Hundekot: nicht so gefährlich wie sein Ruf

Fr, 28. Jun. 2019
68’000 Hunde leben im Kanton Bern. Das gibt täglich viele Häufchen. FOTO: ADOBE STOCK

Hundekot verschmutzt Gras, das Grundnahrungsmittel der Kühe. Eigentlich gibt es entlang der beliebten Wanderwege genügend Abfallkübel, trotzdem bleibt Kot am Wegrand und im Feld liegen. Eine Spurensuche.

BLANCA BURRI
Alleine im Kanton Bern leben 68’000 Hunde, welche täglich ihr Geschäft verrichten. Bekanntlich tun sie das (noch) nicht auf dem Klo, sondern draussen in der Natur. Jeder verantwortungsvolle Hundehalter entsorgt den Kot fachgerecht. Und doch liegen entlang der Wanderwege und in den angrenzenden Kuhweiden zu oft unappetitliche Häufchen. In der Hochsaison öfter als in der Nebensaison. Wie gefährlich ist der Kot für Weidetiere und wie gehen die Behörden mit dem Thema um?

Verunreinigung ist grösstes Problem
Hundekot beeinträchtigt die Landwirtschaft auf zwei Arten. Erstens kann er mit dem Krankheitserreger Neospora Caninum kontaminiert sein. Zweitens verunreinigt er das Futter von Weidetieren. Tierarzt Felix Neff: «Die Verunreinigung ist das grössere Problem als die Kontaminierung, dadurch erleiden die Landwirte einen Futterverlust.» Das geschieht, weil die Kühe, wenn immer möglich, das verschmutzte Gras nicht fressen. «Im Weideland sparen sie das Futter rund um jeglichen Kot aus, egal ob eigener oder fremder», erklärt Neff. Und folglich komme es dort selten zur Ansteckung durch den Parasiten. Am schlimmsten sei es, wenn das Gras gemäht und den Kühen im Stall verfüttert werde. «Erstens wird durch die mechanische Umwälzung und den Ortswechsel eine grosse Menge Gras verschmutzt, zweitens ist es für die Kühe schwieriger, verunreinigtes Futter auszusortieren. «Da die Technik des Eingrasens im Saanenland fast nie praktiziert wird, ist es für die Gegend aber nicht relevant», beruhigt der Veterinär.

Krankheitserreger verursacht Aborte
Und trotzdem lohnt es sich, die Krankheit näher anzusehen. Infizierte Hunde scheiden über ihren Kot den Krankheitserreger Neospora Caninum aus, es handelt sich dabei um einen einzelligen Parasiten, der bei Rindern und Kühen Aborte verursachen kann. Während rund drei Wochen geben infizierte Hunde die Parasiteneier wie oben erwähnt ab und stecken damit Zwischenwirte wie Rinder, Schafe, Ziegen, Pferde, Füchse und wiederum Hunde an. Im Zwischenwirt kommt es zum Befall von Organen und von der Plazenta, was zum Abort führen kann. Tierarzt Felix Neff: «Oftmals ist es schwierig nachzuweisen, was einen Abort ausgelöst hat.» Zwar werden die Fehlgeburten von Amtes wegen auf Tierseuchen untersucht, darin ist der Nachweis von Neospora Caninum aber nicht enthalten. «Wir vermuten bei 10 Prozent der Aborte, dass Hundekot direkten Einfluss hatte.» Neben der Übertragung durch den Endwirt ist auch eine vertikale Übertragung möglich, die Neff als gravierend bezeichnet. «Nicht alle infizierte Kühe abortieren. Die Kälber werden im Mutterleib angesteckt und tragen den Krankheitserreger in der Folge in sich und geben ihn womöglich auch an ihre Nachkommen weiter. Bei einer Immunschwäche kann es bei betroffenen Kühen zu Aborten kommen.

Grösstes Problem ist der Hofhund
Der Tierarzt zeigt eine weitere Facette der Krankheitsübertragung auf: «Grösstes Problem ist meist der Hofhund.» Wenn er sich an einer Nachgeburt genüsslich tut, nimmt er den Krankheitserreger auf und so schliesst sich der Kreis. Der Hund ist bekanntlich Endwirt und scheidet in der Folge wiederum Eier des Neospora Caninum aus. Deshalb empfiehlt Felix Neff: «Der eigene Hofhund sollte keine Nachgeburten oder ähnliches fressen und auch nicht ins Viehfutter koten, erst dann kann der Zyklus unterbrochen werden.»

Ein weiters Problem ist der Hundebandwurm. Da die Tiere in der Schweiz regelmässig entwurmt werden, ist er selten anzutreffen. «Bei der Fleischschau stelle ich die Auswirkungen vom Hundebandwurm sehr selten fest», erzählt Neff.

Hundekot auflesen
«Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Rindvieh im Saanenland durch Hundekot ansteckt, ist recht gering», fasst Felix Neff zusammen. Trotzdem gilt es, die Häufchen aufzulesen. So ist es auch im Hundegesetz des Kantons Bern verankert: «Wer einen Hund ausführt, hat dessen Kot zu beseitigen.» Die Kantonspolizei ist dazu berechtigt, Ordnungsbussen in der Höhe von 150 Franken zu erteilen. In der Realität wird das im Bergtal aber selten gemacht. In der Prioritätenliste liege das Büssen von Hundehaltern nicht an oberster Stelle, sagte ein Polizist auf telefonische Anfrage. Christoph Bach, Präsident der Landwirtschaftlichen Vereinigung, hat fehlerhafte Hundehalter bereits zur Rede gestellt und damit Erfolg gehabt. «Wichtig ist es, den richtigen Tonfall zu wählen und anständig zu bleiben, dann kann man in der Regel viel erreichen.»

