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«Ich reagiere auf die Welt mit Notizen»

Di, 08. Jun. 2021
Liliane Studer und Beat Sterchi unterhalten sich über den Sinn des Lebens. FOTO: SOPHIA GRASSER

Beat Sterchi beendet die «vorlesungsfreie» Corona-Zeit. Gemeinsam mit dem Literarischen Herbst Gstaad organisierte das Hotel Alpenland vergangenen Donnerstag erstmals wieder eine Lesung. Eingeladen war der Berner Schriftsteller mit seinem Buch «Capricho», das so einige (unaufgeforderte) Garten- wie Lebensweisheiten offenbart.

SOPHIA GRASSER
Liliane Studer, Programmverantwortliche des Literarischen Herbsts Gstaad, eröffnete die Lesung mit einer knappen, aber humorvollen Inhaltszusammenfassung des Buches «Capricho», zu Deutsch Laune. Damit stellte sie gleichzeitig auch den renommierten Schweizer Schriftsteller Beat Sterchi vor, der sich unverkennbar als Ich-Erzähler des Werkes identifizieren lässt.

In seinem neuen Buch vereinbart Beat Sterchi zwei Tätigkeiten, die zunächst nicht besonders harmonisch klingen: die Gartenarbeit und das Schreiben. Seit 35 Jahren verbringt der Ich-Erzähler seinen Sommer in Spanien – in einem Haus inmitten eines kleinen Dorfes. Er nimmt sich vor, die Geschichte dieses aussterbenden Ortes aufs Papier zu bringen, doch seine schriftstellerische Muse lässt ihn im Stich. Stattdessen widmet er sich nun seinem «huerto», seinem Garten, und muss sich schon bald mit den ungefragten, aber sicherlich gut gemeinten Ratschlägen seiner Nachbarn auseinandersetzen: Möchte man Kartoffeln anbauen, halbiert man sie zunächst und setzt sie mit der flachen Seite nach unten in die Erde – «nein, mit der flachen Seite nach oben», weiss es ein anderer Dorfbewohner besser. Und bloss nicht vor Vollmond! Der motivierte Ich-Erzähler nimmt die Weisheiten dankbar, wenngleich auch ein bisschen beleidigt, an und hält sie in seinem Notizbuch fest. Et voilà: Die Geschichte erhält ihren «roten Faden», den der Ich-Erzähler während seiner Schreibblockade vergebens gesucht hatte.

Es ist das Alltägliche
«Ich habe das Gefühl, dass mein Buch ganz einfache Abläufe, ein ganz gewöhnliches Umfeld widerspiegelt», fasste Beat Sterchi zusammen. Man könnte sagen: Es ist das Alltägliche, das «Capricho» so besonders macht – der tägliche Weg in den Garten, die kurzen Gespräche und zufälligen Begegnungen mit den Dorfbewohnern und das Wachsen und Gedeihen der Pflanzen. Beat Sterchi strickt all diese «Gewöhnlichkeiten» zu einer unterhaltsamen Geschichte im Plauderton, die unter den anwesenden Zuhörerinnen und Zuhörern merklich Anklang fand: Das Publikum lauschte aufmerksam, stets mit einem Schmunzeln auf den Lippen – und hin und wieder entlockte Sterchi seiner Zuhörerschaft auch ein kurzes Lachen.

Schreiben ohne Absicht
«Ich bin ein Anhänger von absichtslosem Schreiben», beantwortete Sterchi die Frage, wie «Capricho» entstanden sei. «Ich reagiere auf die Welt mit Notizen.» Der Schweizer, der in Spanien zum Ausländer wurde, hielt seit dem Beginn seiner Sommeraufenthalte seine Eindrücke fest: jeden kleinen Gedanken, die guten wie ungebetenen Gartentipps der Nachbarn, den Klatsch und Tratsch des Dorfes. «Die Bewohner haben sich nie wirklich für mich interessiert», erzählte der bescheidene Autor amüsiert. Stattdessen weihten sie ihn in zahlreiche Dorfgeheimnisse ein. Die soziale Interaktion empfindet Sterchi aus diesem Grund als wahnsinnig wichtigen Aspekt, dem letztendlich auch dieses Buch zu verdanken ist.

Der Sinn des Lebens
Wie kann man im Hier und Jetzt ein sinnvolles Leben führen? Dieser Frage geht Sterchi mit «Capricho» auf den Grund. Nach 35 Jahren weiss der Autor: «Eigentlich braucht es nicht viel mehr als einen Garten, ein gutes Buch und ein bisschen Gesellschaft.» Kurz und knapp: Sterchi wollte ein Buch schreiben, das man gerne liest und mit dem man seine Zeit nicht als verschwendet weiss. Der Autor liefert seinen Leserinnen und Lesern – und an diesem Abend offensichtlich auch den Gästen seiner Lesung – einfach gute «Capricho».

Weitergedacht
Auch Liliane Studer teilte ihre Gedanken mit den Anwesenden und stellte einige Interpretationsansätze vor. So können der Verfall des spanischen Dorfes und die damit einhergehenden Konsequenzen auf viele weitere ländliche Regionen übertragen werden – inklusive einige Gebiete der Schweiz. Die Kernfrage des Buches, was im Leben wichtig ist, sei darüber hinaus gerade in den vergangenen pandemiegeprägten Monaten sehr präsent gewesen. Ferner schätzt Studer an «Capricho» den Widerstand gegen den ständigen Stress – Sterchi stellt den Menschen ins Zentrum, der sich mit der Natur bewegt und nach einem Gleichgewicht sucht. Zusammengefasst kann das Buch als zeitgenössisches Werk betrachtet werden, das inspiriert, sensibilisiert und reichlich Raum für Interpretationen lässt.


ZUR PERSON

Beat Sterchi ist 1949 in Bern geboren. 1970 ging er nach Kanada und studierte Anglistik, bevor er als Sprachlehrer in Honduras arbeitete. Er verfasst Theaterstücke, Reportagen und Kolumnen sowie Reiseberichte und experimentelle Texte auf Berndeutsch. Insbesondere sein Debütroman «Blösch» von 1983 verhalf Sterchi zu grosser Bekanntheit. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Bern und in Spanien.

SOPHIA GRASSER

QUELLE: WWW.DIOGENES.CH

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