Eine scheinbar unmögliche Andenüberquerung
30.12.2025 ReisenIn den nächsten Bolivienspalten möchte ich über die Orte berichten, die mein Bruder Martin und ich während der über 5000 km langen Reise auf dem Landweg von Bolivien nach Feuerland besuchten und die ich kulturell und geschichtlich besonders interessant fand. Der ...
In den nächsten Bolivienspalten möchte ich über die Orte berichten, die mein Bruder Martin und ich während der über 5000 km langen Reise auf dem Landweg von Bolivien nach Feuerland besuchten und die ich kulturell und geschichtlich besonders interessant fand. Der heutige Artikel befasst sich mit dem höchsten Berg Südamerikas und beleuchtet den Hintergrund der Andenüberquerung des Generals San Martín.
Unseren ersten längeren Zwischenhalt machten wir im nördlichen Grenzgebiet zwischen Argentinien und Chile, genauer gesagt in der Gegend des «Aconcagua», der mit seinen 6961m der höchste Berg der Welt ausserhalb Asiens ist.
Kurz vor dem Tunnel des Cristo-Redentor-Passes, der heute beide Länder verbindet, steht eine Büste von General José de San Martín. Während des Unabhängigkeitskriegs gegen die Spanier im Jahr 1817 überquerten er und seine 5000 Soldaten an dieser Stelle in einem für nicht möglich gehaltenen Gewaltmarsch die Anden und überraschten und besiegten das spanische Kolonialheer, das in Chile stationiert war.
An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass diesem Geniestreich bereits der Vormarsch der venezolanischen, kolumbianischen und argentinischen Patrioten vorangegangen war, der nicht nur die Befreiung ganz Südamerikas zum Ziel hatte, sondern auch schon zur Ausrufung ihrer Unabhängigkeit geführt hatte, aber bedauerlicherweise ins Stocken geraten war. Simón Bolívar, die andere prägende Figur dieser Ereignisse, stand mit seiner Armee im Norden des Vizekönigreichs Peru, das sich damals aus dem heutigen Peru und Bolivien zusammensetzte, und San Martín im Südosten, ohne dass es einer von beiden gewagt hätte, direkt gegen das Bollwerk, das die Spanier weiträumig um den strategisch und wirtschaftlich wichtigen Silberberg von Potosí errichtet hatten, vorzugehen.
Welche Mühen und welches Ungemach die Soldaten des sogenannten «Andenheeres» für diese Überquerung auf sich nehmen mussten, wird auf einer Internetseite der argentinischen Regierung ungeschminkt beschrieben: «Anfang 1817 war alles für den Andenübergang vorbereitet. Lange Kolonnen des Heeres begannen im Januar mit dem Aufstieg über nicht weniger als sechs verschiedene Pässe, um den Feind zu täuschen (…) Die Verpflegung im Hochgebirge bestand für die Soldaten aus in der Sonne getrocknetem und gesalzenem Fleisch, ‹charqui› genannt, das mit Maismehl und heissem Wasser vermischt wurde; ausserdem erhielt jeder eine Portion Käse und Zwieback. Um die Kälte zu ertragen und die Höhenkrankheit erträglicher zu machen, tranken sie Wein und assen rohe Zwiebeln und Knoblauch... Sie lagerten unter freiem Himmel in Gegenden, die ihnen sicher erschienen; oft bei Regen oder Schnee, bei starkem Wind und sehr niedrigen Temperaturen, die in den Kordilleren während der Nacht herrschen, denn Zelte gab es keine. Um nicht vom Feind entdeckt zu werden, vermieden sie es, ein Feuer anzuzünden, das ihnen geholfen hätte, die Kälte zu ertragen. Extreme Erschöpfung war ein ständiger Begleiter der Soldaten … San Martín rechnete damit, dass viele während der Überquerung krank werden würden – infolge übermässiger Müdigkeit, schlechter Ernährung und letztlich auch wegen der Schwierigkeiten, sich nicht an das Klima anpassen zu können. Kranke und Verwundete wurden auf Tragen transportiert. So auch San Martín, der selbst mehrmals krank wurde und auf diese Weise befördert werden musste. Es heisst, dass das Heer zwischen 20 und 30 Tagen benötigte, um auf diese Weise die Anden zu überqueren.»
