Der Feuerländer, der für einen Knopf verkauft wurde
17.07.2026 ReisenWie in den letzten Bolivienspalten möchte ich auch heute von einem Ort erzählen, den mein Bruder Martin und ich während unserer über 5000 Kilometer langen Landreise von Bolivien nach Feuerland besucht haben. Heute geht es um ein düsteres Kapitel in der Geschichte ...
Wie in den letzten Bolivienspalten möchte ich auch heute von einem Ort erzählen, den mein Bruder Martin und ich während unserer über 5000 Kilometer langen Landreise von Bolivien nach Feuerland besucht haben. Heute geht es um ein düsteres Kapitel in der Geschichte Patagoniens, genauer gesagt geht es um den Völkermord an den Ureinwohnern von Feuerland.
«Am 22. April 1830 lief das britische Forschungsschiff ‹Beagle› unter dem Kommando von Kapitän Robert FitzRoy in die Bucht von Wulaia ein», erzählte uns Diana, Tourguide, die uns mit einem Boot dorthin gebracht hatte.
Wulaia liegt auf der Insel Navarino, die zum chilenischen Teil Feuerlands gehört. Die von Hügeln und Lenga-Wäldern umgebene Bucht ist heute unbewohnt. Nur noch eine verlassene Telegraphenstation ist dort anzutreffen, nicht weit vom Kiesstrand entfernt.
«Einige Kanus mit Yaghan-Indianern näherten sich dem britischen Schiff, um wie gewohnt Fische gegen allerlei Kleinkram zu tauschen, den die Briten für solche Zwecke immer mit sich führten. Manche unter ihnen waren nackt, andere nur mit ein paar Fellstücken bekleidet. Um der Kälte zu trotzen, rieben sie ihre Körper mit Robbenfett ein», fuhr Diana fort und zog den Jackenkragen enger, während eisiger Wind über die Bucht fegte.
«Dem Kapitän fiel ein ungefähr 14-jähriger Junge auf. Er liess ihn an Bord kommen. Als Entschädigung erhielten die Indianer im Boot für ihn einen Knopf aus Perlmutt. Von diesem Moment an wurde aus Orundellico, wie der Junge ursprünglich hiess, Jemmy Button.»
Diana schilderte anschaulich, wie ihn FitzRoy mit drei weiteren Jugendlichen – Boat, York und Fuegia – nach England brachte, damit sie in einer Schule der Church Missionary Society christlich erzogen wurden und die englische Sprache erlernten. Die «Feuerländer» erregten schnell Aufsehen in der englischen Gesellschaft, sogar König William IV. und Königin Adelaide empfingen sie zu einer Audienz in ihrem Palast.
Während ihres Aufenthalts erkrankten sie alle vier an Pocken. Drei von ihnen überlebten, Boat jedoch nicht. Im Jahr 1833 kehrten Jemmy, York und Fuegia auf demselben Schiff, der «Beagle», nach Feuerland zurück. FitzRoy war von der britischen Regierung beauftragt worden, Daten für eine detaillierte Karte des südlichsten Teils Amerikas zu erheben. Ebenfalls an Bord befanden sich zu der Zeit der junge, damals noch unbekannte Naturforscher Charles Darwin und der Missionar Richard Matthews.
«In Wulaia angekommen, gingen Matthews und seine drei jungen einheimischen Gehilfen an Land, um eine Missionsstation zu errichten. Sie bauten Häuser und bereiteten Felder zur Aussaat vor», setzte Diana ihre Erzählung fort. «Jemmy hatte nach seiner Rückkehr jedoch von Anfang an Schwierigkeiten. Seine eigene Familie wandte sich von ihm ab, als sie ihn in seiner westlichen Kleidung sah und ihn Englisch sprechen hörte. Erschwerend kam hinzu, dass sein Vater während seiner Abwesenheit gestorben war.» Darwin selbst, beeinflusst von den damals gängigen rassistischen und kolonialistischen Vorurteilen, hielt nicht viel von Jemmys Stammesangehörigen. «Ich habe noch nie abstossendere und elendere Wesen gesehen. Es ist schwer zu glauben, dass es sich um Menschen handelt und dass sie diese Welt bewohnen», notierte er während der Weiterfahrt in seinem Tagebuch. «Es wird sehr interessant und ich fürchte auch schmerzhaft sein, den armen Jemmy Button und die anderen im Verlauf der Reise wiederzusehen. Ich nehme an, wir werden sie nackt und halb verhungert vorfinden.»
