Domodossola
28.11.2025 ReisenDer Hauptort des norditalienischen Valle d’Ossola ist seit jeher das beliebteste Ausflugsziel unserer Familie gewesen. Denn hierher konnte man, auch früher schon, von Bern aus bequem in gut eineinhalb Stunden mit der SBB reisen. Allein schon der Liftund Rolltreppenlose alte Bahnhof ist ...
Der Hauptort des norditalienischen Valle d’Ossola ist seit jeher das beliebteste Ausflugsziel unserer Familie gewesen. Denn hierher konnte man, auch früher schon, von Bern aus bequem in gut eineinhalb Stunden mit der SBB reisen. Allein schon der Liftund Rolltreppenlose alte Bahnhof ist auch heute noch sehenswert. Und weil hier in Domodossola an jedem Wochenende der Kleider-, Fleisch (Salami!)-, Gemüse-, Blumen- und Käsemarkt stattfindet, wird es einem weder langweilig, noch bekommt man Platzangst. Obschon: Umgeben ist man dann hier am Wochende nicht von Italienerinnen und Italienern, sondern von zahlreichen Familien aus der Deutschschweiz und somit besonders von vielen jungen und alten Walliserinnen und Wallisern. Und ihre Ehemänner, Väter und Grossväter sind zum Tragen und manchmal wohl auch zum Zahlen mit dabei.
Auch unsere Kinder fuhren fürs Leben gern nach Domo, weil sie hie und da für ihre «Einkäufe» je ein Sackgeld von drei bis fünf Banknoten im Wert von je 1000 Lira bekamen. Damit konnte man sich schon mal einen Nussgipfel oder ein Gelato kaufen. Heute sind nicht nur die wunderschönen Banknoten verschwunden, sondern bezahlt wird nur noch mit Euros.
Und man erinnert sich auch schon gar nicht mehr daran, dass Domodossola 1944 die Hauptstadt der Partisanenrepublik Ossola war. Sie existierte aber nur gerade 44 Tage, nämlich vom 9. September bis zum 23. Oktober 1944.
Anfänglich waren hier fünf Partisanengruppen aktiv: die Monarchisten, die Christdemokraten, die Kommunisten sowie noch zwei autonome Gruppen mit insgesamt über 3000 Partisanen. Aber die Angriffe auf die deutschen Besatzer waren weder abgesprochen noch koordiniert.
In der Nacht vom 9. September gelang es den beiden Partisanendivisionen «Valdossola» und «Valdoce», mit den deutschen Soldaten einen Waffenstillstand zu vereinbaren und die italienischen Carabinieri und deutschen Wehrmachtsoldaten zu vertreiben. Tags darauf eröffnete der aus dem Schweizer Exil zurückgekehrte Ettore Tibaldi als Präsident die erste Sitzung der «Giunta Provvisoria». Diese provisorische Regierung war vielfältig zusammengesetzt. Sogar eine Kommunistin, Gisella Floreanini, war dabei. Und so wurde sie die erste Ministerin in der Geschichte Italiens. Ihre Aufgabe war die enge Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft: mit den Gewerkschaften, Vereinen und Genossenschaften.
Die provisorische Regierung setzte ein gemeinsames Militärkommando ein und gründete ein überregionales Polizeikorps, nämlich die Guardia Nazionale. Die Regierung dekretierte aber auch die Pressefreiheit, produzierte eigene Briefmarken und organisierte das Schulsystem neu. Die faschistische Gewerkschaft wurde aufgelöst und der öffentliche Verkehr mit der Schweiz wiederbelebt.
Diese Phase des Aufbruchs und der demokratischen Selbstbestimmung begann am 9. September 1944. Aber am 14. Oktober 1944 marschierten die deutsch-italienischen Truppen in Domodossola ein, am 23. Oktober wurde die Republik aufgelöst und über 10’000 Menschen flüchteten in die Schweiz. Zwei Drittel der Partisanen waren gefallen oder ebenfalls über die Grenze geflohen. Die Erwachsenen wurden in Flüchtlingslagern untergebracht, die Kinder auf Gastfamilien in der ganzen Schweiz verteilt. Dass die Schweiz im Herbst 1944 ihre Grenzen öffnete, ist bis heute im Gedächtnis der Bevölkerung des Ossolatals haften geblieben.
OSWALD SIGG
JOURNALIST, EHEMALIGER BUNDESRATSSPRECHER oswaldsigg144@gmail.com
Quelle: blog.nationalmuseum.ch

