Cantate Chor Zweisimmen auf Reisen: Viva la Grischa!
15.05.2026 ReisenVom 6. bis 8. Mai reiste der Cantate Chor Zweisimmen ins Bündnerland.
Nach einer gemütlichen Bahnreise ohne Dichtestress in Regionalzügen werden wir (34 Chormitglieder grösstenteils mit Angetrauten) am Mittwoch, 6. Mai, in Chur von Johannes und Ruth ...
Vom 6. bis 8. Mai reiste der Cantate Chor Zweisimmen ins Bündnerland.
Nach einer gemütlichen Bahnreise ohne Dichtestress in Regionalzügen werden wir (34 Chormitglieder grösstenteils mit Angetrauten) am Mittwoch, 6. Mai, in Chur von Johannes und Ruth Flury, unseren Chormitgliedern und Initianten dieses Ausflugs, am Mittag in Chur empfangen und willkommen geheissen. Nach dem Hotelbezug steht es uns frei, den Nachmittag nach Lust und Laune zu gestalten (zum Beispiel Bündner Kunstmuseum mit Schwerpunkt Bündner Künstler wie Segantini, Giacometti, Stadtbummel, Haldenhüttli usw.).
Am Abend erwartet uns ein Apéro im Foyer des Stadttheaters mit dessen Präsidenten, nämlich unserem Johannes, mit anschliessendem Konzert des Zürcher Kammerorchesters. Dieses wird mit einem Bartók-Divertimento eröffnet. Die Uraufführung eines neuen Werkes des zeitgenössischen Komponisten D.P. Hefti lockt uns aus der Komfortzone, so dass wir den Höhepunkt, das Klavierkonzert Nr. 3 von Ludwig van Beethoven mit dem kanadischen Star-Pianisten Jan Lisiecki, in der intimen Atmosphäre des kleinen Orchesters umso mehr geniessen können.
Am 7. Mai fahren wir mit dem Bus via Landquart durch die Klus ins Prättigau, über Schiers, Jenaz und Luzein auf kurvenreicher Strasse rund 800 Höhenmeter nach St. Antönien, dem Walserdorf auf 1400 Metern mit typischen Holzhäusern in Streusiedlung. Das Dörflein ist bekannt als Wanderund Skitourenparadies. Seine Geschichte und die Architektur sind geprägt von den schneereichen Wintern mit Lawinengefahr. Nach dem Unglück im Lawinenwinter 1951 mit vielen Zerstörungen begann der Bau der kilometerlangen Lawinenverbauungen zum Schutz des Dörfleins. Daran erinnert jetzt das «Laubänähus» mit Videoaufnahmen von Zeitzeugen und einer Ausstellung. Im Papierschnittatelier von Monika Flütsch, die vor kurzem im Hüsy Blankenburg ausgestellt hat, erfahren wir mehr über ihren Werdegang, ihre unkonventionelle Formsprache und ihre Schnitttechnik mit dem Messer. In der schmucken kleinen Dorfkirche lernen wir von Ruth und Johannes nicht nur zwei alte Walserlieder, wir erfahren auch, dass das Walserdorf St. Antönien sich bereits 1523/24 unter dem Einfluss des Kaplans Jakob Spreiter aus dem benachbarten Montafon (ebenfalls von Walsern besiedelt) als erste Gemeinde im Bündnerland zum reformierten Glauben bekannt hat. Anders als im Kanton Bern, wo die Gnädigen Herren zu Bern bestimmten, was das Landvolk zu glauben hatte, waren die Gemeinden im Graubünden schon damals frei, ihren Glauben zu wählen. Hohes Ansehen geniessen hier auch der frühere Pfarrer Holger Finze und seine Frau Wilma, die in St. Antönien die erste Pfarrstelle in der Schweiz hatten und nach einem Abstecher in Zweisimmen wieder ins Prättigau zurückgekehrt sind. Er hat zahllose historische Schriften über diese Gegend, ihre Wahlheimat, verfasst.
