Ein Herz für das Dorfleben
10.07.2026 PorträtDen Namen Balu kennt im Saanenland fast jeder. Marco Nigg dagegen längst nicht alle. Hinter dem Spitznamen steckt ein ideenreicher Macher, der lieber anpackt als lange plant und über sich selbst weit weniger spricht als über seine Projekte.
MAXIME ...
Den Namen Balu kennt im Saanenland fast jeder. Marco Nigg dagegen längst nicht alle. Hinter dem Spitznamen steckt ein ideenreicher Macher, der lieber anpackt als lange plant und über sich selbst weit weniger spricht als über seine Projekte.
MAXIME VÖGELE Der Name Balu ist im Saanenland vielen ein Begriff. Dass der Mann dahinter eigentlich Marco Nigg heisst, wissen jedoch längst nicht alle: «Es gibt Leute, die mich nicht mit bürgerlichem Namen kennen.» Fragt man Balu nach seinem Spitznamen, muss er nicht lange überlegen. Mit einem Schmunzeln erzählt er gleich zwei Ursprungsgeschichten – welche oder ob überhaupt eine davon stimmt, lässt er offen. Einerseits könnte es von seinem Namen «Marco da Balentino» stammen, andererseits, dass er im Sommer gerne wie Balu aus dem Dschungelbuch auf dem Rücken im Wasser treibe und Nüsse von seinem Bauch nasche, erzählt er lachend. Fest steht nur, dass sich der Spitzname durchgesetzt hat. Nur noch seine Eltern und manchmal seine Frau nennen ihn heute noch Marco.
Ideenreich
Wer Balu kennt, weiss: An Ideen mangelt es ihm selten. «Ich habe ziemlich viele Ideen. Aber auch viele, bei denen es keinen Sinn ergibt, sie umzusetzen.» Viele davon verwerfe er gleich selbst. Damit aus einer Idee tatsächlich ein Projekt werde, brauche es aber auch Schreibtischarbeit. Am liebsten packe er selbst mit an. Der gelernte Landschaftsgärtner habe etwa auch den Schiffscontainer, in dem heute die Bar des Gstaad alive untergebracht ist, eigenhändig umgebaut: «Wäre ich nur im Büro, hätte ich nach kurzer Zeit Langeweile.» Gerade die Abwechslung zwischen Planen, Organisieren, handwerklicher Arbeit und dem Kontakt mit den Menschen an der Bar mache für ihn den Reiz aus.
«Wir haben einfach gemacht»
Nach seinen ersten Saisons als Snowboardlehrer im Berner Oberland stand Balu schon bald hinter statt vor der Bartheke. Mit der Zeit wurde aus dem Bäriswiler immer mehr ein Einheimischer. Gemeinsam mit einem Kollegen führte er auf dem Rinderberg eine Bar.
«Wir hatten keine Ahnung, wir haben einfach gemacht», sagt er und lacht. Die Zeit habe «gfägt», aber irgendwann habe man nicht mehr die gleichen Ziele gehabt. «Dann schaute jeder für sich.» Statt einem festen Karriereplan scheint Balu vor allem seiner Neugier zu folgen. Nicht nur die Arbeit hinter der Bar faszinierte ihn, sondern auch alles, was dazugehört. «Mich interessierte es, was es braucht, einen Betrieb zu führen», sagt er. Deshalb überlegte er sich zunächst eine zweite Lehre als Koch zu machen. Weil ihn der Aufwand einer weiteren Ausbildung aber abschreckte, entschied er sich stattdessen für das Wirtepatent. «Gewisse sagen, dann macht man alles, aber nichts richtig», sagt er dazu lachend. Ganz unrecht hätten sie damit vielleicht nicht, meint er. Für Balu zählt jedoch etwas anderes: Wer in der Gastronomie etwas aufbauen wolle, müsse bereit sein, viel Zeit und Herzblut zu investieren. Der Gedanke, damit schnell Geld zu verdienen, sei fehl am Platz.
Ein Ort für Einheimische...
