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Kunst für Herz und Seele

Di, 19. Jan. 2021
Liebt sie ihn und gibt ihm Geborgenheit inmitten all den Haarumschlingungen oder wird er eher erstickt? Auch die scheinenden Augen als Fenster zur Seele faszinieren, daneben die Stoffkreation «Night and Day». Werke: «The couple», «Eyes», «Night and Day» ©The Easton Foundation/2020, ProLitteris, Zürich 2020. FOTO: ZVG

«The Heart Has Its Reasons»: Die Ausstellung von Louise Bourgeois’ Werken im Tarmak22 kann glücklicherweise ganz covidkonform auch online besucht werden. Es geht aber nichts über das reelle Erleben von Kunst.

SONJA WOLF
Seit gestern Montag sind nun also auch die Läden des nichttäglichen Bedarfs geschlossen. Darunter fallen auch die Galerien. Kunst braucht man anscheinend «nicht täglich». Der deutsche Begriff erscheint dabei etwas weniger wertend als das französische Pendant «non essentiel».

Das wirft die grundsätzliche Frage auf: Brauchen wir Kunst überhaupt? «Natürlich», findet James Koch, Partner und Geschäftsleiter der Galerie Hauser&Wirth, bei meinem Besuch kurz vor dem Bundesratsentscheid. «Kunst ist Nahrung für die Seele.» Auch ich bin geneigt zuzustimmen. Ist doch mein Geist für eine wundervoll fröhliche Stunde abgelenkt worden von Reproduktionszahlen, Impfdiskussionen und Beschränkungen auf das alltäglich Nötige. Vorgedrungen in andere Welten. Neugierig geworden, mehr zu erfahren über die einzelnen Ausstellungsstücke. Meine Augen haben einfach Schönes gesehen. Ein durchaus beruhigendes Gefühl.

Die Meisterin der Vielseitigkeit
Es gibt aber auch viel zu entdecken im Tarmak22, wo Hauser&Wirth seit dem 19. Dezember eine der renommiertesten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts ausstellt: Louise Bourgeois. Der Besucher findet dort Skulpturen aus Bronze, Aluminium, Stahl – hängend und stehend –, ebenso wie zweidimensionale Kunstwerke aus Stoffen, Tischläufern und Aquarellfarben. Werke aus über 50 Jahren ihres Schaffens.

Laut James Koch sind Bourgois Arbeiten «berührend oder auch ‹tough›. Jeder Besucher entwickelt seine eigene Geschichte, sein eigenes Gefühl, seine eigene Interpretation zu ihren Werken.» Die Motive jedenfalls sind einerseits geprägt von ihrer schwierigen Beziehung zum Vater, andererseits geht es insgesamt in ihrem Werk immer wieder um die Themen Nähe und Beziehung, Liebe und Erotik.

Mein Lieblingsstück
Und da steht es auch schon: Mein heimliches Lieblingsstück der Ausstellung: «The couple». In inniger Umarmung hängen da Mann und Frau, die Haare der Frau in zahlreichen Windungen um den Mann geschlungen. «Fühlt er sich da eher geborgen oder erstickt?», geht es mir durch den Sinn. Der Kopf der Frau wirkt aus manchen Perspektiven gesehen jedenfalls fast wie ein zubeissender Schlangenkopf …

Und wieder doppelsinnig
Genauso ambigue finde ich «In and Out». Vier Füsse in einem Bett. Von der Stellung der Füsse her scheint es sich um ein Paar zu handeln, das sich gerade sehr nahe ist. Nähe, Erotik, Sexualität. Aber die Füsse und «Beine» enden nicht etwa in sich umschlingenden Körpern, nein, sie enden in einem nüchternen Kasten! Jetzt verstehe ich, was James Koch mit «berührend und ‹tough› zugleich» meinte. Ist das jetzt pures Vergnügen oder eine weniger vergnügliche Angelegenheit?

Fenster zur Seele
Mit einem leichten Schaudern und doch wohlig beeindruckt wende ich mich den «Eyes» zu. Auch die Augen sind ein durchgängiges Motiv in Bourgeois' Werk: Die Augen als Fenster zur Seele. Die Lampen können mehreres bedeuten: Das Innere scheint nach aussen. Oder es stellt ein erotisches Element dar: Eine Begegnung zwischen zwei Personen, die eine Person strahlt die andere an! Eine Skulptur, die auch outdoor stehen kann. Fasziniert stelle ich mir die scheinenden Augen schneeumhüllt in einer dunklen kalten Winternacht vor.

Auch Kleidung der Mutter wird zu Kunst
«Night and Day» gleich daneben ist eine Textilarbeit aus zusammengesetzten farbigen oder schwarz-weissen Stoffstücken. Nicht speziell in diesem Werk, aber generell hat Bourgeois die Kleider ihrer verstorbenen Mutter aufbewahrt und sie teilweise als Stoffelemente für ihre Kunstwerke verwendet, informiert James Koch. Originell, genauso wie der Tischläufer, den sie mit Tinte und Bleistift bemalt hat. Ob der auch aus dem Nachlass ihrer alles geliebten Mutter stammt?

Auf dem Heimweg von der Ausstellung jedenfalls nehme ich mir fest vor, in einer hoffentlich nahen Nach-Restriktionszeit Kunst in jeglicher Form häufiger und bewusster in mich aufzusaugen.

www.vip-hauserwirth.com/gallery-exhibitions/ louise-bourgeois-the-heart-has-its-reasons/


LOUISE BOURGEOIS (1911–2010)

Louise Bourgeois war eine herausragende französisch-amerikanische Künstlerin des 20. Jahrhunderts. Bekannt ist sie für ihre Darstellungen der weiblichen Form und eine traumhafte Bildsprache, die in Skulpturen, Gemälden, Druckgrafiken und Installationen zum Ausdruck kommt. Ihr Werk ist von traumatischen Kindheitserfahrungen und einem Interesse an Psychologie geprägt. Es sind emotionale Arbeiten, die sich mit Sexualität, Schmerz und Angst auseinandersetzen. Geboren am 25. Dezember 1911, studierte sie zunächst Mathematik an der Sorbonne in Paris. Nach dem Tod ihrer Mutter besuchte sie dann aber eine Reihe von Pariser Kunstakademien, darunter die renommierte École des Beaux-Arts. Nachdem sie den amerikanischen Kunsthistoriker Robert Goldwater geheiratet hatte und 1938 in die Vereinigten Staaten ausgewandert war, studierte sie an der New Yorker Art Students League. Bourgeois blieb lange Zeit unentdeckt, wurde aber nach einer hochgelobten Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art im Jahr 1982 zunehmend populärer. Die Künstlerin starb am 31. Mai 2010 im Alter von 98 Jahren in New York.

Quelle: Artnet

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