Der Rahmen

Fr, 05. Okt. 2018

Was wäre das Vorderrad ohne das Hinterrad? Die Pedale ohne die Kette? Oder die Speichen ohne die Felgen? Jedes Teil eines Velos ist auf die anderen Teile angewiesen. Jedes Teil ist wichtig, und keines muss sich wichtiger machen als das andere. Aber nur in der Verbundenheit miteinander kann ein fahrbares Velo entstehen. Nur wenn der Rahmen alle Teile miteinander verbindet, entsteht etwas Sinnvolles. Nur wenn der Rahmen die Beziehung zwischen den einzelnen Teilen sicherstellt, kann etwas entstehen, das Freude macht. Der Rahmen ist darum so etwas wie der Sinnstifter des Velos. Er sorgt dafür, dass man mit all den vielen einzelnen Teilen Velo fahren kann. Selber unbeweglich, macht der Rahmen Bewegung möglich. Trotzdem ist er nicht wichtiger als all die anderen Teile. Denn auch der Rahmen ist auf all die anderen Teile angewiesen. Und obwohl der Rahmen als Sinnstifter des Velos bezeichnet werden kann, käme es keinem Velofahrer in den Sinn, den Rahmen «ehrfurchtsvoller» zu behandeln als die anderen Teile und nur ihn zu «schmieren».

Der römische Kaiser Augustus prägte den Begriff: «Primus inter pares» – «Erster unter Gleichen». Diese Bezeichnung könnte auch zum Rahmen passen. Ein «Primus inter pares» hat dieselben Rechte und Pflichten wie alle anderen auch, ist mit keinen Privilegien ausgestattet und bekommt auch keine zusätzlichen «Boni». Trotzdem übernimmt der «Primus inter pares» grössere Verantwortung als die anderen und sorgt für den Zusammenhalt und für die Verbundenheit untereinander, damit alle am Erfolg teilhaben können. Erst diese Verbundenheit macht aus all den verschiedenen Einzelteilen und -teilchen etwas Sinnvolles. Und darin liegt sogar ein Hinweis auf den Sinn des Lebens verborgen. Denn es ist Verbundenheit mit anderen Menschen, die dem Leben am meisten Sinn schenkt. Es ist zwar wichtig, sich seiner selbst bewusst zu sein, zu wissen, wer man ist, welche Stärken und Schwächen, Vorlieben und Abneigungen man hat, aber dieses Wissen allein ist nicht der Schlüssel zum erfüllten Leben. Erfülltes Leben braucht mehr. Es braucht die Verbundenheit mit anderem Leben. Erfülltes Menschsein bedingt die Beziehung zu anderen Menschen. Diese Verbundenheit zu anderen Menschen ist ein seelisches Grundbedürfnis, das nicht übers Handy und nicht in der Onlinewelt gestillt werden kann. Denn die Verbundenheit, die erfülltes Leben schenkt, basiert auf drei Säulen: «Vertrauen», «Verlässlichkeit» und «Verantwortung». Und diese drei Säulen tragen nur, wenn sie mit anderen Menschen zusammen gelebt werden.

Der Sinn des Lebens ist etwas, das keiner genau weiss. Jedenfalls hat es wenig Sinn, der reichste Mann auf dem Friedhof zu sein, sagt der Schauspieler Peter Ustinov. Das, worauf es ankommt, erklärt der Urwalddoktor Albert Schweitzer in einem Satz: Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen. Auch neuste wissenschaftliche Studien bestätigen, dass die liebevolle und achtsame Verbundenheit mit andern Menschen der wichtigste Schlüssel zu erfülltem Leben ist.

Damit das Velofahren aber zum Genuss werden kann, genügt es nicht, wenn der Rahmen nur die einzelnen Veloteile – die grossen und die kleinen – miteinander verbindet, sondern der Rahmen muss für die jeweiligen Benutzer auch noch die richtige Rahmengrösse haben. Denn wenn die Rahmengrösse nicht stimmt, fühlt man sich nie ganz wohl auf dem Velo. Die Rahmengrösse, die zu einem passt, kann man zu Hause mit Hilfe eines Messbands (Schrittlänge und Körpergrösse) und anhand von Formeln berechnen. Doch das allein genügt nicht. Denn ob Fahrer und Velo wirklich ein ideales Paar bilden können, kann man nur im Fachgeschäft und in Zusammenarbeit mit Fachleuten feststellen.

Auch zwischenmenschliche Beziehungen und Freundschaften können nicht einfach berechnet werden. Im Alltag gilt darum das, was der Dichter Carl Spitteler geschrieben hat: Menschen zu finden, die mit uns fühlen und empfinden, ist wohl das schönste Glück auf Erden. Und für den Kauf eines Velos heisst das Zitat: Ein Velo zu finden, auf dem man sich rundum wohl fühlt, verspricht wohl die schönsten Velotouren auf Erden.

ROBERT SCHNEITER

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