Ein unerwartetes Wiedersehen im Gefängnis von Ushuaia
28.08.2026 ChronikDiese Folge der Chronik über die Reise, die ich zusammen mit meinem Bruder Martin von Bolivien nach Feuerland unternahm, handelt von einem Gefangenen aus Fleisch und Blut, der im berühmt-berüchtigten Gefängnis von Ushuaia inhaftiert war und dem ich zuvor unter anderen ...
Diese Folge der Chronik über die Reise, die ich zusammen mit meinem Bruder Martin von Bolivien nach Feuerland unternahm, handelt von einem Gefangenen aus Fleisch und Blut, der im berühmt-berüchtigten Gefängnis von Ushuaia inhaftiert war und dem ich zuvor unter anderen Umständen begegnet war.
In meinem allerersten Beitrag, als ich von meiner Reise nach Feuerland erzählte, war von einem imaginären Häftling in Ushuaia, im «Gefängnis am Ende der Welt», die Rede. Es ging um eine meiner ersten Erzählungen, die ich als Jugendlicher geschrieben hatte, in der Josef Mengele alias Dr. Gelbgesicht, ein Nazikriegsverbrecher, an diesem unheimlichen Ort endete. Erst Jahre später, als ich das Buch «Doña Isidora und ihre unglaublichen Geschichten» schrieb, stiess ich erneut auf dieses Gefängnis. In dem Roman wird die Geschichte der Grossmutter meiner bolivianischen Frau Guisela erzählt. Isidora war Aymara, Analphabetin und Mitbegründerin der ersten Marktfrauengewerkschaft Boliviens.
Diese Bewegung hatte in Argentinien Anhänger gewonnen, ihres Zeichens Anarchisten. Einer von ihnen schilderte während seines Besuchs in Bolivien den Frauen die Geschichte von Simon Radowitzky, eines russisch-ukrainischen Immigranten. Als Junge war er aufgrund der politischen Verfolgung im Anschluss an die gescheiterte Revolution von 1905 nach Argentinien ausgewandert, wo er das Schmiedehandwerk erlernte.
«Am 1. Mai 1909, während einer Demonstration des anarchistischen Gewerkschaftsbundes in Buenos Aires, wurde Simon Zeuge, wie Soldaten unter dem Kommando von Oberst Falcón das Feuer auf die unbewaffneten Arbeiter eröffneten», begann der Besucher seine Erzählung. «Sieben Monate später warf er eine Bombe in die Kutsche jenes Obersts, der, ebenso wie sein Adjutant, auf der Stelle tot war. Simon wurde daraufhin zum Tode verurteilt, doch aufgrund seines jugendlichen Alters wandelte man die Strafe in eine lebenslange Haft um und brachte ihn in das Gefängnis am Ende der Welt.»
«Wir wohnten damals im Norden von Argentinien», fuhr der Besucher fort. «Eines Tages riss unser Sohn, der noch ein kleiner Junge war, aus und wir machten uns auf die Suche nach ihm. Wir fanden ihn, wie er den Bahnschienen entlang stadtauswärts ging, über seiner Schulter trug er einen Stecken, an dem ein Bündel hing. Er wollte nach Feuerland, um Simon aus dem Gefängnis zu befreien.»
Man muss wissen, dass damals unter den anarchistischen Aktivisten viel über den Fall diskutiert wurde und so hatte der Bub bei den Versammlungen aufgeschnappt, dass Radowitzky auf Feuerland im Gefängnis sass.
Als mein Bruder Martin und ich während unseres Besuchs in Ushuaia das Gefängnis, nun in ein Museum verwandelt, betraten, wusste ich also, dass Simon Radowitzky ab 1911 hier inhaftiert gewesen war. Ebenso, dass er 1930 begnadigt worden war und im Anschluss Exil in Mexiko gefunden hatte.
Diese Geschichte war natürlich neben derjenigen von Dr. Gelbgesicht mit ein Grund, warum ich den Ort unbedingt besuchen wollte. Was ich jedoch nicht erwartet hatte, war, dass ich in einer der feuchten und kalten Zellen eine Gedenktafel über Simon Radowitzky finden würde, ebenso weitere Tafeln, die kurz die Lebensläufe und Leidensgeschichten anderer ehemaliger Gefangener beschrieben.
