Eine scheinbar unmögliche Andenüberquerung
17.02.2026 ReisenAuch in dieser Bolivienspalte möchte ich über einen Ort berichten, den mein Bruder Martin und ich während der über 5000 Kilometer langen Reise von Bolivien nach Feuerland besucht haben. Heute werden wir einige Aspekte aus dem Leben des Dichters Pablo Neruda und seines ...
Auch in dieser Bolivienspalte möchte ich über einen Ort berichten, den mein Bruder Martin und ich während der über 5000 Kilometer langen Reise von Bolivien nach Feuerland besucht haben. Heute werden wir einige Aspekte aus dem Leben des Dichters Pablo Neruda und seines Hauses in Isla Negra kennenlernen.
Wenn man entlang der chilenischen Küste Richtung Süden fährt, sollte jeder, der auch nur ein wenig an Kultur und Literatur interessiert ist, das Haus des Nationaldichters und Nobelpreisträgers Pablo Neruda besuchen – und wenn jemand Schriftsteller ist und in Südamerika lebt wie ich, ist es eine fast unumgängliche, ja geradezu heilige Pflicht.
Vorab möchte ich anmerken, dass unsere Theatergruppe Ojo Morado im Jahr 1999 den Gedichtzyklus «Canto General» von Pablo Neruda in ein Theaterstück umwandelte («Bilder eines Abwesenden»*), mit dem die Theatergruppe in Bolivien, Chile und Argentinien in etwa 20 Auftritte hatte. Neben dem Kampf der amerikanischen Völker für Gerechtigkeit wurden darin auch die inneren Kämpfe des Autors und die politische Verfolgung dargestellt, die er aufgrund seiner Gesinnung erlitt.
Ricardo Eliécer Neftalí Reyes, wie er mit bürgerlichem Namen hiess, wurde am 12. Juli 1904 in Parral geboren. Es ist möglich, dass er seinen Künstlernamen in Anlehnung an den tschechischen Schriftsteller Jan Neruda wählte, dessen sozialkritische Texte ihm als Vorbild für seine eigenen Gedichte dienten. Zumindest am Anfang verwendete der Pädagogik- und Französischstudent dieses Pseudonym, um seine schriftstellerische Arbeit vor seinem Vater zu verbergen, der diese missbilligte.
1927 begann er seine Karriere als Diplomat und kam in dieser Funktion in weiten Teilen der Welt herum: Rangun, Colombo, Singapur, Buenos Aires und Madrid. Dort befreundete er sich 1934 mit dem spanischen Dichter Federico García Lorca, den er schon in Argentinien kennengelernt hatte. Während des spanischen Bürgerkriegs, der 1936 ausbrach, setzte er sich für die Republikaner ein. García Lorca wurde ermordet und Neruda musste aus dem belagerten Madrid fliehen.
Von Paris aus setzte er sich jedoch weiterhin für die spanischen Antifaschisten ein und so wurden konsequenterweise seine Texte politischer. Sein Sammelband «Spanien im Herzen» und die Anthologie «Die Dichter der Welt verteidigen das spanische Volk» zeugen davon. Er blieb jedoch nicht nur bei Worten, denn 1939 organisierte er nach der Niederlage der Republikaner die Überfahrt von 2000 spanischen Flüchtlingen ins chilenische Exil an Bord des Dampfers «Winnipeg».
Im Jahr 1945 wurde er für die Kommunistische Partei seines Landes zum Senator gewählt, musste aber wegen seiner Kritik an der Regierung bald in den Untergrund. In seinen Verstecken, die er oft wechseln musste, weil die Polizei stets nach ihm fahndete, schrieb er den bereits erwähnten, berühmten Gedichtband «Canto General». Schliesslich floh er über die Anden ins Nachbarland Argentinien. Mit Hilfe von Pablo Picasso fand er schliesslich erneut Unterschlupf in Paris.