In dieser Hinsicht sollte der Naturforscher recht behalten. Bei einem ihrer weiteren Besuche in Wulaia trafen er und FitzRoy in der Umgebung der Missionsstation bewaffnete Männer mit Kriegsbemalung an. Jemmy und die Seinen waren abgemagert bis auf die Knochen, nur mit einem Lendenschurz bekleidet und berichteten, dass Männer ihres eigenen Familienclans ihnen ihre Kleidung gestohlen und die Felder zerstört hätten. Matthews, der Missionar, bat FitzRoy, da er sich nicht mehr sicher fühlte, ihn wieder mit zurück nach England zu nehmen.
Diana schilderte eingehend, wie weitere Bekehrungsversuche in der Gegend im Verlauf der Jahre scheiterten: «Im Oktober 1859 kam eine neue Gruppe von Missionaren, die jedoch kurz nach ihrer Ankunft ermordet wurde. Es hiess, dass Jemmy Button, der endgültig wieder die Lebensweise der Yaghan angenommen hatte, die Einheimischen bei diesem Massaker angeführt habe.»
Button wurde auf die Falklandinseln gebracht und dort vor ein britisches Gericht gestellt. Er bestritt jedoch die Beschuldigungen und wurde wegen mangelnder Beweise freigesprochen, was zu jener Zeit zweifellos ziemlich ungewöhnlich war. Kurz darauf starb er an der Seuche, die Feuerland im Jahr 1864 heimsuchte. «Viele Ureinwohner starben leider an den Krankheiten, die von den Europäern eingeschleppt wurden, und auch an Hunger, weil ihnen die Walfänger und Robbenjäger die Ernährungsgrundlage wegnahmen», beendete Diana ihre Ausführungen seufzend und rieb sich die Hände. «Es wird Zeit, zum Boot zurückzukehren!»
Die Farmer, vor allem Schafzüchter, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Gegend besiedelten, gingen jedoch noch viel weiter. Adrien de Gerlache, der zwischen 1897 und 1899 auf der «Belgica» eine Forschungsreise in die Antarktis leitete und einen Zwischenhalt in Punta Arenas einlegte, schrieb, dass er einen Millionär in Feuerland kennengelernt habe, «der eine Farm mit 100’000 Schafen besitzt und bewaffnete Aufseher beschäftigt, denen er für jeden Skalp eines wilden Hundes ein Pfund Sterling zahlt; so werden die unglücklichen Indios in der Geschäftswelt bezeichnet.»
De Gerlache meinte mit «Indios» die Angehörigen der Yaghan, Selk’nam, Kawésqar und anderer einheimischer Völker. Das auf sie ausgesetzte Kopfgeld war offenbar so üblich wie auf lästige Füchse oder Ratten: «Für jeden getöteten Indio bekam man als Zahlung zehn Pesos», berichtete ein anderer Zeitzeuge. Die Männer wurden seinen Worten zufolge sofort erschossen, die Frauen und Kinder zum Arbeitsdienst auf die Farmen oder in ein eigens eingerichtetes Konzentrationslager verschleppt. Die kaum zu überbietende Ironie an der Geschichte ist, dass heute alte Fotos, auf denen diese Menschen zu sehen sind, zu Werbezwecken für die Region benutzt werden, wie die Bilder bezeugen.
STEFAN GURTNER
Stefan Gurtner ist im Saanenland aufgewachsen und lebt seit 1987 in Bolivien in Südamerika, wo er mit Strassenkindern arbeitet. In loser Folge schreibt er im «Anzeiger von Saanen» über das Leben mit den Jugendlichen. Wer mehr über seine Arbeit erfahren oder diese finanziell unterstützen möchte, kann sich beim Verein Tres Soles, Ursula und Walter Köhli, Seeblickstrasse 6, 9320 Arbon, E-Mail: walterkoehli@ bluewin.ch erkundigen. Spenden: Tres Soles, 1660 Château-d’Oex, IBAN: CH20 0900 0000 1701 6727 4. www.tres-soles.de