Nach einem Bericht der argentinischen Zeitschrift «Revista Pensamiento Penal» mussten die Häftlinge «die unmenschlichsten Bedingungen, die man Gefangenen nur zumuten kann, ertragen. Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass Ushuaia schon aufgrund seiner geografischen Lage und seines extremen Klimas eines der schlimmsten Gefängnisse der Menschheitsgeschichte war.»
Jedes Jahr, wenn sich das Datum des Anschlags auf Falcón jährte, wurde Radowitzky für 20 Tage bei völliger Dunkelheit und nur mit Brot und Wasser in Isolationshaft gesteckt. Selbst den Hartgesottensten wurde bei dieser Behandlung die Seele gebrochen.
«Die Sträflinge, die in dieses entlegene Gebiet geschickt wurden, weinten viel und oft. Sogar noch vor ihrer Ankunft auf der Insel dachten viele an Selbstmord. So sprangen schon beim Ausschiffen zahlreiche Häftlinge ins Wasser, in der Hoffnung zu ertrinken, da sie eine wahrhaft höllische Angst vor dieser Strafanstalt hatten», heisst es weiter in der bereits zitierten Zeitschrift. «Tod und Trostlosigkeit waren allgegenwärtig und gehörten zum Alltag. Starb jemand infolge von Misshandlungen oder Krankheit, wurde er begraben, und damit hatte es sich. Oft wurde nie geklärt, woran der Häftling gestorben war. Wer auch nur im Verdacht stand, etwas zu wissen, wurde bedroht oder gefoltert, damit er schwieg.»
Eine der Beschäftigungen der Häftlinge war das Holzfällen in den Bergen im Hinterland von Ushuaia – und zwar zu jeder Jahreszeit, bei jedem Wetter, bei eisiger Kälte, obwohl sie nichts anderes trugen als ihre dürftige Sträflingskleidung. Besonders am Anfang, als das Gefängnis gebaut wurde und der Ort rund herum entstand, war der Holzbedarf so gross, dass sogar ein Schmalspurbähnchen gebaut werden musste, um die Stämme abzutransportieren. Doch auch später blieb der Verbrauch durch das Kochen und Heizen sehr hoch.
Obwohl Simon es versuchte, war auch bei dieser Arbeit an eine Flucht nicht zu denken. «Wenn jemand trotzdem floh, suchte man ungefähr 40 Tage nach ihm. Tauchte er bis dahin nicht auf, galt er als tot, da die klimatischen und geografischen Bedingungen es nahezu sicher machten, dass der Flüchtling entweder erfroren, verhungert, von einem wilden Tier angegriffen oder in den eisigen Gewässern am Ende der Welt ertrunken war.»
Gegenwärtig ist das Bähnchen zu touristischen Zwecken wieder in Betrieb. Man kann die abgeholzten Wälder bis heute sehen. Lenga-Bäume, die in dieser unwirtlichen Gegend heimisch sind, wachsen nur wenige Zentimeter pro Jahr, werden aber zwischen 150 und 300 Jahre alt. Im Bahnhof trifft man auf junge Männer in schwarz-gelb gestreiften Häftlingsuniformen, die Fratzen schneiden, herumblödeln und sich gegen ein kleines Entgelt mit den Besuchern fotografieren lassen. Kaum jemand kann sich heute vorstellen, was Simon Radowitzky, mein «alter» Bekannter, und andere Häftlinge damals durchmachen mussten.
STEFAN GURTNER
Stefan Gurtner ist im Saanenland aufgewachsen und lebt seit 1987 in Bolivien in Südamerika, wo er mit Strassenkindern arbeitet. In loser Folge schreibt er im «Anzeiger von Saanen» über das Leben mit den Jugendlichen und andere Themen aus Bolivien. Wer mehr über seine Arbeit erfahren oder diese finanziell unterstützen möchte, kann sich beim Verein Tres Soles, Ursula und Walter Köhli, Seeblickstrasse 6, 9320 Arbon, E-Mail: walterkoehli@bluewin.ch erkundigen. Spenden: Tres Soles, 1660 Château-d’Oex, IBAN: CH20 0900 0000 1701 6727 4. www.tres-soles.de





