Vom wunden Punkt und einem Wunsch, der weiterträgt
28.04.2026 PorträtEigentlich wollte Elisabeth Kohler-von Siebenthal nie Autorin werden. Heute schreibt die Wundexpertin aus ihrem Alltag in der Spitex – und hat damit nicht nur ein Buch veröffentlicht, sondern auch einen Wunsch ihres Vaters erfüllt.
SONJA WOLF
«Ich hätte nie ...
Eigentlich wollte Elisabeth Kohler-von Siebenthal nie Autorin werden. Heute schreibt die Wundexpertin aus ihrem Alltag in der Spitex – und hat damit nicht nur ein Buch veröffentlicht, sondern auch einen Wunsch ihres Vaters erfüllt.
SONJA WOLF
«Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal ein Buch schreibe», sagt Elisabeth Kohler-von Siebenthal und lacht. Es klingt nach ehrlichem Staunen. Noch vor wenigen Jahren hätte sie sich selbst wohl kaum in dieser Rolle gesehen: als Autorin, die aus ihrem Berufsalltag erzählt, Lesungen hält – und deren Texte ein Publikum finden. Für das Gespräch ist sie spontan von Unterseen nach Gstaad gereist. Es war ihr wichtig, hier zu sein – aus einem ganz bestimmten Grund.
Der besetzte Schreibplatz
Geschrieben habe sie früher kaum. «Vielleicht einmal eine Weihnachtskarte», sagt sie, mehr nicht. Denn ihr Vater Walter von Siebenthal war sehr wortgewandt «und hatte daher in der Familie ganz automatisch den Schreibplatz inne», erinnert sie sich mit einem wehmütigen Lächeln. Er war Lehrer, Lokalhistoriker – und immer wieder auch Autor für den «Anzeiger von Saanen». Einer, der die Region kannte wie kaum ein anderer und wusste, wie man Geschichten erzählt, die bleiben.
Dass sie selbst einmal zu schreiben beginnen würde, war lange nicht vorgesehen. Ihre ersten Texte entstanden aus einem ganz anderen Impuls: nicht aus literarischem Ehrgeiz, sondern aus beruflichen Überlegungen.
Als Fachtexte nicht mehr genügten
Als Vizepräsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Wundbehandlung suchte Elisabeth Kohler-von Siebenthal gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen nach Ideen, wie man mehr Menschen erreichen könnte. Fachtexte allein genügten nicht, ein grösseres Publikum regelmässig auf die Website zu bringen. Also versuchte sie etwas anderes: kurze Geschichten, direkt aus dem Alltag. Leicht zugänglich, aber mit Tiefgang. «Ich habe gedacht: Ich schreibe einfach auf, was ich sowieso erlebe», sagt die Wundexpertin der Spitex, die im Berner Oberland rund um Interlaken in abgelegenen Seitentälern unterwegs ist – immer auf Wundheilungsmission. So entstand ihre monatliche Onlinekolumne «Der wunde Punkt», die später als Buch veröffentlicht werden sollte.
Der Ritterschlag
Ihr Vater erlebte die Anfänge noch mit: Er las die ersten drei Kolumnen. Und reagierte, wie sie es von ihm nicht kannte. «Bei einer Kolumne blieb er hängen: ‹Schwingen und Ringen›», erinnert sie sich. «Besser kannst du es nicht, das ist die Kolumne», sagte er. Und gleich danach: «Die musst du im ‹Anzeiger von Saanen› bringen!» Er druckte sie für sich selbst aus. «Alle, die ihn besuchten, mussten sie anhören», lacht Elisabeth Kohler-von Siebenthal. «Das war für mich wie der Ritterschlag!» Denn ihr Vater war ja in der Familie über Jahre hinweg die Koryphäe gewesen, wenn es ums Formulieren ging.
Ihr Vater ist inzwischen verstorben, doch dieser Satz ist geblieben. Und mit ihm ihr leiser Wunsch: dass ihre Texte ihren Weg zurück ins Saanenland finden. Wie es ihr Vater wollte, der Zeit seines Lebens eine tiefe Verbindung zum Saanenland und zu dieser Zeitung hatte.
Mehr als nur eine Wunde
Was sie in ihren Geschichten erzählt, erfindet sie nicht. Denn als Wundexpertin bei der Spitex begegnet sie Menschen in ihrem Zuhause, sieht ihren Alltag, ihre Geschichten – und oft auch ihre Verletzlichkeit. Dabei geht es ihr nie nur um die Wunde. «Die Wunde ist eigentlich nur ein Symptom», sagt sie. «Die Geschichte dahinter ist entscheidend.» Warum eine Wunde nicht heilt, hat Gründe: medizinische, soziale, manchmal ganz persönliche. Kohlervon Siebenthal schaut genau hin, fragt nach, verbindet. «Man muss zuerst den Menschen anschauen.»
Diese Haltung prägt ihren Beruf – und macht auch ihre Texte so besonders. Sie sind beobachtend, präzise, oft trocken im Humor. Und vor allem immer nah an den Menschen.
