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«Tres Soles hat gute Feen»

Fr, 08. Jan. 2021

Im vorangegangenen Artikel (siehe AvS vom 7. September) habe ich über den Besuch einer Gruppe des Eine-Welt-Kreises der Kirchengemeinde St. Konrad aus Mannheim berichtet. Der Eine-Welt-Kreis unterstützt uns so gut wie von Anbeginn, verwaltet das Spendenkonto und hat jahrelang engagiert für uns Öffentlichkeitsarbeit in Europa betrieben. Die Mannheimer Reisegruppe, bestehend aus sechs Frauen, wurde während ihres Aufenthalts in Quillacollo von einem bolivianischen Journalisten begleitet. Die Reportage, die ich nun in ihrem ganzen Umfang wiedergeben möchte, wurde am 13. Februar 2011 unter dem Titel «Tres Soles hat gute Feen» ganzseitig und mit mehreren Farbfotos in der bolivianischen Tageszeitung «La Razón» veröffentlicht:

Sechs Freiwillige des Eine-Welt-Kreises der Kirchengemeinde St. Konrad aus Mannheim, darunter die Vorsitzende Magda Keller, besuchten Bolivien, um die Arbeit von Tres Soles näher kennenzulernen.

In Tres Soles gibt es keine Umfassungsmauern, weil es laut Gurtner «ein offenes Projekt ist und den Jugendlichen die Botschaft übermitteln soll, dass sie frei sind und niemand auszureissen braucht». Leider ist die Zone im Verlauf der Jahre verstädtert, womit sich auch die sozialen Probleme, etwa Alkoholismus und Jugendbanden, verschärft haben. Um die Kinder und Jugendlichen davor zu schützen, wird nun nach Mitteln gesucht, um die Mauern zu bauen.

Dieses alternative Bildungsprojekt schliesst Theater, Musik, Malen, eine Schreinerei, eine Bäckerei, einen Gemüsegarten und Näh- und Kartenwerkstätten ein: «Wir sind überzeugt, dass Lernen Spass machen soll. Wir spielen viel und erziehen durch Kunst.»

In der Wohngemeinschaft leben 25 Kinder und Jugendliche bis zu ihrem 18. Lebensjahr. Es sind von ihren Eltern verlassene Jungen und Mädchen, Opfer von körperlicher und seelischer Gewalt und von sexuellem Missbrauch. Sie versuchen, ihre Traumas durch die handwerklichen und künstlerischen Tätigkeiten zu überwinden. «Die Jugendlichen sind vor allem im Nähen sehr geschickt», erzählte Rolando, der in Tres Soles aufgewachsen ist und Veterinärmedizin studiert. Er ist verantwortlich für die Nähwerkstatt, wo Taschen, Rucksäcke und eine Menge anderer Artikel hergestellt werden, um zum Unterhalt der Wohngemeinschaft beizusteuern.

Diejenigen, die über 18 sind, siedeln ins Studenten- und Lehrlingsheim Luis Espinal über, eine weitere Etappe des Sozialwerkes. Die jungen Menschen bekommen dort ein Stipendium, mit dem sie einen Beruf erlernen oder studieren können. Gurtner erzählt, dass der Psychologe und der Schreiner, die in Tres Soles arbeiten, früher Kinder der Wohngemeinschaft waren, «andere sind von Beruf Schauspieler im Teatro de los Andes geworden, alle lernen auf verschiedene Arten und Weisen einen Beruf, das ist unser Prinzip.»

Trotz vieler Rückschläge und Herausforderungen, unter ihnen das völlige Fehlen staatlicher Unterstützung, arbeitet Tres Soles mit dem Jugendamt und mit den Provinzbehörden zusammen. Hilfe bekommt Tres Soles von dieser Seite nur wenig oder überhaupt nicht. «Wir möchten vor allem in der Qualität wachsen. Wenn das Projekt vergrössert werden könnte, würden wir gern wieder direkter mit Strassenkindern arbeiten.»

