiguren –, sie wenigstens ihre Hautfarbe haben sollten. Und so kam Maria von Copacabana zu der dunklen Hautfarbe der Hochlandindianer. Das nötige Gold, um die Figur verzieren zu können, liess Yupanki aus einer Werkstatt in La Paz mitgehen, wo er an der Vergoldung des Altars der Franziskuskirche mithalf. Die Erschaffung der Schwarzen Madonna von Copacabana war ohne Zweifel ein subversiver Akt.

STEFAN GURTNER

Stefan Gurtner ist im Saanenland aufgewachsen und lebt seit 1987 in Bolivien in Südamerika, wo er mit Strassenkindern arbeitet. In loser Folge schreibt er im «Anzeiger von Saanen» über das Leben mit den Jugendlichen. Wer mehr über seine Arbeit erfahren oder diese finanziell unterstützen möchte, kann sich beim Verein Tres Soles, Walter Köhli, Seeblickstrasse 29, 9037 Speicherschwendi, E-Mail: walterkoehli@ bluewin.ch erkundigen. Spenden: Tres Soles, 1660 Château-d’Oex, Kto.-Nr. 17-16727-4. www.tres-soles.de

Category: 

Kommentare

Neuen Kommentar schreiben

Die Emailadresse wird nicht veröffentlicht oder an dritte weitergegeben. Sie wird nur zu Kontaktzwecken im Zusammenhang mit diesem Kommentar verwendet.
CAPTCHA
Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob Sie ein menschlicher Benutzer sind und automatisiertem Spam vorzubeugen.

Kommende Events

Stellen

Immobilien

Diverses

Trending

1

Freitagausgabe wurde erst am Samstag zugestellt

Infolge noch unbekannter Probleme bei der Produktion/dem Transport des «Anzeiger von Saanen» konnte die Freitagsausgabe leider erst am Samstag zugestellt werden. Wir bitten Abonnenten und Kunden in aller Form um Entschuldigung. Die Verlagsleitung/Frank Müller