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Beziehungsstress vorprogrammiert?

Di, 02. Mär. 2021
Die Paar- und Familienberatung muss nicht unbedingt in den Räumlichkeiten in Zweisimmen statt finden. Die Hilfesuchenden lassen sich auch gerne per Videokonferenz oder bei einem «Walk and Talk»- Spaziergang von Christian Weber beraten. FOTO: ZVG

Coronabedingt länger zu Hause aufeinandersitzen und womöglich noch unter Einnahmeeinbussen leiden: Da kann es in einer Beziehung schon mal krachen oder auch der Familienhaussegen schief hängen. Auch im Saanenland?

SONJA WOLF
Wenn es in der Beziehung oder Familie Reibungen gibt, könnte Christian Weber eine erste Anlaufstelle sein. Er empfängt seit Anfang 2020 in Zweisimmen einmal wöchentlich Hilfesuchende im Rahmen der Ehe-, Paar- und Familienberatung des Kirchlichen Bezirks Obersimmental-Saanen – konfessionsunabhängig.

Weniger Stress auf dem Land
«Hier in der Region Saanen-Simmental sind die Corona-Auswirkungen im Vergleich zu urbanen Gebieten viel abgeschwächter», so Webers grundsätzliche Beobachtung. Also kein Beziehungsstress durch zu viel Nähe zu Hause oder durch finanzielle Einbussen? «Weniger. Die Menschen hier auf dem Land haben einfach mehr Platz, mehr Möglichkeiten, in die Natur zu gehen, zum Durchatmen.» Teilweise arbeiten sie auch draussen, auf dem Bau, in der Landwirtschaft – Homeoffice sei auf dem Land nicht der Regelfall. Daher sitze man laut Weber nicht so eng aufeinander, das fange schon viele Konflikte ab. «Die Beziehungsprobleme in meiner Beratungsrealität des letzten Jahres waren ähnliche wie in den Vorjahren, also eher coronaunabhängig.» Es seien Generationenkonflikte und vor allem Konflikte aufgrund von fehlender oder falscher Kommunikation untereinander gewesen.

Corona-Auswirkungen - nicht immer negativ
Was sich aber durch Corona geändert habe, sei die Art der Beratungen. «Die Hilfesuchenden ziehen Beratungen per Videokonferenz vor oder per ‹Walk and Talk›, also bei einem Spaziergang in der Natur.» In Ausnahmefällen wirke sich Corona laut Weber sogar positiv aus. Zum Beispiel könne sich bei Generationenkonflikten in Grossfamilien durchaus auch ein Konflikt vorübergehend entschärfen: Wenn beispielsweise Weihnachten oder Ostern aufgrund der nötigen sozialen Distanzierung nicht im Grossfamilienverband gefeiert werden «muss», weil es die Tradition so will.

Beratung oder Triage
Andere Anlaufstellen im Saanenland können bei Beziehungsproblemen zwar ebenfalls Beratungsgespräche anbieten, sind aber nicht ausschliesslich auf diese Thematik spezialisiert. Das heisst, dass im Bedarfsfall der Hilfesuchende an eine andere Stelle verwiesen wird.

So etwa bei Psychologin Susanne Anliker von der Berner Gesundheit, die im Corona-Jahr durchaus einen Anstieg an Beratungsbedarf festgestellt hat – dies besonders im Bereich gesteigerter ungünstiger Verhaltensweisen wie Substanzkonsum und Verhaltenssüchte. Woher kommt diese Steigerung? «Die Anweisungen, zu Hause zu bleiben und der Wegfall von Tagesstrukturen haben weitreichende soziale und psychische Effekte», erklärt sie auf Anfrage. «Eine suchtgefährdete Person, die früher regelmässig in einen Verein und anschliessend für zwei Bier in die Beiz ging, sitzt jetzt eher einsam zu Hause und trinkt möglicherweise mehr.»

Laut Anliker entwickeln Menschen, die Alkohol trinken, um Gefühle zu verstärken oder Probleme zu bewältigen, häufiger einen problematischen Konsum als Personen, die aus sozialen Gründen trinken. Wird Alkohol zum wichtigen Mittel, um mit Problemen umzugehen, sei Vorsicht geboten. Ein höherer Alkoholkonsum wiederum berge die Gefahr von mehr Streit, Konflikten oder sogar Gewalt im häuslichen Umfeld.

Kinder und Jugendliche leiden mit
Auch Evelyne Moser von der Schulsozialarbeit sieht einen Anstieg bei Familienkonflikten. Während der erste Lockdown noch von vielen Menschen als positiv wahrgenommen wurde (mehr wertvolle Zeit mit der Familie, mehr Freizeit), bringt der zweite Lockdown doch viele Menschen an den Anschlag. «Gerade Kinder und Jugendliche leiden momentan besonders unter den eingeschränkten sozialen Kontakten», präzisiert Moser. Auch haben sie teilweise keinen Ausgleich durch organisierte Sport- und Freizeitmöglichkeiten. Und wenn die Eltern unter Einnahmeausfällen durch Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit leiden und dadurch gestresster sind, leiden die Kinder und Jugendlichen mit. Ergebnis: Der Familienhaussegen gerät in Schieflage.

