Wandergrüsse aus Chile
04.02.2020 SerieMartina Haller und Ivo Paroni aus Saanen sind im Abenteuerfieber. Sie starteten am 9. November im chilenischen Santiago und wandern südwärts. Die Route führt entlang des Greater Patagonian Trails. Bisher sind sie 1187km gewandert und haben 51’763 Höhenmeter zurückgelegt. Einmal pro Monat melden sie sich beim «Anzeiger von Saanen» per Whatsapp-Nachricht (siehe auch Ausgabe vom 6. und 31. Dezember). Heute erzählen sie von Missgeschicken und Wanderschuhen.
Lost and Found
«Bereits am ersten Tag habe ich mein Sackmesser liegen gelassen!», erzählt Ivo Paroni. «Das darf man als Schweizer fast nicht zugeben, aber es ist so!», lacht Martina Haller. Die beiden haben gut lachen, denn in Chile ist der Verlust eines Messers nicht so tragisch. «Dort kennt man die Victorinox-Sackmesser besser als Schweizer Schokolade», sagt Haller. Kurz nach dem Verlust konnte sich Paroni ein neues Messer besorgen. Neugierig blieb er, wenn er die wunderschönen Ledergürtel mit den Messeretuis der «arrieros», Bauern Chiles, beäugte. «Ich fragte mich immer, was für ein wunderschönes, handgemachtes Messer sich wohl darin befindet.» Inzwischen ist das Geheimnis gelüftet: Alle tragen ein Schweizer Sackmesser der Marke Victorinox bei sich. Sogar die Jüngsten arbeiten damit: Beim Schafscheren dürfen die Kinder die Schwänzchen der Tiere mit einem frisch geschliffenen Victorinox-Messer scheren.
Found and Lost
Wie so oft war wieder einmal «bush bashing» (sich durch verbuschte Teile kämpfen) angesagt. «Am besten ginge dies mit einer Machete, aber die mögen wir nicht mitschleppen, wir haben halt unser Victorinox-Messer», meint der Wanderführer augenzwinkernd. Also sassen die beiden wieder einmal im Bambus-Unterholz und kämpften sich tapfer durch. «Dabei fiel mir wohl die Sonnenbrille unbemerkt aus dem Rucksack. Weg war sie», erinnert sich Haller. Der Clou daran: «Ivo hatte eine Stunde vorher im Nirgendwo eine Sonnenbrille gefunden und sie mitgenommen.» «Eigentlich hatte Martina gar keine Freude daran, dass ich sie den ganzen Weg mitschleppe.» «Stimmt! Und wir haben gewitzelt, ob sie uns einmal als ‹Bestechnungsgeld› oder Geschenk dienen würde.» (Die beiden lachen ausgelassen.) «Und bereits eine Stunde später jammerte Martina, dass sie keine Sonnenbrille mehr habe», stichelt Paroni. Inzwischen verfügt Martina über ein «krass modisches» Modell und hofft, dass Ivo kein Foto von ihr macht, wenn sie sie trägt.
Unerwartetes Silvestergeschenk
Kurz bevor das Paar seinen Schlafplatz an Silvesterabend erreichte, fand es drei grosse, weisse Champignons. «Wir konnten unser Glück gar nicht richtig fassen, denn wir hatten für Silvester nichts Spezielles mitgenommen. Eine Flasche Wein war uns angesichts der Länge der Etappe viel zu schwer.» Die frische Champignonsuppe habe doppelt lecker geschmeckt. «Das war wie ein Geschenk des Himmels», schwärmt der Abenteurer.
Zusatzschlaufe
Von der Pilzsuppe berauscht, vergass Martina Haller am nächsten Tag die leichten, sandalenähnlichen Schuhe, die sie zum Überqueren von Flüssen benutzt. Nach zweieinhalb Kilometern Wanderzeit erst bemerkte sie den Verlust. Da diese Schuhe das Einzige der ganzen Ausrüstung war, das noch nicht kaputt war, kehrte sie kurzerhand um, und holte sie. «Ich wartete und genoss die Aussicht», meint Ivo Paroni schadenfreudig. Wie angedeutet, litt das Material während der Reise stark. Somit ist Martina fast jeden Abend mit Nähen beschäftigt. Für die Wanderschuhe braucht sie aber einen Spezialisten.
Wanderschuhe à gogo
In einem grösseren Ort brachte Martina ihre Wanderschuhe zu einem Schuhmacher. «Er hat unglaublich gute Arbeit geleistet und gerade mal 2 Franken 70 verlangt.» Das habe sie mit gutem Gewissen aufgerundet, denn Ivo gebe für seine Schuhe deutlich mehr aus. Seine ersten Wanderschuhe, aus der Schweiz mitgebracht, war eine «superteure Marke». Durch die kleinen Lüftungslöcher des Schuhs aber drang feiner Vulkanstaub ein und sammelte sich zwischen Aussen- und Innenschuh. «Die Schuhe wurden bleischwer und drückten auf meine Zehen», ärgert sich Paroni. Bereits nach rund 300 Kilometern musste er also neue Schuhe besorgen. «Das war ein schwieriges Unterfangen, weil die meisten Chilenen klein sind und Schuhe bis Grösse 42 tragen. Ich aber Grösse 46!» Schliesslich fand er einen günstigen Restposten der Marke Lotto. Nach nur 200 Kilometer waren diese wiederum total zerfleddert. In einem grösseren Ort fand er schliesslich einen Schweizer Wanderschuh der Marke Mammut. Der letzte Sturm, als sie komplett nass wurden, hat ihnen oder Paronis Füssen nicht gut getan. Die Schuhe drücken. «Jetzt unterstütze ich die Schuhindustrie halt wieder.»
Regenwald, Moor, Wüste
Im Januar wanderten die beiden von Laguna de la Laja bis Lago Villarrica. Sie erlebten viele Extreme. Sie wanderten durch vulkanisches Gelände, Regenwald, heisse Wüste und Sumpfgebiet. Sie hatten dabei oft wunderschönes Wetter. Nur einmal sind sie von einem unglaublichen Sturm überrascht worden. «Wir mussten die Etappe früher beenden als geplant. Zeit also, um alles zu trocknen – und um neue Schuhe zu kaufen.» Nun folgt eine Etappe, die schwieriger zu planen ist. Es wird öfter regnen und somit müssen die beiden länger auf Schönwetterfenster warten. Die Abenteurer lenken sich mit einem Alternativprogramm wie Fallschirmspringen ab.
PD/BLANCA BURRI







