Trotz prekärer Situation rollen die Busse noch im Saanenland
28.11.2023 SaanenlandDer öffentliche Strassenverkehr leidet unter dem Personalmangel. Viele Verkehrsbetriebe sehen sich deshalb gezwungen, ihr Angebot anzupassen. Bei der PostAuto AG, welche den öffentlichen Strassenverkehr im Saanenland abdeckt, wirkt sich diese Situation noch nicht so stark aus. Noch gibt es schweizweit genügend Postautofahrerinnen und -fahrer. Doch das wird sich in den kommenden Jahren drastisch ändern. Die Kübli Reisen AG, PostAuto-Partnerunternehmen im Saanenland, sucht händeringend nach neuem Fahrpersonal. Und kurzum beginnt die Wintersaison. Hat diese Situation Konsequenzen für den regulären Fahrplan im Saanenland?
ÖV-Chauffeure: Der Winter kann kommen Während infolge des Fachkräftemangels die Situation im öffentlichen Verkehr vielerorts in der Schweiz prekär ist, hat die Kübli Reisen AG für die Wintersaison genug Personal. Doch auch hierzulande sucht man händeringend nach Postautofahrerinnen und -fahrern.
KEREM S. MAURER
Personalmangel im ÖV, Städte müssen ihr Angebot reduzieren! Ab dem Fahrplanwechsel am 10. Dezember braucht es mehr Geduld, die Fahrpläne werden ausgedünnt! In Basel können einige Kurse nicht mehr bedient werden, in Luzern wird die Linie fünf vorläufig ausgesetzt. So berichteten seit Anfang November Schweizer Medien über den Personalmangel im öffentlichen Verkehr. Wie sieht es im Saanenland aus, wo der Strassen-ÖV aus Postautos besteht?
Laut der PostAuto-Medienstelle ist die Suche nach geeignetem Fahrpersonal auch im Kanton Bern anspruchsvoll, aber: «Wir haben genügend Mitarbeitende, um den Fahrplan aufrechtzuerhalten», sagt PostAuto-Mediensprecherin Katharina Merkle. Dennoch sei der Aufwand für die Rekrutierung, für die Ausbildung von Fahrerinnen und Fahrern sowie für die Einsatzplanung steigend. Zu vereinzelten Postautokursausfällen sei es nur während der Coronajahre gekommen, als mehrere Fahrer:innen pro Betriebshof krank waren.
Gesicherte Wintersaison
«Das Saanenland ist landschaftlich reizvoll und bietet einen hohen Freizeitwert. Dazu gibt es für die Postautofahrerinnen und -fahrer keine Nachtdienste», beschreibt Katharina Merkle die hiesige Situation. Doch diese Vorteile vermögen die abgelegene Voralpenlage und das Fehlen von bezahlbarem Wohnraum nicht zu kompensieren. «Dies macht die Suche nach geeignetem Fahrpersonal im Saanenland anspruchsvoller als anderswo», weiss Merkle. Im laufenden Jahr sei die Suche noch schwieriger gewesen, weil die Mitarbeitenden viele Überstunden leisten mussten. Sonja Kübli von der Kübli Reisen AG in Gstaad bestätigt gegenüber dieser Zeitung: «Es ist ein Kampf, wir suchen dauernd nach neuen Fahrern!» Die Kübli Reisen AG ist eines von schweizweit rund 100 offiziellen Partnerunternehmen der PostAuto. «Momentan geht es, wir haben genug Fahrpersonal – auch für den Skibus –, um die kommende Wintersaison fahrplanmässig und korrekt abzudecken», so Kübli. Um das reguläre Fahrplanangebot im Saanenland aufrechtzuerhalten, müssen (ohne Skibus) 15,5 Vollzeitstellen besetzt sein. Aktuell beschäftigt die Kübli Reisen AG inklusive Teilzeitmitarbeitende 24 Personen, die zum Teil auch mit Reisecars der Kübli Reisen AG unterwegs sind.
Kaum Einheimische
«Wir finden praktisch keine einheimischen Chauffeure. Wir haben daher die Suche nach neuen Mitarbeitenden über die Region und über die Schweizer Grenzen hinaus ausgedehnt», führt Sonja Kübli aus. Gründe für die prekäre Personalsituation seien Pensionierungen des Fahrpersonals sowie Berufswechsel. «Die langjährige Betriebstreue, wie man sie früher kannte, als Mitarbeitende ihr halbes Leben beim selben Arbeitgeber verbrachten, gibt es heute kaum noch», bedauert sie und spricht den fehlenden, bezahlbaren Wohnraum im Saanenland an. Die Kübli Reisen AG hätte auch schon Chauffeure aus Thun oder Bulle beschäftigt, doch diese pendelten maximal ein Jahr nach Gstaad, wenn sie keine Wohnung fänden. Länger mache dies niemand mit. Man habe extra ein Studio gemietet. «Das steht unseren Mitarbeitenden zur Verfügung, ob wir es nutzen können oder nicht. Das ist zwar nicht wirtschaftlich, aber notwendig.»
Hat sich denn der Traum vom Traumberuf Postautochauffeur ausgeträumt? «Dieser Beruf hat sich sehr stark verändert», sagt Sonja Kübli. Es würden keine deutlich über der Branche liegende Gehälter mehr ausbezahlt. Auch habe sich das Ansehen des Chauffeurs, wie bei anderen Dienstleistungsberufen, gewandelt. Dazu käme, dass es auf den Strassen immer hektischer zu- und hergehe.
WIE WIRD MAN «POSCHIFAHRER:IN»?
Weil sich nicht zuletzt in ländlichen Gebieten die Rekrutierung von Fahrpersonal schwieriger gestaltet als früher, können nicht mehr ausschliesslich ausgebildete Einheimische angestellt werden. Deshalb werden vermehrt auch Quereinsteigende oder Personen aus anderen Regionen angesprochen. Bei der Rekrutierung von neuem Fahrpersonal setzt PostAuto auf neue Zielgruppen, wie beispielsweise Frauen, die Teilzeit arbeiten möchten oder auf Bewerber:innen aus branchenfremden Berufen. Ebenso würden gezielt auch ältere Personen angesprochen, die sich gegen das Ende ihres Berufslebens zum «Poschifahrer» ausbilden lassen möchten. Quereinsteigende beginnen direkt bei der PostAuto und machen nach etwa zwei Monaten die Prüfung. In der Regel absolvieren sie die Fahrschule kompakt am Stück ab ihrem ersten Arbeitstag. Je nach Vorkenntnissen in etwa 90 Lektionen.
Alle Anwärter:innen müssen sich ungeachtet der vorhandenen Fahrausweise einem Eignungstest unterziehen, der von PostAuto durchgeführt wird. Dieser Test besteht aus den zwei Modulen «Fahrkompetenz» und «Verkehrspsychologischer Test für Fahrer ohne ÖV-Erfahrung». Zusätzlich müssen sie vor Eintritt eine medizinische Eintrittsuntersuchung bei einem Vertrauensarzt des Unternehmens machen.
In der Regel endet die Beschäftigung des Postautofahrpersonals mit dem Erreichen des ordentlichen Rentenalters. Fahrer:innen können aber den gesetzlichen Vorgaben entsprechend bis zum vollendeten 70. Altersjahr weiterarbeiten, wenn sie schon zuvor bei PostAuto gearbeitet haben.
POSTAUTO/KMA


