Von wegen Berner Knechtschaft: Im Jahr 1616 demonstrierte ein Gstaader Ehepaar auf der Fassade seines neuen Wohnhauses mit bunten Verzierungen und aufgemalten, angeketteten Bären viel Selbstbewusstsein. Ein Zeugnis, das mehr erzählt, als man auf den ersten Blick erkennt: von ...
Von wegen Berner Knechtschaft: Im Jahr 1616 demonstrierte ein Gstaader Ehepaar auf der Fassade seines neuen Wohnhauses mit bunten Verzierungen und aufgemalten, angeketteten Bären viel Selbstbewusstsein. Ein Zeugnis, das mehr erzählt, als man auf den ersten Blick erkennt: von Stolz, wirtschaftlichem Geschick und leisem Widerstand – es ist in vielerlei Hinsicht ein Aufbruch in eine neue Zeitepoche.
MARTIN GURTNER-DUPERREX
Rund 60 Jahre nachdem das Saanenland wegen des Konkurses des Grafen von Greyerz unfreiwillig zum bernischen Untertanengebiet geworden war, wurde anno 1616 dieses bemerkenswerte Bauernhaus in der Rütti bei Gstaad gebaut. Die zwei im Giebelfeld aufgemalten, angeketteten Bären – eine Rarität! – ist wohl ein stilles Sinnbild dafür, dass sich die Saaner durch geschickte Verhandlungen gewisse Freiheiten zurückerkämpft und den Berner Mutz symbolisch zurückgebunden hatten.
Von der vielzitierten Berner Knechtschaft war in jener Zeit jedenfalls wenig zu spüren: Wirtschaftlich ging es bergauf, Saanenkäse war in der Stadt Bern und anderswo begehrt. Vieh- und Pferdehandel blühten. Käufer aus der ganzen Eidgenossenschaft, aus Süddeutschland, Burgund und der Lombardei drängten sich auf den Märkten in Saanen. Wen wunderts, dass der rege Geldfluss auch Einfluss auf die Gestaltung von Wohnhäusern hatte.
Irdische Reichtümer und die Religion
Schon im 16. Jahrhundert war die Bauweise der Bauernhäuser im Oberland weitgehend etabliert – wie zum Beispiel der Ständer- und Blockbau oder die grossen, im Giebelfeld eingebauten Blockkonsolen (Pfetten), die das Vordach abstützen. Um die Jahrhundertwende legten nun einige selbstbewusste, wohlhabende Bauern immer mehr Wert auf das äussere Zierwerk ihrer Wohnstätten. Man begann Verzierungen anzubringen: eine Jahrzahl, den Namen des Erbauers oder des Zimmermeisters, ein Hausspruch, ein Kreisornament – oft noch im Stil des vorangegangenen Jahrhunderts. Zunächst zaghaft und noch recht bescheiden, zum ersten Mal nachweisbar 1589 auf der Halten bei Saanen. Immerhin war es damals unziemlich, irdische Reichtümer zu öffentlich zur Schau zu stellen. Denn das Diesseits galt nur als eine Durchgangsstation zur Ewigkeit, nicht als Bühne für persönliche Eitelkeiten. Die Ehre gehörte allein Gott, nicht einem einzelnen Menschen.
Ruff Husswirth und seine Erben: die lange Reise eines Hauses
Ein typisches Beispiel aus dieser Übergangszeit ist das von einem unbekannten Zimmermeister errichtete Bauernhaus in der Rütti bei Gstaad. Laut der knappen Inschrift liess es Ruff Husswirth (Rudolf Hauswirth, geboren 1590), erbauen. 1612, also vier Jahre vor dem Hausbau, hatte er eine Anna von Grünigen zur Gattin genommen.
Über mehrere Generationen blieb das Haus in der Familie: Maria Hauswirth – möglicherweise eine direkte Nachfahrin – war mit einem Johannes Walker verheiratet. Durch Erbteilung ging das Gebäude an ihre Kinder über. Einer davon, Johannes Walker (1715– 1759), vermählte sich 1742 mit einer Jeanne Louise Haldi.
Ab dem 19. Jahrhundert gelangte der Bauernbetrieb durch Kauf und Vererbung in mehrere Hände, bis es schliesslich Anfang des 20. Jahrhunderts bei der Familie von Siebenthal landete – wo seine stolze Geschichte bis heute weiterlebt.
Quellen:
Dokumentation Rubi-Fonds/Bendicht Hauswirth, 2012; Christian Rubi: Das Saanerhaus des 17. Jahrhunderts, Verlag Buchdruckerei Müller, Gstaad; Christian Rubi: Die Zimmermannsgotik im Saanenland, Müller Marketing & Druck, Gstaad 2003
Die Fassade wurde 2012 durch den Rubi-Fonds restauriert.