Der hartnäckige Tanzkurskollege
Dass aus den Onlinekolumnen einmal ein Buch entstehen würde, war gar nicht geplant. Die Idee kam – hartnäckig – aus einem Tanzkurs, den sie mit ihrem Mann besuchte. «Jeden Donnerstag hat ein Tanzkollege gefragt, wann ich aus den Kolumnen endlich ein Buch herausbringen würde», erzählt sie mit einem amüsierten Augenaufschlag. Bis sie eines Abends ein E-Mail an einen kleinen Verlag schrieb – einfach, um dem Kollegen endlich sagen zu können, dass keiner so etwas lesen möchte. Doch weit gefehlt. Der Lokwort-Verlag antwortete sofort positiv und im März dieses Jahres erschien «Der wunde Punkt». Aus ihren ersten Kolumnen – leicht überarbeitet, verdichtet, bereit für ein grösseres Publikum.
Heute hält sie Lesungen, gibt Interviews, erlebt eine neue Öffentlichkeit. Und merkt, dass ihr diese Rolle gefällt. «Ich habe Freude daran», sagt sie. Und man glaubt es ihr sofort. «So kann ich der Arbeit in der Spitex, die oft im Schatten der Spitalpflege steht, eine kleine Stimme verleihen.» Für den wunden Punkt – und für die Geschichten dahinter.
Buch: lokwort.ch/autor/kohler-von-siebenthalelisabeth; Fortsetzung der Kolumnen online: safw.ch/index.php/gesellschaft/kolumne
Nachgefragt: zwischen Gummistiefeln und Detektivarbeit
INTERVIEW: SONJA WOLF
Frau Kohler-von Siebenthal, in Ihren Geschichten schreiben Sie über echte Patienten. Wie schützen Sie deren Privatsphäre, besonders in den engen Tälern des Berner Oberlands?
Ich achte sehr darauf, dass die Geschichten nicht rückverfolgbar sind. Manchmal tausche ich Orte aus oder ändere das Geschlecht. Aber bei der Geschichte «Schwingen und Ringen» wusste der Patient natürlich, dass er gemeint ist – ich habe ihn vorher gefragt. Wenn ich schreibe «hinten im Tal», nützt das den Nachbarn wenig: Ich bereise so viele Täler, ich habe überall ein «hinten im Tal» (lacht).
Sie sagen, Wundpflege sei oft Detektivarbeit. Warum reicht ein guter Verband nicht aus?
Die Wunde ist nur das Symptom. Ich muss sehen, wie die Menschen leben. Viele Bauern gehen von morgens bis abends mit dem Verband in die Gummistiefel – da muss ich etwas anbieten, das das auch aushält. Oder nehmen Sie Patienten mit künstlichem Darmausgang: Im Spital lernen sie die Pflege vor dem Spiegel im modernen Bad. Zu Hause haben sie das WC vielleicht noch ausserhalb der Wohnung und waschen sich in der Küche. Das sagen sie im Spital aus Scham nicht. Erst wenn ich das sehe, kann ich helfen.
Wie wird man eigentlich zur Wundexpertin? War das ein Kindheitstraum?
Überhaupt nicht! Das war eine absolute Blitzkarriere aus der Not heraus. Nach meiner Familienpause fing ich bei der Spitex an und hatte noch keine Ahnung von modernem Wundmanagement. In meiner ersten Woche stand ich vor einer Patientin mit offenem Unterschenkel, hatte einen Verband zur Verfügung und rief verzweifelt bei der Herstellerfirma an: «Erklärt mir bitte schnell, was ich hier machen soll!» Die schickten eine Expertin vorbei, ich setzte deren Tipps um und am Abend galt ich im Team bereits als die Wundspezialistin. Da wusste ich: Jetzt muss ich die Ausbildung machen, damit ich nicht mehr nur so tun muss als ob.
ZUR PERSON
Elisabeth Kohler-von Siebenthal lebt in Unterseen im Berner Oberland. Ihre Wurzeln liegen im Saanenland: Ihre Eltern, Walter und Agnes (geborene von Grünigen), stammen aus der Region, Elisabeth Kohler-von Siebenthal selbst verbrachte einen Teil ihrer Schulzeit in Gstaad. Nach dem Tod der Mutter 2004 blieb sie ihrem Vater bis zu seinem Tod im Jahr 2023 eng verbunden und kehrte regelmässig ins Saanenland zurück. Die diplomierte Pflegefachfrau HF ist Wundexpertin SAfW (Swiss Association for Woundcare) und hat ein MAS (Master of Advanced Studies) in Wound Care. Sie arbeitet bei der Spitex Region Interlaken AG, ist zudem in der Erwachsenenbildung tätig und engagiert sich in nationalen Fachgremien. In der EAMGK (Eidgenössische Mittel- und Gegenständekommission) beispielsweise vertritt sie als Fachstimme die Interessen der Pflege. Diese ausserparlamentarische Kommission des Bundesamtes für Gesundheit berät den Bundesrat darüber, welche Mittel und Gegenstände (z.B. Wundverbände) von der Grundversicherung der Krankenkassen vergütet werden sollen. Im März 2026 erschien im Lokwort-Verlag ihr Buch «Der wunde Punkt», das die ersten 22 Kolumnen enthält. Elisabeth Kohler-von Siebenthal ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und ist Grossmutter. In ihrer Freizeit liebt sie Skifahren, Langlauf, Wandern und Biken. Sie ist leidenschaftliche Joggerin und hat bereits mehrfach den Jungfrau-Marathon absolviert.
SWO