Gemeinde und Tourismus
Die Gemeinde Saanen und Gstaad Saanenland Tourismus (GST) steuern das ihrige zu sauberen Strassen bei. Die Gemeinde ist im Sommer für die Wanderwege, GST im Winter für die Winterwanderwege verantwortlich. Als Prävention informiert die Gemeinde die Hundehalter bei der Anmeldung ihres Hundes über die hiesigen Gesetze. Zudem stellt sie die sogenannten Robidogs, Abfallkübel speziell für Hundekot, auf und unterhält diese. «Die Wegmeister und der Ordnungsdienst machen Hundehalter zudem auf ihr Fehlverhalten aufmerksam», informiert die Gemeinde Saanen.

Auch dem Tourismus liegen saubere Winterwanderwege am Herzen. Je nach Wetter – bei Schneefall sind Hundehäufchen schwer zu finden – lesen die Wegmeister täglich Hundekot auf. «In den letzten Jahren hat sich das Problem nicht verschärft», erklärt Andrea Riggenbach, GST-Geschäftsführerin ad interim. Wenn eine Tendenz ablesbar sei, dann eher eine leichte Entspannung. Vielleicht auch dank der Aufforderungsschilder, die jeweils bei den Winterwanderwegen platziert sind.

«Im Grossen und Ganzen halten sich die Hundehalter an die Regeln», lobt Christoph Bach. Vor allem auf wenig begangenen Wanderwegen sei das Problem der Verschmutzung gering. Er kann sich aber vorstellen, dass es entlang von beliebten Spazierwegen anders ist. Was er nicht verstehen kann, sind rote Robidog-Säckchen, die am Wegrand liegen oder an den Weidezaun gebunden sind. Deshalb bittet er alle Hundehalter, den Kot mitzunehmen und zu entsorgen.

Hunde jagen gerne
Ein anderes Problem beschäftigt die Landwirte ebenso stark wie liegengelassener Hundekot: der Jagdtrieb der Hunde. Felix Neff hört regelmässig von Rindern und Kälbern, die von Hunden gejagt wurden. «Gerade Kälber verletzen sich bei solchen Hetzaktionen oft», weiss er. Christoph Bach, Präsident der Landwirtschaftlichen Vereinigung, pflichtet ihm bei: «Wenn das Vieh auf der Weide ist, gehören Hunde an die Leine.» Der Tierarzt ergänzt: «Viele Hundehalter können sich nicht vorstellen, dass ihre Vierbeiner jagen, bis es soweit ist.

«Bitte nicht baden»
Ein Tabuthema für Hunde sind die Brunnen auf den Alpen. «Im Brunnen lagert das Trinkwasser unserer Kühe», begründet Christoph Bach. Sobald ein Hund sich darin abkühlt, ist das Wasser verschmutzt. «Die Hundehaare und jeder weitere Schmutz – wir wissen ja nicht, wo der Hund überall war – sind unhygienisch», erklärt der Landwirt. Im Anschluss müsse der Brunnen geleert, gereinigt und frisch gefüllt werden. «Letztes Jahr war die Situation besonders prekär, als eine grosse Wasserknappheit herrschte.» Deshalb bittet Bach die Hundehalter und ihre Vierbeiner: «Bitte nicht baden.»


KOMMENTAR

Und trotzdem

Hunde gehören zu Menschen wieKinder zu ihren Eltern. Als Arbeitskräfte tun die Vierbeiner ihren Dienst in Spitälern und auf Alpweiden. Sie hören zu, trösten und teilen Freud und Leid. Sie ersetzen damit mancherorts den Psychologen. Trotzdem oder gerade deshalb ist es wichtig, dass wir uns um sie kümmern. Und dazu gehört nun mal das Entsorgen des Kots. Ungeachtet, ob Kot Krankheitserreger überträgt oder Futtermittel verschmutzt: Hundekot gehört weder an den Strassenrand noch in die blühende Wiese. Stellen Sie sich die Kleinkinder vor, welche am Wegrand spielen und dabei tausend Steine aufheben, Tannzapfen und Schneckenhäuser sammeln und mit einem Stöckchen in der Erde stochern. Wie unangenehm für die Erziehungsberechtigten, wenn sie alle paar Meter ihre Dreikäsehochs zu sich rufen und vor Hundekot warnen müssen. Wer bereits einmal in Hundekot getreten ist, weiss genau, dass die klebrige Masse und der eindringliche Gestank kaum mehr von der Schuhsohle wegzukriegen ist. Deshalb lautet die Devise: Säckchen raus, Hundekot rein und nein, nicht in den Wald schmeissen, sondern im Mülleimer entsorgen.

BLANCA BURRI


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Kommentare

Was genau ist hier „nicht so schlimm“, wie im Titel zu lesen ist? Dieser ist meiner Ansicht nach höchst irreführend. Verschiedene Inhalte weisen auf grosse Probleme hin, nicht zuletzt die 10% der Aborte, welche wohl auf Hundekot zurückzuführen sind. Dinge nicht beim Namen nennen und herunterspielen, nur damit sich ja niemand angegriffen fühlt - führt das zu Besserung?

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