Nach einer schmackhaften Bündner Gerstensuppe im «Gemsli» fahren wir im Bus talwärts, um gleich auf der linken Talseite auf einer Geländeterrasse das stattlichen Dorf Fideris zu besuchen, wo uns Ueli Bühler, ehemaliger chirurgischer Chefarzt am Spital Schiers und nun Schafzüchter, in seinem Heimatdorf, erwartet. Auf der Führung durch das Dorf gibt er uns viele Details aus alten Zeiten preis über wohlhabende Familiendynastien, die ihr Geld als Offiziere in fremden Diensten, z.B. Österreichs, als Kaufleute im alpenquerenden Handel oder als Zuckerbäcker in Petersburg oder Italien erwarben, später nach Hause zurückkehrten und sich hier Herrschaftshäuser erbauen liessen. Auch geflüchtete Hugenotten wie die Familie Gujan fanden mit ihren Kompetenzen und ihrem Fleiss eine neue Heimat. Dank der guten Beziehungen von Ueli können wir eine Etage des historischen Bürgerhauses Valär auch innen besuchen. Das früher florierende Fideriser Mineralquell-Bad wurde 1939 stillgelegt und 1967 leider durch einen Murgang zerstört.
In der Kirche Fideris erfahren wir von Johannes, wie der Kapuzinermönch Fidelis von Sigmaringen in den Wirren des Dreissigjährigen Krieges beim Versuch, die abtrünnigen, reformierten Prättigauer wieder zum katholischen Glauben zurückzuführen, getötet wurde, was Strafaktionen der österreichischen Truppen zur Folge hatte. Dank der guten Beziehungen der Fideriser Offiziere im Heer der Österreicher blieb allerdings Fideris 1622 als einziges Dorf im Prättigau vor den Zerstörungen verschont. So prägt ein friedliches Nebeneinander unterschiedlicher jahrhundertealter Baukulturen, die traditionellen Walserhäuser und die herrschaftlichen gemauerten Bauten, das heutige Ortsbild.
Der eindrückliche Tag endete mit einem Festmahl im stattlichen Hotel Restaurant Stern in Chur mit der typischen Bündner Trilogie Maluns–Capuns–Pizzoccheri neri, begleitet von feinem Wein der Bündner Herrschaften, Pflege der Freundschaft und Gesang.
Am Freitag, 8. Mai, vormittags führen uns Ruth und Johannes in zwei Gruppen auf einem Rundgang durch die Altstadt von Chur mit Hinweisen auf Details, die in offiziellen Stadtführungen kaum Erwähnung finden. Wir erfahren viel über den historischen Reichtum dieser Stadt, die Grenzen der ehemaligen Stadtmauern, Orientierung der Verkehrsachsen, Plantahaus mit orientalischem Dekor, verborgene Gässchen, Hinweise auf Erker, Lauben, weinende Brunnen mit Tränen der Lukrezia (Jürg Jenatsch), Martinskirche mit Glasmalereien von Augusto Giacometti, Bischofssitz, Reformbedarf der katholischen Kirche, Kathedrale Maria Himmelfahrt, «Blocherorgel» und Strassenkaffees. Zudem viele persönliche Einblicke in das Leben unserer Gastgeber und Freunde Johannes und Ruth, wie sie ihre Aktivitäten als Eltern, Dozenten, Theologe und Seelsorger, Mutter, Pflegefachfrau, Bergsteiger, Kultur, Reisen und vor allem ihre Liebe und Begeisterung für das facettenreiche Bündnerland mit allen Regionen und Sprachen unter einen Hut bringen.
Erfüllt und beeindruckt von diesen Erlebnissen treten wir nach dem Mittag den Heimweg an und denken schon an eine nächste Reise ins reichhaltige und spannende Graubünden.
Unser herzlicher Dank geht an Ruth, Johannes und Ueli. Viva la Grischa!
CANTATE CHOR ZWEISIMMEN, RUEDI MÜLLER