Je länger Balu von seinen Projekten – wie zum Beispiel dem Gstaad alive – erzählt, desto deutlicher wird, worum es ihm eigentlich geht. Nicht die nächste Veranstaltung steht im Vordergrund, sondern ein Ort für die Einheimischen. «Es ist ein Angebot für den Einheimischen, wo man nicht neun ‹Stutz› für ein Bier bezahlt.» Ihm geht es um einen Platz, an dem die Leute einen Bezug zum Betrieb haben und bekannte Gesichter hinter und vor der Theke treffen. Zwischen dem grossen Angebot für die Gäste im Saanenland dürfe ein Treffpunkt für Einheimische nicht zu kurz kommen.
Auch nach all den Projekten gibt es für Balu keine Erfolgsgarantie. Ob ein Angebot angenommen werde oder nicht, zeige sich erst, wenn die Leute tatsächlich kämen: «Du weisst nie, ob es jemanden interessiert, was du machst – egal ob bei einem Stück Kuchen oder einem Konzert.»
Dass im Saanenland etwas läuft, sei aber nicht sein Verdienst allein. Es gebe viele Vereine und engagierte Menschen, die spannende Projekte auf die Beine stellten. Bei Veranstaltungen wie der «Fête de la Musique» arbeite man beispielsweise gerne zusammen.
...und ein Ort für Kultur
Für Balu hört ein Treffpunkt nicht bei Essen und Getränken auf. Er möchte Menschen zusammenbringen und ihnen Kultur näherbringen. «Ich habe schon das Gefühl, ich mache Kultur», sagt er fast etwas zögerlich. Dabei gehe es ihm nicht darum, das vorhandene kulturelle Angebot im Saanenland zu ersetzen. Vielmehr möchte er Kultur an einen Ort bringen, an dem die Menschen ohnehin zusammenkommen. Während in einer Stadt an jeder Ecke Konzerte, Poetry Slams oder Lesungen stattfänden, sei es in einer Randregion schwieriger, Menschen spontan dafür zu begeistern. Mit Musik gelinge das am ehesten. «Die Leute bleiben stehen», sagt er. Musik soll deshalb auch künftig eine wichtige Rolle spielen.
Balance
Seine Projekte nehmen viel Raum ein. Man merkt, dass sie weit mehr als ein Beruf sind, den man bei Feierabend hinter sich lässt. Wenn das Telefon klingelt und im Betrieb etwas ansteht, macht sich Balu auf den Weg. Gerade in der Hochsaison werde aus dem theoretischen 70-Prozent-Pensum deshalb schnell deutlich mehr. Umso wichtiger sei ihm heute die Familie. Die Balance zwischen beidem hätten er und seine Frau erst finden müssen. «Es funktioniert, aber es ist immer wieder ein Herausfinden. Ich glaube aber, wir machen das sehr gut», sagt Balu. Die Kinderbetreuung teilen sie sich auf. Damit Balu seine Ideen verwirklichen kann, brauche es in dieser Zeit auch die Unterstützung und den Rückhalt seiner Frau. Dafür sei er sehr dankbar: «Wenn sie nicht mithelfen würde, könnte ich all das nicht machen.»
Einfach machen
Balu erzählt mit Begeisterung von seinen Ideen und Projekten. Sobald sich die Fragen aber um ihn selbst drehen, wird es still. Auf die Frage nach seinem Lieblingsprojekt folgt eine lange Denkpause. Auch wie er sich in den vergangenen Jahren verändert habe oder was ihn eigentlich antreibe, beantwortet er nicht aus dem Stegreif. «Ich bin nicht immer mega reflektiert», sagt er offen.
Vielleicht erklärt genau das auch, weshalb viele den Balu kennen, Marco aber kaum jemand. Über sich selbst spricht er wenig. Viel lieber verwirklicht er die nächste Idee, für die er brennt. «Wenn ich nicht mehr dafür brenne, mache ich es nicht mehr.»
ZUR PERSON
Marco «Balu» Nigg wurde 1984 geboren und ist in Bäriswil im Berner Mittelland aufgewachsen. Nach seiner Ausbildung zum Landschaftsgärtner zog es ihn als Snowboardlehrer ins Berner Oberland. Aus einer Saison wurden viele – und aus dem Saisonnier ein Einheimischer. Seit 2012 arbeitet er bei barproject.ch, 2017 übernahm er die Geschäftsführung. Dort lernte er auch seine Frau Salomé kennen.
Sein grösstes Projekt ist heute das Pop-up Gstaad alive auf dem Kapälliplatz, das inzwischen im Sommer und im Winter stattfindet.
MAV



