Die Überraschung war gross, als im Jahr 2012 – nach einer akribischen Entzifferungsarbeit – die zuvor unleserliche Hausinschrift die Namen der Bauherrschaft des Wohnhauses auf dem Gärber preisgab: Lieutenant Joseph Jaggi und Maria Raaflaub. Damit wurde in der ...
Die Überraschung war gross, als im Jahr 2012 – nach einer akribischen Entzifferungsarbeit – die zuvor unleserliche Hausinschrift die Namen der Bauherrschaft des Wohnhauses auf dem Gärber preisgab: Lieutenant Joseph Jaggi und Maria Raaflaub. Damit wurde in der Feutersoey völlig überraschend das Wohnhaus des Wunderdoktors wiederentdeckt, der einst mit seinen abenteuerlichen Arzneirezepten für viel Furore gesorgt hatte.
MARTIN GURTNER-DUPERREX
Schleierhaft bleibt bis heute, wo sich «Lieutenant» Joseph Jaggi als junger Mann während einiger Jahre herumgetrieben hatte. Vielleicht war er als Reisläufer oder Söldner in fremde Dienste gezogen, verdiente dadurch ein paar Batzen und baute sich 1739 nach seiner Rückkehr in der Feutersoey ein kleines Heimet? Man weiss auch nicht, ob er fernab der Heimat seine Vorliebe für den Barockstil entdeckt hatte, der damals gerade auf dem Höhepunkt war. Fest steht nur: Er liess einen beträchtlichen Teil der Frontseite seines Hauses mit einem schillernden Farbspektakel aus grossen Blumen und allerlei geschwungenen Pflanzenmotiven bemalen, das seinesgleichen sucht. Seit den Zeiten von Zimmermeister Hans Tüller und Sohn vor mehr als 30 Jahren war es eines der wenigen Häuser im Saanenland, das wieder Fassadenmalereien aufweist – und das erste, das derart grossflächig bemalt wurde. Weitere sollten in den nächsten Jahrzehnten folgen, Schlag auf Schlag.
«Hocus-Pocus» oder bloss Mittel zum Zweck?
Joseph Jaggi war das, was man heute einen Wunderheiler, im Dialekt «Strüdler», nennen würde. Eine Kopie seines im Gemeindearchiv konservierten «Artzney-Büchlin» enthält wunderliche Rezepte für Mensch und Tier, wie dieses Müsterchen zeigt: «Fieberkur – nimm schöne frische Rauten, zerschneide sie und nimm von gesunden Menschen den Urin, tue das Kraut darein zu beizen und rühr es wohl untereinander und trinke denselben … und leg dich dann wohl zugedeckt zu.»
Jaggi praktizierte eine Mischung aus Medizin, «Heidenkünsten» und «Geheimnissen der Zauberei», die er im Ormont-Tal bei einem alten Doktor erlernt haben soll, wie im Saanen-Buch von Emanuel Friedli nachzulesen ist. Der ganze «Hocus-Pocus» sei aber nur Mittel zum Zweck gewesen, wahrscheinlich behandelte er seine Patienten bloss mit Waschungen, Kräutersud und Räucherungen. Aus heutiger Sicht war Joseph Jaggi ein kundiger Wundarzt und Kräuterkenner – ein «Liebhaber der edlen Arzney-Kunst», wie er sich selbst bezeichnete. Seine günstigen Behandlungsmethoden seien für die arme Talbevölkerung wichtig gewesen, da sie sonst kaum Zugang zu Ärzten hatte.
Von der Witwe und Tochter über viele Erbgänge bis zum Verkauf
Als Joseph Jaggi 1763 das Zeitliche gesegnet hatte, ging der Bauernbetrieb an seine zweite Ehefrau Maria Raaflaub über. Später teilten sich ihn die Witwe, Tochter Maria und Schwiegersohn Hanspeter Russi. Nach weiteren Erbgängen und Verkäufen kam die Liegenschaft 1852 zur Familie Romang aus Feutersoey, 1937 übernahm sie schliesslich Rheinhold und Marie Desplands-Ummel. Letztere wohnte hier bis in die 1980er-Jahre, sie war die Grosstante des heutigen Eigentümers Niklaus Walker. Über seine Grossmutter und Eltern war das Gut 2002 an ihn gelangt. Seither hat er es grösstenteils selbst umgebaut – vorerst ohne zu ahnen, welch illustrer Vorgänger hier einst gelebt hatte.
Quellen: Dokumentation Rubi-Fonds/Bendicht Hauswirth (inklusive Jaggis Rezept), 2013; Emanuel Friedli: «Stückli vom alte Toktor Jaggi», Bärndütsch – 7. Band Saanen, Verlag A. Francke, Bern 1927; Anzeiger von Saanen: «Nun ist das Geheimnis gelüftet» (Anita Moser), Nr. 61, 31.7.2012.
Die Restaurierung der Fassade wurde 2012 durch den Rubi-Fonds unterstützt.