Veröffentlichung stösst auf viel Unverständnis

Di, 14. Jul. 2020

Seit dem 6. Juli veröffentlicht der Kanton Bern die neuen Coronafälle pro Gemeinden. Das stösst im Saanenland fast überall auf Kritik.

BLANCA BURRI
«Ich sehe den Sinn dahinter nicht, weshalb die Wohnorte der neuen Corona-Fälle bekannt gegeben werden», sagt Toni von Grünigen, Gemeindepräsident von Saanen. Er vergleicht diese Methode mit der Bekanntgabe pro Land. Wenn die Fälle drastisch steigen, könnten konkrete Massnahmen ergriffen oder auch die Grenzen geschlossen werden, erklärt von Grünigen. Dies auf Gemeinden umzumünzen sei aber unmöglich, denn eine Gemeinde sei viel zu kleinräumig.

«Die Bekanntgabe vermittelt zudem eine falsche Sicherheit», ist Toni von Grünigen überzeugt. Wenn in der Gemeinde niemand betroffen sei, werde man unvorsichtiger und somit könne sich das Virus viel schneller ausbreiten. Auf der anderen Seite werde bei einem oder mehreren Covid-Betroffenen eine falsche Angst geschürt. «Die Leute werden verunsichert.» Das sieht auch Tourismusdirektor Flurin Riedi so: «Es besteht die Gefahr, dass die Statistik bei einer gewissen Anzahl Fälle medial ausgeschlachtet wird und ein schlechtes Licht auf die Tourismusregion wirft.» Dass der Tourismuskanton Bern sich für die Veröffentlichung entschieden hat, ist für ihn deshalb absolut nicht nachvollziehbar.

Auch die Gemeinde Lauenen sieht keinen Sinn in der Veröffentlichung, wie Gemeindeverwalter Hansueli Perreten sagt. Einen grösseren Nutzen gesteht er der Tracing-App zu. Zusätzlich appelliert er an die Eigenverantwortung und die Verantwortung der Eventorganisatoren.

Pro und Kontra
Markus Willen, Gemeindepräsident von Gsteig, hat eine etwas andere Haltung: «Als Leitungsorgan wäre ich froh, wenn wenigstens die Gemeinden über neue Fälle informiert würden, das war bisher nicht der Fall.» Er bezieht sich auf eine Situation im Frühling, als sich Gerüchte über einen in Gsteig bestätigten Fall verbreiteten. Dieser stellte sich als wahr heraus. «Wir müssen reagieren können, wenn es plötzlich eine Anhäufung von Fällen gibt», begründet er. Sicher sei, dass man momentan nirgends auf der Welt vor Covid-19 sicher sei und sich überall vorsichtig verhalten müsse. Er weist auf ein weiteres Problem hin: «Es gibt viel mehr unerkannte Corona-Erkrankungen, als wir glauben, deshalb ist die Liste auch gar nicht so aussagekräftig.» Natürlich könnten (zu) viele Covid-Fälle dem Tourismus schaden, doch sei es viel schädlicher, ein so wichtiges Thema totzuschweigen, als darüber zu sprechen oder noch schlimmer, Ort eines Superspreads zu werden.

Sich zur Wehr setzen
Im Moment prüfen die Gemeinde Saanen wie auch Gstaad Saanenland Tourismus, wie sie gegen die Veröffentlichung vorgehen können. Toni von Grünigen: «Wir beraten, ob wir direkt bei der Gesundheitsdirektion oder über den Gemeindeverband reagieren werden.»

Postleitzahl ist ausschlaggebend
Bei der Veröffentlichung des Wohnorts des Infizierten ist die Postleitzahl ausschlaggebend, was bedeutet, dass erkrankte Touristinnen und Touristen nicht auf die Liste gelangen.

Coronavirus Kanton Bern: www.tinyurl.com/y8ry7g7e

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Kommentare

Die Publikation der Wohngemeinde positiv getesteter Personen ist kein zuverlässiges Instrument, um die Ausbreitung zu verhindern bzw. zu verlangsamen. Viren kennen weder Gemeinde-, noch Kantons- oder Landesgrenzen, sondern sie zirkulieren global - dies dürfte zwischenzeitlich wohl auch unabhängig von der Berner Fall-Liste ins allgemeine Bewusstsein gerückt sein. Wesentlich geeigneter für die Sensibilisierung der Bevölkerung und die Implementierung der nötigen Massnahmen durch die zuständigen Behörden wäre hingegen die Kenntnis der häufigsten Ansteckungsorte/regionen und -kontexte. Diese müssen - in Anbetracht der ausgeprägten beruflichen und privaten Mobilität weiter Bevölkerungsgruppen - keineswegs deckungsgleich mit den Wohnorten der positiv getesten Personen sein.
Die Gerüchteküche brodelt Was ist weniger schädigend: Kommunizieren, Tatsachen offenlegen, erklären und die Nachricht verdauen, oder Stillschweigen, Unsicherheit schüren, wie bisher? Dafür pfeifen es die Vögel von den Dächern, dass man sich in Gstaad, trotz BAG Auflagen, mancherorts um die Lockdown Massnahmen foutierte und angeblich als Ursprungsort von über 300 Infizierte Ischgl fast die traurige Reputation streitig gemacht hätte? Das Gerücht verschwindet nicht so schnell. Wie bekämpft man das jetzt, wenn vielleicht nicht so ganz falsch? Oder doch nicht?

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