Das Projekt, das die Freiwilligen aus Deutschland unterstützen, war am Anfang sehr klein, aber mit der Zeit wuchs es. «Wir suchen immer wieder neue Formen, um das nötige Geld für das Werk aufzubringen», erklärte Keller. «Wir hatten die Idee, gebrauchte Gegenstände, Kleider, Möbel, Bücher und Haushaltsgeräte zu sammeln und zu verkaufen, um zu Mittel zu kommen.» In 20 Jahren Arbeit wurden 45 Flohmärkte organisiert, über 70 Menschen halfen mit, die Stände aufzubauen und die Waren zu transportieren und zu verkaufen. Keller berichtete auch, dass die Flohmärkte zweimal pro Jahr veranstaltet werden, «wo die Leute auch kaufen; aber anderswo an anderen Stellen Geld zu bekommen, ist sehr schwierig. Auch wird Geld bei Hochzeiten, Beerdigungen und verschiedenen Festen gesammelt. Anstatt Blumen oder Geschenken gibt man eine Spende für Tres Soles. Das alles wird in Deutschland und in einigen Nachbarländern gemacht.

Über Bolivien erfuhren sie dank der Bücher, die Stefan Gurtner, der Gründer der Wohngemeinschaft, geschrieben hat und wo die Geschichten von diesen verlassenen und verstossenen Kindern erzählt werden. Keller, Claudia Herzner, Karin Geier, Angelika Ress, Heike Dentler und Anja Bruckmeir verbrachten mehrere Tage mit den Jungen und Mädchen. Wie die Vorsitzende des Eine-Welt-Kreises erzählte, hatte sie seit Beginn der Arbeit den Wunsch, nach Bolivien zu kommen, aber andere Aktivitäten verhinderten die Reise immer wieder. «Jetzt, wo ich pensioniert bin, habe ich es endlich geschafft. Ich durfte feststellen, dass das hier sehr offene Kinder sind, dass sie sich hier wohl fühlen; das ist es, was wir suchen, dass die täglichen Bemühungen, die wir in Deutschland leisten, Früchte tragen», sagte sie am Ende des Besuches. «Wir wissen um die Erfolge und auch um die Schwierigkeiten. Nicht immer klappt alles, es gibt täglich Probleme, aber es ist gut zu wissen, dass man sie lösen kann.»

Tres Soles begann die Arbeit vor 22 Jahren in El Alto, in der Nähe von La Paz. Stefan Gurtner, ein deutschsprachiger Schweizer, gründete das Werk für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche. Schon bald entwickelte sich besonders eine erzieherische Tätigkeit, nämlich das Theater, zu einem der Hauptpfeiler der Arbeit mit den Jungen und Mädchen. Die projekteigene Theatergruppe Ojo Morado spielte Stücke, geschrieben von Gurtner, oder Umarbeitungen von Klassikern wie «Der kleine Prinz» oder «Der Kinderkreuzzug.» Die Gruppe nahm an verschiedenen Festivals teil, wo sie wegen der Kraft und Energie, welche die Inszenierungen ausstrahlten, tief berührten. Ende der 90er-Jahre entschied Gurtner wegen gesundheitlicher Probleme nach Cochabamba umzuziehen: «Die Kinder sagten mir, dass sie mit mir dorthin gingen, wo ich mich besser fühlen würde.» So fand die Gruppe in Chojñacollo, drei Kilometer von Quillacollo entfernt, ein neues Zuhause. Schnell schlug sie dort Wurzeln und entwickelte sich weiter.

STEFAN GURTNER

Stefan Gurtner ist im Saanenland aufgewachsen und lebt seit 1987 in Bolivien in Südamerika, wo er mit Strassenkindern arbeitet. In loser Folge schreibt er im «Anzeiger von Saanen» über das Leben mit den Jugendlichen. Wer mehr über seine Arbeit erfahren oder diese finanziell unterstützen möchte, kann sich beim Verein Tres Soles, Walter Köhli, Seeblickstrasse 29, 9037 Speicherschwendi, E-Mail: walterkoehli@ bluewin.ch erkundigen. Spenden: Tres Soles, 1660 Château-d’Oex, Kto.-Nr. 17-16727-4. www.tres-soles.de

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