Die Dynastie von Siebenthal: von nächtlicher Detektivarbeit, Heiratspolitik – und einem Doctor honoris causa
04.09.2026 SerieIm Mittelalter führte über das Saali ein Säumerweg von Saanen ins Obersimmental. Am Waldrand stand dort einst ein Burgturm, von dem aus mutmasslich der Handelsverkehr mit Argusaugen überwacht wurde. Jahrhunderte später sollte der bekannte Heimatforscher Robert ...
Im Mittelalter führte über das Saali ein Säumerweg von Saanen ins Obersimmental. Am Waldrand stand dort einst ein Burgturm, von dem aus mutmasslich der Handelsverkehr mit Argusaugen überwacht wurde. Jahrhunderte später sollte der bekannte Heimatforscher Robert Marti-Wehren die Fundamente ausgraben. Geboren wurde er gleich nebenan: im Saalihaus, dem Stammsitz einer alteingesessenen Familie.
MARTIN GURTNER-DUPERREX
Nachts bei völliger Dunkelheit – bei schrägem Scheinwerferlicht und fotografischer Detektivarbeit – konnte ein Teil der stark verwitterten Fassadeninschrift in diesem Fall zum Sprechen gebracht werden: Demnach war ein Zimmermeister namens Christen Gander 1708 für den Bau des Saalihauses verantwortlich. Nur die Fassadenmitte schwieg hartnäckig – ausgerechnet dort, wo sich wohl die Bauherrschaft mit ihrem Namen ein ewiges Denkmal setzen wollte, konnte die Schrift nicht mehr entziffert werden. Sie dürfte angesichts der beachtlichen Grösse dieses traditionellen, aber relativ bescheiden dekorierten Zweistubenhauses zur Saaner Führungselite gehört haben.
Familientradition: Landesvenner, Kastlan und Gemeindepräsident
In Betracht kommen Landesvenner Bendicht von Siebenthal (1664–1724) und seine Gattin Anna Mezenen. Denn ein Hausschrank nennt die Jahreszahl 1735 und ihren Sohn Johannes, möglicherweise den damaligen Eigentümer des Saalihauses. Johannes von Siebenthal (1693–1771) war Bergbauer, Richter und Politiker. Zweimal bekleidete er als Kastlan das höchste Amt von Saanen. Mit seiner Ehefrau Maria Frautschi, ebenfalls aus einem einflussreichen Geschlecht, zeugte er eine ganze Menge Kinder – wovon immerhin fünf das Erwachsenalter erreichten.
War bei so begüterten Familien alles nur «Heiratspolitik», wie manchmal behauptet wird? Ein erhaltener Liebesbrief beweist das Gegenteil: Die Ehe von Saali-Erbin Maria von Siebenthal, geboren 1824, und Bendicht von Siebenthal (1820–1896) – beide Nachfahren des alten Kastlans – diente zwar dem Zusammenhalt des Familienbesitzes, beruhte aber nicht nur auf Kalkül. Auch Bendicht von Siebenthal engagierte sich in der Politik und war Saaner Gemeindepräsident. Noch zu Lebzeiten der Eltern ging das Saali an eine ihrer Töchter, Katharina von Siebenthal, über.
Heimatforscher und Ehrenbürger von Saanen
Robert Marti-Wehren, 1895 im Saalihaus geboren, war der Sprössling dieser Katharina von Siebenthal und ihres Ehegatten Gottfried Marti. Nach seiner Ausbildung am Lehrerseminar zog es ihn nach Bern, wo er als Primarlehrer wirkte. Zudem forschte er jahrzehntelang auf dem Gebiet der Geschichte, der Bräuche und Traditionen des Saanenlandes. Sein unermüdliches Engagement und die Veröffentlichung unzähliger Bücher und Schriften brachten ihm sogar eine Ehrendoktorwürde der Universität Bern sowie die Ehrenbürgerschaft von Saanen ein. Dr. h.c. Robert Marti-Wehren verstarb 1970 in Bern.
Vor einigen Jahren erwarben Rémy und Verena Best das Saalihaus von der Familie Marti und liessen es aufwendig renovieren – inklusive Schindeldach. Zur erstandenen Liegenschaft gehörte auch ein Sammelsurium von historischen Werkzeugen und allerlei Gegenständen. Ein Glücksfall, wie das Ehepaar Best im Vorwort des Buches von Bendicht Hauswirth schreibt, denn so wurden Leben und Arbeit vergangener Jahrhunderte wieder greifbar gemacht.
Quellen: Dokumentation Rubi-Fonds/Bendicht Hauswirth, 2015; Bendicht Hauswirth (Hrsg. Rémy und Verena Best): Saanenland, eine Geschichte – eine Zukunft, Müller Medien AG, Gstaad 2017; GstaadmyLove: «Verena & Rémy Best» (Hans-Ueli Tschanz), Nr. 41/2025, Verlag Müller Medien, Gstaad. Die Restaurierung der Fassade wurde 2013/14 durch den Rubi-Fonds begleitet.