«Was mich nicht schlafen lässt, ist nicht der Widerstand, den mir die Feinde entgegensetzen könnten, sondern das Durchqueren dieser gewaltigen Berge», hatte der General bei einer Gelegenheit vor dem Abmarsch gesagt.
Mit der Andenüberquerung allein war es jedoch nicht getan. San Martín rückte anschliessend Richtung Norden bis Lima vor und rief dort 1821 die Unabhängigkeit Perus aus. Der spanische Vizekönig La Serna musste sich daraufhin in das Hochland zurückziehen.
Ein Jahr später trafen sich San Martín und Simon Bolívar in der Hafenstadt Guayaquil, die im heutigen Ecuador liegt. Was genau zwischen den beiden Generälen geschah und wie das Gespräch verlief, ist bis heute umstritten. Tatsache jedoch ist, dass San Martín seine Truppen Bolívar unterstellte und sich aus dem Kriegsgeschehen zurückzog. Sein Entschluss war anscheinend sowohl durch Meinungsverschiedenheiten über das weitere militärische und politische Vorgehen motiviert, als auch durch die Weigerung der argentinischen Regierung, San Martín weiterhin finanziell zu unterstützen.
Das vereinte Heer, unterstützt durch hervorragende Offiziere wie Sucre, Santa Cruz und O’Connor, bezwang im Jahr 1824, nur drei Jahre nach San Martíns erfolgreichem Feldzug, in den Schlachten von Junín und Ayacucho eine weitere spanische Kolonialarmee und besiegelte damit die endgültige Unabhängigkeit von Peru und Bolivien, dem sogenannten ehemaligen Hochperu. Bolivien wählte seinen Namen aus Dankbarkeit gegenüber Simón Bolívar, obwohl es bereits im Jahr 1809 – mehr als zehn Jahre zuvor – als erstes Land dieses Kontinents den Befreiungskampf aufgenommen und die Spanier seither mit einem Guerillakrieg hinter den Frontlinien stetig geschwächt hatte.
Mit Blick auf die damaligen Geschehnisse wird die Rolle von San Martín nicht immer gebührend gewürdigt. Die Historikerin Teresa Gisbert widmete diesem Ereignis in ihrem Buch «Historia de Bolivia» gerade einen einzigen Satz: «Er überquerte die Kordilleren mit seinem Heer und drang nach Chile vor, wo er die Royalisten in den Schlachten von Chacabuco (1817) und Maipú (1818) besiegte.»
Ohne Zweifel kann seine Andenüberquerung jedoch durchaus mit den Alpenüberquerungen Hannibals und Napoleons verglichen werden – und zwar sowohl hinsichtlich der strategischen und logistischen Leistung als auch des körperlichen Einsatzes der Offiziere und Soldaten. Der grosse Unterschied besteht darin, dass die Erstgenannten aus Eroberungsgründen handelten, San Martín aber die Völker seines Kontinents befreien wollte – was ihm auch gelang.
STEFAN GURTNER
Stefan Gurtner ist im Saanenland aufgewachsen und lebt seit 1987 in Bolivien in Südamerika, wo er mit Strassenkindern arbeitet. In loser Folge schreibt er im «Anzeiger von Saanen» über das Leben mit den Jugendlichen. Wer mehr über seine Arbeit erfahren oder diese finanziell unterstützen möchte, kann sich beim Verein Tres Soles, Walter Köhli, Seeblickstrasse 29, 9037 Speicherschwendi, E-Mail: walterkoehli@ bluewin.ch erkundigen. Spenden: Tres Soles, 1660 Château-d’Oex, IBAN: CH20 0900 0000 1701 6727 4.. www.tres-soles.de



