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RANDNOTIZ

Fr, 08. Jan. 2021

Wir sind doch auch bloss Menschen

JENNY STERCHI

Wer kennt sie nicht, die herausfordernde Situation, wenn das Gegenüber durch schwere Zeiten geht und wir daneben stehen, nach den richtigen Worten suchen, hin und her überlegen, ob eine Umarmung unangebracht wäre oder eben einfach daneben stehen bleiben. Und hoffen, dass dieser unangenehme Moment nicht so lange dauern möge. Wir Menschen sind hoch entwickelte Wesen, die den Anspruch haben, richtig zu handeln. Mit der Tatsache, dass es nicht in jedem Fall ein «Richtig» und «Falsch» gibt, tue jedenfalls ich mich schwer. Aus Angst, völlig verkehrt zu reagieren, mache ich einfach nichts, harre aus. Ich kann ein Auto starten und fahren, kann den Computer im Rahmen meiner Möglichkeiten bedienen, kenne mich mit meinem Smartphone aus. (Wobei dessen Allmacht mit diversen Social-Media-Diensten dieser Tage schweren Schaden genommen hat.) Aber vielleicht ist das genau der Punkt. Ich bin so selbstbestimmt und derart eigenständig, dass mir die eigentlich angeborenen empathischen Fähigkeiten verloren zu gehen drohen. Der Ohnmacht meiner Mitmenschen zu begegnen, löst aufgrund abhandengekommener Verhaltensweisen bei mir ganz offensichtlich auch eine Ohnmacht aus. Und dann lese ich von empirischer Forschung, welche die bis anhin den Tieren abgesprochenen emotionalen Fähigkeiten heute bestätigt. Demnach beruhigen Elefanten aufgebrachte Herdenmitglieder nach verlorener Auseinandersetzung mit dem Rüssel, Affen nehmen mit einem Totenkult Abschied von ihren verstorbenen Artgenossen und das lebenslange Gedächtnis des Delfins erlaubt ihm, Allianzen mit ihm zugetanen Lebewesen einzugehen. Zunächst frustrierende Informationen! Aber vielleicht liegt in genau diesen empathischen Mustern die Lösung. Telefon zur Seite legen, Computer abstellen und stattdessen hören, was das Gegenüber sagt. Herausfinden, wie es ihm geht. Mich vom Bauchgefühl leiten lassen, wenn ich reagiere, zu selten genutzte Umgangsformen wieder aktivieren.

Also werde ich auf der Suche nach den richtigen Worten das Risiko eingehen müssen, auch mal falsch zu liegen. Für Umarmungen bin ich wohl eher nicht vorgesehen, aber eine Hand auf des anderen Schulter hat mitunter den gleichen Effekt. Die schwierigen Momente, von denen ich eingangs sprach, sollen nach wie vor lieber nicht zu lange dauern. Aber ich kann mich darin bewegen, denn die ureigenen Fähigkeiten dafür stecken in mir.

jenny.sterchi@anzeigervonsaanen.ch

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