In einer gesunden Beziehung durch die Krise kommen
Was können die Experten für Personen mit Beziehungsproblemen tun? Was raten sie ihnen? Schulsozialarbeiterin Evelyne Moser und ihr Team versuchen, mit den Jugendlichen Alternativen zu finden, wie sie ihre Freizeit besser gestalten können, wie zum Beispiel Texte schreiben, Musik machen, zeichnen usw. So werden sie ausgeglichener und die Stimmung in der Familie könne sich verbessern.

Auch die Psychologin Susanne Anliker empfiehlt, generell auf psychische Ausgeglichenheit zu achten, dann gehe es auch mit den zwischenmenschlichen Beziehungen besser. (Siehe Kasten)

Und Paarberater Christian Weber empfiehlt, an der Kommunikation zwischen den Paar- oder Familienmitgliedern zu arbeiten: «Wir sollten uns von Topoi verabschieden wie zum Beispiel: ‹Immer lässt du alles herumliegen!›.» Besser sei es, konkrete konstruktive Anweisungen zu geben wie: «Räumst du bitte deine Schuhe aus dem Wohnzimmer?» Auch sei es hilfreich, wenn jeder der Partner etwas für sich alleine machen kann, eine Beschäftigung, die ihm oder ihr persönlich gut gefällt. Und generell gilt: Nicht zu spät professionelle Hilfe in Anspruch nehmen!


REGIONALE ANLAUFSTELLEN BEI BEZIEHUNGSKONFLIKTEN IN EHE UND FAMILIE

• Ehe-, Paar- und Familienberatung des Kirchlichen Bezirks Obersimmental-Saanen, Christian Weber (Systemischer Therapeut und Berater), Tel. 033 951 17 84 Fokus auf Kinder und Jugendliche:
• Schulsozialarbeit der Gemeinde Saanen, Evelyne Moser (Schulsozialarbeiterin), Tel. 079 825 79 85
• Offene Kinder- und Jugendarbeit Saanenland Obersimmental «Juga», Rosa Reiter (Sozialarbeiterin), Tel. 079 820 39 32 Fokus auf Suchtberatung:
• Berner Gesundheit, Susanne Anliker (Psychologin), Tel. 033 225 44 00


TIPPS FÜR DIE PSYCHISCHE GESUNDHEIT WÄHREND DER CORONA-KRISE

Bleiben Sie aktiv!
Auch wenn Ihre Lieblingsfreizeitbeschäftigung wegen der Schutzmassnahmen weggefallen ist, findet sich vielleicht eine andere Beschäftigung: ein neues Gericht kochen, online Russisch oder Italienisch lernen, Pilze erkennen lernen, Wohnungseinrichtung umstellen, neue Musik hören, einen Yogakurs online besuchen, jeden Morgen gemeinsam mit anderen online singen. Körper und Psyche stehen in Wechselwirkung, darum tun wir gut daran, beides zu stärken: Joggen tut auch der Seele gut und ein schönes Musikstück hören, kann das Immunsystemstärken.
Bringen Sie Struktur in Ihren Tag!
Eine Tagesstruktur ist für die psychische Gesundheit wichtig und bei den meisten Menschen fester Bestandteil des Lebens. Planen Sie schriftlich Ihren Tag zu Hause, mit allen möglichen Aktivitäten. Achten Sie dabei auf einen Wechsel von belastenden und entspannenden Aktivitäten sowie auf Pausen.
Bleiben Sie in Kontakt!
Suchen Sie nach Möglichkeiten, um mit anderen in Kontakt zu bleiben: Machen Sie sich dazu eine Liste mit Menschen, mit denen Sie Kontakt aufnehmen wollen, wie beispielsweise Familienmitglieder (auch entfernte), Freunde, Bekannte, Kollegen/innen, Nachbarn/innen, professionelle Helfende. Probieren Sie verschiedene Dinge aus, wie Videotelefonie mit Einzelnen oder in der Gruppe und verabreden Sie sich online zu sozialen Anlässen. So kann man auch gemeinsam online Sport treiben, zusammen essen und zusammen Kaffee oder Tee trinken. Andere Möglichkeiten in Kontakt zu bleiben sind Sprachnachrichten verschicken, sich in Chats oder Foren austauschen oder wieder einmal einen Brief oder eine Postkarte schreiben. Ergreifen Sie ruhig die Initiative, auch wenn Sie sonst ein eher zurückhaltender Mensch sind!

Tipps von Susanne Anliker in Anlehnung an die 10 Schritte für psychische Gesundheit: https://www.npg-rsp.ch/de/projekte/10-schritte-fuer-psychische-gesundhei... )

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