1952 durfte er nach Chile zurückkehren, wo er das Haus in Isla Negra kaufte. Sein Leben wurde etwas ruhiger, obwohl er an literarischen und politischen Kongressen und Veranstaltungen in unzähligen Ländern der Welt auftrat. Ab 1970 überschlugen sich allerdings die Ereignisse wieder: Sein sozialistischer Gesinnungsfreund Salvador Allende gewann die Wahlen und er selbst wurde zum Botschafter in Paris ernannt. 1971 wurde ihm der Literaturnobelpreis verliehen.
Während einer medizinischen Behandlung in seinem Heimatland wurde er vom Putsch des rechtsgerichteten Generals Augusto Pinochet überrascht. Er starb am 23. September 1973 in Santiago de Chile, nur zwölf Tage nach der brutalen Machtübernahme durch die Militärs. Der Dichter litt zu jener Zeit an Prostatakrebs, doch einige seiner Freunde behaupteten, er sei aus Verbitterung gestorben. Hartnäckig hält sich bis heute auch das Gerücht, dass er von Agenten der Militärdiktatur vergiftet wurde.
Kommen wir jedoch zu seinem Haus in Isla Negra zurück, das mit seinen Türmchen, Erkern und verschiedenen Anbauten inmitten üppiger Vegetation und unter Bäumen direkt über dem Meer steht. Neruda war zeitlebens ein leidenschaftlicher Sammler aussergewöhnlicher Gegenstände wie Dampfmaschinen, Gallionsfiguren, Schiffsmodellen, Marienstatuen, exotischen Masken, Objekten aus buntem Glas, alten Landkarten und vielem anderem mehr.
«Um all diese Dinge unterzubringen, musste er an seinem Haus immer wieder alle möglichen und unmöglichen Anbauten hinzufügen, was ihm sein besonderes Aussehen verleiht. Auf diese Art verwandelte er schon zu Lebzeiten seinen Wohnsitz in ein Museum, dessen Sammlungen unaufhörlich wuchsen», schrieb ich in meinem Reisetagebuch, nachdem wir das Museum, welches das Haus heute beherbergt, besucht hatten.
Es hiess, er habe zu diesem Zweck einen ständigen Bauarbeiter angestellt wie andere Leute Köche oder Gärtner, da immer wieder Mauern abgebrochen, neue Wände errichtet und Fenster und Türen eingebaut wurden. Dazu verwendete er meist Teile, die aus abgebrochenen Häusern oder abgewrackten Schiffen stammten. Sogar ein Bullauge ist auf einer Hausseite zu sehen. Mitten in diesem märchenhaften Durcheinander empfing er Besucher, schrieb, nahm seine Mahlzeiten ein und schlief – immer das Meer vor Augen, das er über alles liebte und in unzähligen Gedichten besang.
Pablo Neruda wurde von seinen Gegnern oft als Salonkommunist und Frauenheld kritisiert. Sie warfen ihm vor, als Diplomat ein bequemes Parasitenleben geführt zu haben. Während andere für ihre Ideale starben, habe er von seinen politischen Überzeugungen profitiert. Dennoch wird er bis heute in weiten literarischen und linkspolitischen Kreisen verehrt und respektiert.
Strophen aus seinen Gedichten, sein Konterfei und das seiner letzten Frau Matilde Urrutia sind auf Wandmalereien überall in Chile in den grossen Städten ebenso wie in Lateinamerika zu sehen. Sein abenteuerliches Leben fasziniert weiterhin, wie Filme wie «Il postino» oder «Neruda» zeigen. Man sieht, dass Neruda lebendiger denn je ist.
STEFAN GURTNER
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Stefan Gurtner ist im Saanenland aufgewachsen und lebt seit 1987 in Bolivien in Südamerika, wo er mit Strassenkindern arbeitet. In loser Folge schreibt er im «Anzeiger von Saanen» über das Leben mit den Jugendlichen. Wer mehr über seine Arbeit erfahren oder diese finanziell unterstützen möchte, kann sich beim Verein Tres Soles, Walter Köhli, Seeblickstrasse 29, 9037 Speicherschwendi, E-Mail: walterkoehli@ bluewin.ch erkundigen. Spenden: Tres Soles, 1660 Château-d’Oex, IBAN: CH20 0900 0000 1701 6727 4.. www.tres-soles.de



